Deutschland

ATTACKE AUF DEN STAAT, ZWEITER TEIL: Deutschland und die großen Flüchtlingskrisen 1915 und 2015

Wohin führen uns die aktuellen politischen Entwicklungen? Auch im zweiten Teil der historischen DWN-Analyse lohnt es sich, an dieser Stelle einen Vergleich zwischen der Weimarer Republik und der Bundesrepublik Deutschland zu ziehen. Diesmal betrifft der Vergleich die Flüchtlingskrisen 1915 und 2015.
27.12.2020 12:43
Lesezeit: 4 min
ATTACKE AUF DEN STAAT, ZWEITER TEIL: Deutschland und die großen Flüchtlingskrisen 1915 und 2015
Germania-Niederwalddenkmal bei Rüdesheim am Rhein. (Foto: dpa) Foto: Arne Dedert

Die Weimarer Republik wurde im Jahr 1918 ausgerufen. Doch bereits drei Jahre zuvor trat eine Entwicklung ein, die mitverantwortlich sein sollte für das Scheitern der Republik. Eine große Flüchtlingskrise setzte im Jahr 1915 ein.

Vergleich B: Ab dem Jahr 1915 flüchteten Hunderttausende von Juden vor dem zaristischen Russland nach Österreich und Deutschland. Es handelte sich dabei um die größte jüdische Flüchtlingsbewegung seit dem 17. Jahrhundert. Viele der komplett verarmten und gepeinigten Menschen siedelten sich in Berlin und Wien an.

Nils Steffen und Cord Arendes führen in ihrem Buch „Geflüchtet, unerwünscht, abgeschoben“ aus: „Aus ihrer Heimat vor antisemitischer Propaganda und Pogromen geflohen, waren zehntausende osteuropäische Juden im Deutschen Reich der Weimarer Republik gestrandet. Oftmals von der christlichen Bevölkerung unerwünscht, wurden sie von den jüdischen Gemeinden im Westen zwar finanziell unterstützt, doch nicht bereitwillig geduldet. In den instabilen ersten Jahren der Weimarer Republik wurden die Juden Osteuropas immer mehr zum Feindbild rechts-nationaler Kreise. Die antisemitischen Stereotype, welche zum Teil bereits Jahrhunderte alt waren, brachen sich ihre Bahnen. Die weitverbreiteten antisemitischen Stereotype, das Ausmaß der antisemitischen Debatten und die plötzliche Sichtbarkeit von ,Ostjuden‘, vor allem in den Großstädten, ließ die Zahl der Geflüchteten deutlich größer erscheinen, als sie tatsächlich war.“

In den Folgejahren warfen die Rechtsnationalen der Weimarer Regierung vor, nicht genug gegen den Flüchtlings-Andrang zu unternehmen. Dem Rechtsstaat wurde ein Totalversagen vorgeworfen. Steffen Kailitz führt in einem Beitrag des Magazins „Cicero“ aus: „Populäre Vorwürfe gegen die ,Ostjuden‘ lauteten in den 1920er Jahren, dass sie sich der ,übelsten Schiebereien‘ schuldig machten und ,auf Kosten der deutschen Steuerzahler‘ in ,Notwohnungen‘ untergebracht würden.“

Nahezu dieselben Reaktionen in Deutschland lassen sich auch seit Beginn der Flüchtlingskrise 2015 erkennen, obwohl die heutigen Flüchtlinge im Vergleich zu den jüdischen Flüchtlingen zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den staatlichen Stellen weitaus besser behandelt werden. Doch der Fokus liegt hier bei den Reaktionen der militanten Rechten in den Aufnahmeländern.

Im Jahr 1915 und darüber hinaus spielten die Flüchtlingsbewegungen eine wichtige Rolle beim Aufstieg der militanten Rechten, gegen die der Rechtsstaat der Weimarer Republik keine wirksamen Maßnahmen getroffen hatte oder treffen wollte. Ob hier eine Analogie zu den aktuellen Entwicklungen gezogen werden kann, wird sich erst dann zeigen lassen, wenn das „Big Game“ in und „um“ Deutschland sich dem großen Finale nähert.

Es sollte nicht vergessen werden, dass es eigentlich die Inflation war, die den Tod der Weimarer Republik und des demokratischen Rechtsstaats besiegelt hatte. Der große österreichische Schriftsteller Stefan Zweig schreibt in seinem Werk „Die Welt von gestern: Erinnerungen eines Europäers“, das postum im Jahr 1942 veröffentlicht wurde: „Nichts hat das deutsche Volk – dies muß immer wieder ins Gedächtnis gerufen werden – so erbittert, so haßwütig, so hitlerreif gemacht wie die Inflation.“

Die Zeitung „Der gerade Weg“ berichtete am 3. November 1929: „Katastrophe im Einzelhandel – Alteingesessene bayerische Firmen schließen – die Lage in München, Nürnberg, Augsburg. Die wirtschaftliche Lage der führenden Detailgeschäfte, besonders in München, ist durch die unerschwinglichen Abgaben und die in Konzernen vorgehende Konkurrenz derart unerträglich geworden, dass man von einer schematischen Vernichtung des Einzelhandels sprechen kann.“

Nach der Corona-Krise ist das Schreckensszenario der Stagflation, also eine Mischung aus Inflation, stagnierender Produktion und Massenarbeitslosigkeit in Verbindung mit Steuererhöhungen gar nicht so abwegig. Ob sich daraus ähnliche Folgen wie während der Weimarer Republik ergeben werden, bleibt abzuwarten.

Wie sich die innenpolitische Lage in Deutschland und Europa in den kommenden Jahren entwickeln wird, hängt auch ganz stark davon ab, welche politischen Kreise in den USA und innerhalb der EU tonangebend sein werden.

Wir sehen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit turbulenten Zeiten entgegen.

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Cüneyt Yilmaz

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Cüneyt Yilmaz ist Absolvent der oberfränkischen Universität Bayreuth. Er lebt und arbeitet in Berlin.

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