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Jetzt geht's wieder los: Syrien-Krieg nimmt an Fahrt auf

Lesezeit: 5 min
22.01.2021 11:59  Aktualisiert: 22.01.2021 11:59
In Syrien kommt es erneut zu beunruhigenden Entwicklungen. Die Terror-Milizen IS und HTS sind wieder zurück. Die Lage in Idlib steht vor einer erneuten Eskalation und im Osten Syrien führen Kurden-Milizionäre, die von den USA unterstützt werden, organisierte Entführungen von Zivilisten durch.
Jetzt geht's wieder los: Syrien-Krieg nimmt an Fahrt auf
Eine Mörserpistole wird am 14. Dezember 2016 in einem der östlichen Viertel der nördlichen Stadt Aleppo in Syrien gesehen. (Foto: dpa)
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Die Oppositionsfraktionen in Idlib standen am 14. Januar 2021 einem Bodenangriff der syrischen Regierungstruppen auf die al-Ankawi-Achse in der al-Ghab-Ebene im Nordwesten von Hama gegenüber, die südlich der strategischen Autobahn M4 liegt. In letzter Zeit gab es wiederholt Offensiven durch die Regierungstruppen. Der schwerste Angriff fand am 11. Januar statt und forderte den Tod von 11 Kämpfern der Nationalen Befreiungsfront (NLF).

Idlib scheint auf eine weitere militärische Eskalation zwischen der Regierung und diversen oppositionellen Gruppen zuzusteuern, was in den populären Oppositionskreisen Bedenken hinsichtlich der Rückkehr der Militäreinsätze zwischen beiden Seiten aufkommen lässt. Auch der Fluss der Verstärkung der türkischen Armee in Richtung Idlib schürt solche Bedenken und deutet darauf hin, dass eine Schlacht unmittelbar bevorstehen könnte. „Die Evakuierung der Beobachtungspunkte der türkischen Armee in den vom Regime kontrollierten Gebieten um Idlib könnte ebenfalls einer der wichtigsten Faktoren sein, die darauf hinweisen, dass Idlib in eine neue Phase eingetreten ist. Der Evakuierungsprozess der türkischen Militärpunkte in den vom Regime kontrollierten Gebieten, den die türkische Armee am 20. Oktober 2020 begonnen hat, ist beendet“, so „Al-Monitor“.

Majed Abdalnoor , ein Journalist, der auf dem Land in Idlib lebt, sagte gegenüber Al-Monitor: „Die derzeitige Eskalation in Idlib ist ein natürlicher Beginn einer neuen Phase nach den türkischen Evakuierungsoperationen aus den Gebieten des Regimes. Jede Seite versucht, den militärischen Puls der anderen zu spüren, und ich erwarte nicht, dass die Angelegenheit zu einer großen Militäroperation eskaliert, da das Regime damit beschäftigt ist, gegen den islamischen Staat zu kämpfen, dessen Stärke in der syrischen Wüste wächst.“

Mahmood Talha, ein Journalist, der mit der Nachrichtenagentur Thiqa zusammenarbeitet, erklärte gegenüber „Al-Monitor“: „Die Evakuierung der türkischen Armee von 14 Beobachtungspunkten fand statt, als eine große Anzahl [anderer] türkischer Militärpunkte in al-Zawiya und auf der al-Ghab-Ebene südlich der Straße Aleppo-Latakia (M4) eingesetzt wurde. Dies lässt darauf schließen, dass die türkischen Streitkräfte, die sich von den Punkten innerhalb der vom Regime gehaltenen Gebiete zurückzogen, nicht auf das türkische Territorium zurückkehrten, sondern zur Bildung einer Verteidigungsmauer in Süd-Idlib verwendet wurden, was es den Regimetruppen und ihren Verbündeten erschwerte, eine neue Schlacht zu starten.

Terror-Miliz HTS schlägt zu, Ermittlungen auch in Deutschland

Am 21. Januar 2021 wurden sieben Milizionäre der al-Quds-Brigade getötet oder verwundet, als ihr Fahrzeug von Söldnern angegriffen wurde, die in der nordwestlichen syrischen Region Greater Idlib stationiert sind. Die militanten Kämpfer zielten mit einer Panzerabwehrrakete (ATGM) auf das Fahrzeug, als es am Rande der Stadt Bsartun im Westen Aleppos vorbeifuhr. Oppositionsquellen behaupteten, drei Mitarbeiter der al-Quds-Brigade seien getötet und vier weitere infolge des ATGM-Angriffs verwundet worden. Einer der Opfer war Major Moayad Saad Eddina, ein Feldkommandeur der al-Quds-Brigade.

