Finanzen

Bei den Krankenkassen brennt es lichterloh: „Spätestens 2022 droht ein massiver Crash“

Das System der staatlichen Krankenversicherungen steht kurz vor dem Kollaps, davor warnen Branchenvertreter inzwischen ganz offen und mit drastischen Worten. Auf die Versicherten kommen schon bald massive Beitragssteigerungen zu.
03.01.2021 09:00
Lesezeit: 3 min
Bei den Krankenkassen brennt es lichterloh: „Spätestens 2022 droht ein massiver Crash“
Mitgliedskarten mehrerer Krankenkassen. (Foto: dpa) Foto: Maurizio Gambarini

Dem deutschen Gesundheitswesen droht nach Einschätzung der Krankenkassen in den nächsten Jahren ein dauerhaftes zweistelliges Milliardendefizit. Da die Ausgaben weit schneller steigen als die Einnahmen, wird auch das Ende der Corona-Pandemie keine Entspannung bringen. „Spätestens 2022 droht ein massiver Crash“, wird Sigrid König, die Chefin des Verbands der Betriebskrankenkassen in Bayern, von der dpa zitiert. Die leichte Erhöhung der Zusatzbeiträge, die der Bundesrat vor einigen Tagen beschlossen hatte, decke das Defizit bei weitem nicht, so König.

König formuliert ihre Kritik drastisch, steht aber mit ihrer Einschätzung keineswegs allein da. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen hat ebenfalls große Bedenken, scharfe Kritik kommt auch von der AOK.

Die nackten Zahlen sind nicht strittig zwischen Politik und Kassen: Die GKV steht 2021 vor einem Defizit von 16,6 Milliarden Euro. Davon tragen einzelne Kassen durch eine Vermögensabgabe 8 Milliarden, 5 Milliarden steuert der Bund aus Steuergeldern zu, der Rest soll durch die Erhöhung der Zusatzbeiträge aufgefangen werden.

Das Defizit ist permanent geworden

Die Pandemiekosten machen nur den kleineren Teil des Defizits aus: „Die Corona-Mehrausgaben für nächstes Jahr schätzen wir auf 3,6 Milliarden Euro, aber auch da ist noch einiges unsicher“, sagt König. Der AOK-Bundesverband nennt eine ganz ähnliche Zahl, über die demnach ebenfalls Konsens mit dem Bundesgesundheitsministerium besteht: 3,4 Milliarden Euro Corona-Kosten.

Nach Adam Riese bedeutet das: Wenn die Pandemie überwunden ist, bleibt ein zweistelliges Milliardendefizit. Die 8-Milliarden-Vermögensabgabe lässt sich nicht beliebig wiederholen, da das Vermögen der Kassen endlich ist. Der Bundeszuschuss ist bislang als einmalige Hilfe gedacht.

„Man kann nicht dauerhafte Ausgaben durch die Auflösung einmaliger Rücklagen finanzieren“, heißt es dazu beim GKV-Spitzenverband in Berlin. „Das ist kein Zukunftsmodell.“ Insbesondere die Vermögensabgabe löst bei den Kassen großen Ärger aus.

„Es ist problematisch, wenn einzelnen Kassen, die gut gewirtschaftet haben, jetzt die Früchte ihres wirtschaftlichen und sparsamen Handelns mit einem Federstrich des Gesetzgebers wieder weggenommen werden“, sagt ein GKV-Sprecher. „Für die Zukunft ist das ein schwieriges Signal.“

Bayerns BKK-Chefin König nennt mehrere Ursachen für die steigenden Kosten: „Wir bezahlen seit Jahren die Leistungsausgaben für die ALG-II-Empfänger, bekommen aber sehr viel weniger vom Staat zurück“, sagt sie. „Die Entkoppelung der Pflegekosten von den DRGs“ - das sind die vor vielen Jahren eingeführten, nicht unumstrittenen, Fallpauschalen für die Behandlung im Krankenhaus – „führt zu Ausgabensteigerungen.“

Außerdem werden Medikamente immer teurer, König nennt als Beispiel das in Fachkreisen als teuerstes Arzneimittel aller Zeiten bekannte Zolgensma, mit dem eine seltene Form des Muskelschwunds bei Kleinkindern behandelt werden kann. „Allein das Produkt kostet 2 Millionen Euro“, sagt sie. „Das ist der Wahnsinn.“

Massive Beitragssteigerungen am Horizont

Die Folgen des Defizits sind absehbar: Es drohen Beitragserhöhungen und/oder Leistungskürzungen, nach Einschätzung mehrerer Kassen spätestens 2022. „Spätestens dann wird es massive Zusatzbeitragserhöhungen GKV-weit geben müssen, spätestens dann ist die Sozialgarantie völlig dahin, die man zur Bundestagswahl noch versprochen hat“, sagt Bayerns BKK-Chefin. Denn die große Koalition will die Sozialversicherungsbeiträge nicht über 40 Prozent steigen lassen.

