Finanzen

Fusionen voraus: Der Moment der Wahrheit für Europas Banken ist gekommen

Die Corona-Krise wird der europäischen Finanzbranche den entscheidenden Schlag versetzen. Danach wird eine Fusionswelle über den Kontinent rollen, schreibt Xavier Vives.
Autor
avtor
20.12.2020 12:35
Lesezeit: 3 min

Die Zeit, als Banker drei Prozent Zinsen auf die Einlagen ihrer Kunden zahlen, Kredite zu sechs Prozent vergeben und sich um 3.00 Uhr nachmittags auf den Golfplatz verabschieden konnten (die „3-6-3-Regel“) sind lange vorbei. Obwohl einige Banker noch immer blind gegenüber den sich abzeichnenden Bedrohungen für ihr Geschäft sind, stecken die Finanzinstitute ihren katastrophalen Börsenbewertungen (gemessen am Kurs-Buchwert-Verhältnis) und ihrer niedrigen derzeitigen und erwarteten künftigen Rentabilität nach zu urteilen inzwischen in ernsten Schwierigkeiten.

In der vorpandemischen Welt gehörten niedrige Zinssätze, die Konkurrenz durch die Fintech-Branche und steigende Kosten für die Einhaltung von Regulierungsvorgaben zu den größten Bedrohungen für die Branche. Seit der Finanzkrise von 2008-2009 leidet insbesondere Europas Bankbranche unter Überkapazitäten und geringer Rentabilität. Und jetzt hat COVID-19 die Lage noch verschlimmert und jede Hoffnung beseitigt, dass die Zinsen irgendwann in näherer Zeit steigen werden.

Laut Andrea Enria, dem Vorsitzenden des Aufsichtsgremiums der Europäischen Zentralbank, könnte das Volumen durch die aktuelle Krise bedingter notleidender Kredite in der Eurozone 1,4 Billionen Euro erreichen. Zudem hat COVID-19 den Prozess der Digitalisierung beschleunigt, was die traditionellen Banken noch stärker unter Druck setzt. Kunden und Banken haben erkannt, dass sie problemlos remote arbeiten können, und das hat dazu geführt, dass die Filialnetze der europäischen Banken inzwischen noch überdimensionierter erscheinen als vorher schon. Sie werden viel eher als erwartet zurechtgestutzt werden müssen.

Die Banken sollten stark in Technologien zur Verlagerung ihres Geschäfts vom Mainframe in die Cloud investieren; sonst werden sie sich schwertun, mit den Start-ups aus dem Fintech-Sektor zu konkurrieren – von den Plattformen der großen Technologie-Unternehmen, die nun in den Finanzdienstleistungssektor vordringen, ganz zu schweigen. Kostensenkungen sind das Gebot der Stunde.

In Europa besteht die zweckmäßigste Methode zur Kostensenkung in Fusionen inländischer Geldinstitute, die die Überschneidungen der Filialnetze verringern und das Back-Office konsolidieren. Im Idealfall kann das aus der Fusion hervorgehende Unternehmen dabei seine Rentabilität und seine Kapitalposition verbessern. Diese Überlegung steht hinter der in Spanien stattgefundenen Fusion der "CaixaBank" und der vom Staat geretteten Sparkasse"Bankia".

Doch wie frühere Erfahrungen der "CaixaBank" mit der Integration gescheiterter Sparkassen zeigen, erfordert es eine Menge Management-Ressourcen, um nach einer Fusion die erhofften Synergien zu realisieren. Und wie der Fall TSB/Banco Sabadell in Großbritannien zeigt, kann die Integration der Informationstechnologie Schwierigkeiten bereiten. Inzwischen nun hat Sabadell – bislang erfolglos – Fusionsverhandlungen mit der BBVA aufgenommen.

Die Verhandlungen zwischen UBS und Credit Suisse haben derweil eine bedeutende globale Dimension, weil die beiden Firmen versuchen, ein Unternehmen aufzubauen, das es im Bereich der Vermögensverwaltung und des Investmentbanking mit den US-Giganten aufnehmen kann. Praktisch alle europäischen Konzerne sind inzwischen zunehmend von US-Bankriesen wie JPMorgan Chase, Bank of America und Citibank abhängig. Die europäischen Geldinstitute sind weit abgeschlagen. Die Bewertungen der fünf größten Banken der Eurozone – BNP Paribas, Crédit Agricole, Santander, Société Générale und Deutsche Bank – sind zusammen inzwischen niedriger als die von JPMorgan allein.