Die palästinensische al-Quds-Brigade mit mehr als 1.000 Kämpfern unterstützt die syrische Regierung seit 2013. Die Gruppe ist hauptsächlich in Aleppo und der Zentralregion des Landes aktiv. Der Angriff in Bsartun wurde höchstwahrscheinlich vom „Operationssaal al-Fateh al-Mubeen“ durchgeführt, der von der islamistischen Miliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS) geleitet wird. HTS hieß zuvor al-Nusra-Front. Es handelt sich dabei um eine Terrororganisation. Die russische Luftwaffe führt seit mehreren Tagen Luftangriffe im Norden der Provinz Latakia und in Idlib aus.

Auch in Deutschland stellt HTS ein Problem dar. Anfang Januar 2021 ließ die Bundesanwaltschaft drei Personen im Zusammenhang mit der Terrorfinanzierung von HTS festnehmen. „Bei der HTS handelt es sich um einen Anfang 2017 erfolgten Zusammenschluss verschiedener Gruppierungen militant-fundamentalistischer Ausrichtung in Syrien, darunter insbesondere die ausländische terroristische Vereinigung ,Jabhat al-Nusra‘ (JaN). Wie die JaN hat die HTS es sich zum Ziel gesetzt, die syrische Regierung gewaltsam zu stürzen und dort einen auf ihrer Ideologie gründenden ,Gottesstaat‘ zu errichten“, so die Bundesanwaltschaft. Am 15. Januar 2021 erfolgte eine weitere Festnahme, so die Bundesanwaltschaft. Der Beschuldigte soll als Finanzmittler in ein internationales Netzwerk eingebunden gewesen sein, das die terroristischen Aktivitäten der HTS in Syrien von Europa aus länderübergreifend durch finanzielle Spenden gefördert hat. Hierzu soll der Beschuldigte in direktem Kontakt mit einem HTS-Mitglied in Syrien gestanden haben.

Die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA meldete am 21. Januar 2021: „Die sogenannte US-geführte internationale Koalition hat Waffen und logistisches Material an ihre illegitimen Stützpunkte in Hasaka geschickt. Lokale Quellen berichteten SANA, dass ein Konvoi aus 40 mit Waffen und logistischem Material beladenen Lastwagen bestand, die der sogenannten internationalen Koalition angeschlossen waren und über den illegitimen Grenzübergang al-Walid mit dem Norden des Irak in die Landschaft von Hasaka eingefahren sind, um illegitime Stützpunkte in der Region zu stärken. In den letzten Tagen haben Hubschrauber der sogenannten internationalen Koalition logistische Ausrüstung und schwere Militärfahrzeuge zum Ölfeld Koniko im Nordosten von Deir Ezzor transportiert, nachdem sie es zur Militärbasis gemacht hatten, um ihre Präsenz zu verstärken und die syrischen Ressourcen zu plündern.“

Kurden-Milizen entführen Zivilisten im Osten Syriens

Im Norden und Osten von Deir Ezzor sollen kurdische Milizionäre der „SDF“, die von den USA unterstützt werden, mehrere Zivilisten entführt haben. „Lokale Quellen berichteten dem SANA-Reporter, dass bewaffnete Gruppen der SDF-Miliz in den Dörfern al-Ezba, Muayzila und Tayeb al-Fal im Norden von Deir Ezzor Sturmkampagnen gestartet, elf Zivilisten entführt und an ein unbekanntes Ziel gebracht hätten. Die bewaffneten Männer der Miliz entführten einen Zivilisten in der Nähe des Dorfes al-Sobh im Osten. Am Mittwoch entführten bewaffnete Gruppen der SDF-Miliz eine Reihe von Zivilisten, darunter Frauen, in der Wüste der Stadt Tabiyeh Jazzera in der Landschaft von Deir Ezzor und im Dorf al-Subaihya in der Region al-Rumailan im Nordosten von Hasaka“, so SANA.

Die dpa meldet: Bei einem israelischen Luftangriff im Zentrum des Bürgerkriegslandes Syrien sind mindestens vier Menschen ums Leben gekommen. Es gab am Freitag zunächst widersprüchliche Angaben, ob die Opfer durch israelische Bomben oder durch herabfallende Überreste syrischer Luftabwehrraketen getötet wurden. Israels Luftwaffe greift regelmäßig Ziele im Nachbarland an. In der vergangenen Woche wurden bei Bombardierungen im Osten Syriens Dutzende regierungstreue Kämpfer getötet. Israel will in Syrien den militärischen Einfluss des Irans zurückdrängen, der mit der Regierung in Damaskus verbündet ist. Teheran sieht in Israel einen Erzfeind.