Nach einer Auswertung des Portals Check24, das viele Versicherungsverträge vermittelt, haben bislang 9 Kassen höhere Zusatzbeiträge angekündigt. 18 halten ihren Zusatzbeitrag konstant. Eine Kasse senkt im neuen Jahr. „Bereits jetzt sind rund 17 Millionen gesetzlich Versicherte von steigenden Zusatzbeiträgen betroffen“, sagte Christine Prauschke, die Geschäftsführerin gesetzliche Krankenversicherung bei dem Münchner Online-Makler. „In der Spitze bedeutet das für Verbraucher Mehrkosten von 145 Euro.“

AOK-Bundesverbandsvizechef Jens Marin Hoyer prophezeite diese Woche im Branchendienst „Observer“ für 2022 ein noch höheres GKV-Defizit von mehr als 17 Milliarden Euro. Um das aufzufangen, müssten sich die Zusatzbeiträge laut AOK-Berechnung von 1,3 Prozent auf 2,5 Prozent nahezu verdoppeln.

„Sozialgarantie der Bundesregierung ist ein Bluff, die Rente am Ende“

Der Vorsitzende der Gewerkschaft Verdi, Frank Werneke, hat der Regierungskoalition aus Union und SPD eine Täuschung bei den Sozialabgaben vorgeworfen. „Die sogenannte Sozialgarantie 2021 ist ein Bluff“, sagte er. Die Bundesregierung hatte zugesichert, die Sozialversicherungsbeiträge über milliardenschwere Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt bei maximal 40 Prozent zu stabilisieren.

Werneke sagte: „Die tatsächlichen Kosten, die derzeit in der Pandemie zum Beispiel durch die Corona-Tests entstehen, werden von den gesetzlich Krankenversicherten gestemmt.“ Die Gesamtkosten würden in das System der gesetzlichen Krankenversicherung hineingedrückt. „Dort wird sich im kommenden Jahr ein Defizit von 16 Milliarden Euro auftürmen, die Reserven sollen geopfert werden, Beitragserhöhungen sind absehbar.“

Auch mit Blick auf Rente und Pflege sagte Werneke: „Auf jeden Fall brauchen wir höhere Steuerzuschüsse in die sozialen Sicherungssysteme hinein.“ Sonst könne das Rentenniveau nicht gehalten werden. Bei der Pflege müssten zudem dringend die Eigenanteile gedeckelt werden.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Online-Broker-Vergleich: Die besten Aktiendepots für Anleger – Tipps zur Anbieterauswahl

Ein Online-Broker-Vergleich beginnt beim Wertpapierdepot: Ein Depot ist die Eintrittskarte zur Börse, nur mit einem Depot können Anleger...

 

DWN
Immobilien
Immobilien Dämpfer für die Baubranche: Aufträge brechen im Juli wieder ein
25.09.2026

Trotz staatlicher Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur von Straßen und Schienen muss die deutsche Baubranche nach einer kurzen...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Podcast Folge 44: Die Woche im Rückblick – KW 39
25.09.2026

Unser neuer Podcast ist da: Die ganze Woche in wenigen Minuten. Der DWN-Wochenrückblick bringt die Themen, die zählen – eingeordnet,...

DWN
Finanzen
Finanzen Wenn das Sichere nicht mehr sicher wirkt: Investoren suchen Alternativen für Gold und Bitcoin
25.09.2026

An der Wall Street lebt derzeit das Interesse an Vermögenswerten wieder auf, deren Angebot nicht einfach durch eine politische...

DWN
Politik
Politik Streit um Nitrat im Grundwasser: Wasserversorger lehnen regionale Düngeregeln ab
25.09.2026

Die Nitratbelastung des Grundwassers durch die Landwirtschaft sorgt seit Jahrzehnten für Diskussionsstoff. Während die Landwirte auf...

DWN
Politik
Politik Etatdebatte im Bundesrat: Länder formieren Widerstand gegen geplante Steuererhöhungen
25.09.2026

Die Pläne der Bundesregierung zur Konsolidierung des Haushalts stoßen in den Bundesländern auf geschlossene Ablehnung. Vor allem die...

DWN
Politik
Politik Drei Szenarien für den EU-Gasmarkt: Wie teuer wird die amerikanische Gas-Umarmung?
25.09.2026

Studie von Wood Mackenzie: Ohne Investitionen in Gasfelder könnte die Gasförderung in der EU bis 2050 nahezu verschwinden, während die...

DWN
Politik
Politik Kampf gegen hohe Ölpreise: Frankreich sichert wichtiges Terminal in Saudi-Arabien
25.09.2026

Frankreichs Streitkräfte greifen einer Schlüsselanlage der saudischen Ölförderung unter die Arme. Durch die Absicherung mit Soldaten...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wachsender Druck durch Wohnkosten: Immer mehr Menschen auf Wohngeld angewiesen
25.09.2026

Für immer mehr Bürger wird das Wohnen zu einer unbezahlbaren Last. Weil die eigenen finanziellen Mittel angesichts der steigenden Miet-...