Die europäischen Regulierungsbehörden, die besorgt sind, dass die geringe Rentabilität der Banken deren Kapital aufzehren und sie zu überzogenen Risiken verleiten könnte, betrachten die Bankenkonsolidierung daher mit Wohlgefallen. Die EZB etwa ist geneigt, Zugeständnisse bei der Kapitalausstattung und der bilanziellen Behandlung des „Badwill“ (dem Unterschiedsbetrag zwischen Buch- und Marktwert eines Unternehmens, wenn Ersterer größer ist) zu machen. Sie ist zudem zunehmend bereit, zuzulassen, dass Fusionen zu Banken führen, die zu groß sind, um sie scheitern zu lassen. Schließlich lässt sich die aktuelle Konfiguration des Sektors nicht aufrechterhalten, und die Alternative – in Schwierigkeiten steckende mittelgroße Banken bankrottgehen zu lassen – ist kostspieliger.

Natürlich würden die europäischen Regulierungsbehörden im Interesse der Marktintegration und Diversifizierung sowie der Steigerung der internationalen Konkurrenzfähigkeit der europäischen Banken ohne damit einhergehende Kartellprobleme grenzüberschreitende Fusionen inländischen Fusionen vorziehen. Anders als in den USA ist das Privatkundengeschäft in der Europäischen Union weiterhin nicht integriert. Betrachtet man die dominanten Akteure innerhalb der EU-Länder, findet man dort in der Regel jeweils verschiedene inländische Banken vor, während in den USA dieselben Großbanken in vielen unterschiedlichen Einzelstaaten vertreten sind.

Allerdings gibt es größere Hürden für grenzübergreifende Fusionen in der EU. Man muss dort mit unterschiedlichen Sprachen und Kulturen zurechtkommen. Obwohl die einheitliche Bankenaufsicht in der Eurozone grenzübergreifende Fusionen begünstigt, unterscheiden sich die Konkurs- und Verbraucherschutzvorschriften zwischen den Mitgliedsländern, und ein gemeinsames europäischen System zur Einlagensicherung gibt es bisher nicht.

Die politische Ökonomie der Welt nach COVID-19 wird vermutlich kurzfristig eine Konsolidierung auf nationaler Ebene umfassen, weil die Regierungen aus strategischen politischen Gesichtspunkten ihre nationalen Bankensysteme stärker schützen werden. Tatsächlich ist der Bankennationalismus in Europa außerhalb Großbritanniens seit langem etabliert, und nun wird der Brexit grenzübergreifende Fusionen zwischen britischen Banken und solchen mit Sitz in der EU vermutlich erschweren.

Wird die kommende Ära der Konsolidierung dem Wettbewerb schaden, indem sie eine wettbewerbsfeindliche Marktstruktur hervorbringt? Nicht zwangsläufig. Damit der Wettbewerb keine überzogene Risikofreudigkeit bewirkt, müssen die Unternehmen in der Lage sein, Kapital zu generieren und zu halten. Und solange sich neue digitale Marktteilnehmer niedrigen Eintrittsbarrieren gegenübersehen, können sie die Wettbewerbsintensität aufrechterhalten und eine disziplinierende Wirkung auf die Platzhirsche ausüben. Die Regulierungsbehörden ihrerseits werden angesichts des Strukturwandels im Sektor faire Wettbewerbsbedingungen sicherstellen müssen, und die Wettbewerbshüter müssen die potenziellen Risiken in jeder Region und jedem Marktsegment im Auge behalten.

Die globale Finanzkrise hat dem Ruf des europäischen Bankensektors schwer geschadet. Höchstwahrscheinlich werden diejenigen Finanzmittler, die am stärksten aus der aktuellen Krise hervorgehen, jene sein, die nicht nur transparent und ethisch solide operieren, sondern auch einen Deal zur besseren Betreuung ihrer Kunden schließen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

Xavier Vives ist Professor für Volks- und Finanzwirtschaft an der IESE Business School und ehemaliger leitender unabhängiger Direktor der CaixaBank.

Copyright: Project Syndicate, 2020.

www.project-syndicate.org

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