Vor wenigen Tagen ereignete sich im Osten von Syrien am Grenzübergang zum Irak eine gewaltige Explosion. „Die Ursache der Explosion ist noch unbekannt und es wurden bisher keine Opfer gemeldet. Das Grenzübergangsgebiet zwischen dem Irak und Syrien ist in den letzten zwei Jahren zu einem Streitpunkt zwischen dem Assad-Regime und seinen Verbündeten geworden, die die Region kontrollieren (…) Berichte über eine Explosion in dem von pro-iranischen Milizen gehaltenen Gebiet verstärken jedoch die Spannungen in der Region, nachdem am Mittwoch ein weit verbreiteter Angriff auf mehrere Ziele des Assad-Regimes durchgeführt wurde (…) Eine US-Geheimdienstquelle behauptete auch, dass ein Lagerhaus, in dem der Iran Material für sein Atomprogramm von Syrien auf sein Territorium transportiert, angegriffen worden sei“, so die Zeitung „Israel Hayom“.

Die Terror-Miliz IS ist wieder zurück

In den vergangenen Wochen haben die syrische Armee und ihre Verbündeten ihre Operationen gegen IS-Zellen, die sich in der Wüste Homs-Deir Ezzor verstecken, intensiviert. Regierungsnahen Quellen zufolge hatten syrische Regierungstruppen und von Iranern unterstützte Milizen im Dezember 2020 eine Reihe von Attacken südlich der Autobahn Palmyra-Deir Ezzor und südöstlich von al-Mayadin durchgeführt. Dabei sollen angeblich zehn syrische Soldaten und 15 IS-Mitglieder ums Leben gekommen sein.

Die russischen Luft- und Raumfahrtstreitkräfte haben ihre Luftschläge gegen IS-Ziele in der östlichen Wüstenregion Syriens wieder aufgenommen. Oppositionellen Quellen zufolge soll die russische Luftwaffe über hundert Luftschläge ausgeführt haben. Die Terror-Miliz IS versucht, den chaotischen Zustand an der irakisch-syrischen Grenze auszunutzen, um ein „Comeback“ zu feiern. Seit Ende November 2020 taucht die Terror-Miliz wieder vermehrt aktiv auf, so die pro-russische militärische Analyse-Plattform „South Front“.

Die pro-britische syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR) teilte in einem Bericht vom 4. Dezember 2020 mit: „In der syrischen Wüste laufen Militäroperationen auf getrennten Achsen zwischen den Streitkräften des [syrischen] Regimes und den ihr gegenüber loyalen Milizen einerseits und der Islamische Staat (IS) auf der anderen Seite. Die Zusammenstöße zwischen den beiden Seiten konzentrieren sich hauptsächlich auf das Aleppo-Hama-Raqqa-Dreieck und in geringerem Maße auf die Wüsten von Deir Ez-Zor und Homs. Die Gruppe (IS, Anm.d.Red.) versucht, ihre Aktivitäten in der Region aufrechtzuerhalten, indem sie ihre Angriffe, Hinterhalte und Explosionen fortsetzt. In der Zwischenzeit tun die Streitkräfte des Regimes ihr Bestes, um die Aktivitäten des IS mit russischer Unterstützung durch intensive Luftangriffe einzuschränken.“

Das israelisch-nachrichtendienstliche Militärportal „DEBKAfile“ hatte vor wenigen Tagen mitgeteilt: „Der Iran nutzt die ungewisse Übergangszeit, um an der syrisch-israelischen Golan-Grenze voranzukommen, indem es seine Truppen hinter syrischen Armeepositionen in den südsyrischen Provinzen Deraa, Quneitra und Sweida versteckt. Die Iraner üben mit Hilfe einer speziellen Hisbollah-Einheit und Dutzender lokaler bewaffneter Gruppen und Soldaten auch heimliche Taktiken auf dem syrischen Golan aus, um das allgemeine Chaos in der Region auszunutzen. Die IDF (israelische Armee, Anm.d.Red.) schlägt zurück, indem sie die Ziele ihrer Luftangriffe auf die Armeepositionen des syrischen Regimes ausdehnt, die iranische Revolutionsgarden oder schiitische Milizkräfte im Süden und Osten beherbergen oder abdecken.“


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