Unternehmen

ABB hält Zeitplan für prestigeträchtigen unbemannten Hafenschlepper nicht ein

Die unbemannten Schiffe, die von Künstlicher Intelligenz gesteuert werden, sind schon seit Jahren im Gespräch. Wegen der Krise kann nun ABB seine Termine für ein ganz wichtiges Projekt nicht einhalten.
24.01.2021 10:01
Aktualisiert: 24.01.2021 10:01
Lesezeit: 3 min
ABB hält Zeitplan für prestigeträchtigen unbemannten Hafenschlepper nicht ein
Schlepper im Hamburger Hafen. Fahren auch sie schon bald mit Hilfe Künstlicher Intelligenz? (Foto: dpa) Foto: Daniel Reinhardt

Der internationale Industriekonzern ABB hat aufgrund der Pandemie seinen Zeitplan für die Umsetzung eines prestigeträchtigen Projektes nicht eingehalten. Es geht um die Entwicklung eines 32 Meter langen autonomen Schleppers, den das Unternehmen gemeinsam mit dem asiatischen Hersteller "Keppel" für den Hafen in Singapur bauen wollte. Ursprünglich sollte das Schiff, für das ABB ein digitales System liefert, bereits im vierten Quartal 2020 zu Wasser gehen.

Doch jetzt können die Partner diesen Termin nicht einhalten, weil die Corona-Krise ihnen einen Strich durch Rechnung gemacht hat: „Ich bestätige, dass der Schlepper noch entwickelt wird und später im laufenden Jahr an den Start gehen wird“, erklärte eine Sprecherin des Konzerns auf Anfrage der Deutschen Wirtschaftsnachrichten.

Mit dem Projekt wollte ABB eigentlich einen wichtigen Schritt tun, um die Technologie für die Schifffahrt zu entwickeln. „Dieses Projekt setzt einen Meilenstein in unserer digitalen Reise, weil es unsere Kompetenzen als führendes Unternehmen für die intelligente Schiffstechnologie demonstriert“, hatte im Jahr 2019 Juha Koskela, "Managing Director ABB Marine & Ports" sinngemäß gesagt, der sich nun allerdings noch etwas in Geduld üben muss.

Hintergrund: Der Hafen von Singapur, in dem 2019 37 Millionen TEU-Container umgeschlagen wurden, ist derzeit weltweit die Nummer zwei. Nur Shanghai mit 43 Millionen TEU liegt noch davor. Zum Vergleich: Rotterdam befindet sich mit weniger als 15 Millionen TEU als größter europäischer Port nur auf dem zehnten Rang.

An dieser Statistik wird deutlich, warum sich ABB gerade diesen asiatischen Hafen als Partner ausgesucht hat. Tatsächlich gilt der internationale Konzern in Fachkreisen als einer der wichtigsten Protagonisten für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz KI) auf See. Das Unternehmen hatte bereits im November 2018 die finnische Fähre „Suomenlinna II“ für eine Testfahrt mit einem intelligenten System ausgestattet. Es war damals das erste Mal weltweit, dass diese Technologie in einem Passagier-Schiff erprobt wurde.

Allerdings ist ABB mit seinen Problemen nicht allein. Viele Projekte haben die Unternehmen, die sich mit dem Einsatz von KI in der Schifffahrt befassen, im vergangenen Jahr erst einmal stoppen müssen, weil die Pandemie ihnen einen Strich durch Rechnung gemacht hat. „COVID19 hat den Markt [für die Entwicklung autonomer Schiffe, Anmerkung der Redaktion] beträchtlich getroffen“, sagen die Experten des internationalen Analysehauses „Marketsandmarkets“.

Experten: Unbemannte Schiffe sind sicherer als herkömmliche

Inwieweit damit die Branche bei der Entwicklung der Technologie zurückgeworfen wird, ist nicht klar – ähnlich wie bei anderen Wirtschaftszweigen auch. Die Vorteile, die sich viele Anhänger der Künstlichen Intelligenz in der Schifffahrt versprechen, sind vielfältig. Zum einen geht es darum, Kosten einzusparen, weil die Reederei keine Mannschaft mehr bezahlen muss. Zum anderen könnten die unbemannten Schiffe mehr Fracht aufnehmen, weil die Kajüten für die Seeleute zu zusätzlichen Warenlagern umfunktioniert werden.

Außerdem seien diese Wasserfahrzeuge sicherer als herkömmliche Schiffe, weil die Unfälle zu See zum größten Teil durch menschliches Versagen herbeigeführt werden. Das geht zumindest aus offiziellen Untersuchungen hervor. Dazu gehört eine Studie, die die Technische Universität Dänemark (DTU) veröffentlicht hat.

In Deutschland beschäftigen sich die politischen Entscheidungsträger schon seit Jahren mit dem Thema, ohne dass es bisher zu bahnbrechenden Projekte gekommen wäre. Zuletzt hat sich das wissenschaftliche Fraunhofer-CML-Institut damit befasst – und zwar mit dem Einsatz solcher autonomen Fahrzeuge in den deutschen Häfen:

„Es gibt viele Feldversuche bereits laufender Projekte für autonomen Wassertransport in den Häfen, an denen auch unsere Einrichtung beteiligt ist“, sagt Ingenieur Ralf Fielder. „Es gibt verschiedene Einsatzbereiche – beispielsweise Passagier-Fähren oder autonome Schlepper. Allerdings sind die Kosteneinsparungen nicht immer eindeutig. Es geht nicht nur darum, den Kapitän oder Ersten Offizier einzusparen, sondern auch sichere Transporte anzubieten. Vielleicht ist es auch möglich, in einer höheren Frequenz zu fahren, möglicherweise auch in kleineren Einheiten. Wir sehen, dass die Häfen unterschiedliche Konzepte verfolgen wie ferngesteuerte Schlepper“, so der Wissenschaftler im Rahmen eines Online-Vortrags [ab der 6:35 Minute, Anmerkung der Redaktion].

Immerhin zeigen sich die Fachleute beim Blick in die Zukunft optimistisch, wenn es um die Entwicklung KI in der Schifffahrt geht: So rechnen die Experten von Marketsandmarkets damit, dass die Umsätze der Hersteller von autonomen Schiffen bis 2030 auf 14,2 Milliarden Dollar steigen. Zum Vergleich: Die jährlichen Erlöse der gesamten Schiffbau-Industrie liegen derzeit etwa bei 150 Milliarden Dollar.

Sollten die Experten Recht behalten, dann würde die KI künftig eine spürbare Rolle in der Branche spielen. Folglich muss Deutschland hier aufpassen, dass es nicht den Anschluss verpasst, und unbedingt seine Projekte voranbringen, die bisher nur schleppend (kein Wortwitz!) verlaufen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

 

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wachstum in Europa: EIB-Ökonom rät Unternehmen, stärker nach Süden zu blicken
24.10.2026

Deutschland erholt sich, doch Europas Wirtschaft kämpft weiter mit Bürokratie, Investitionsschwäche und einem fragmentierten...

DWN
Finanzen
Finanzen Steuervergleich 2026: Was von 50.000 Euro Gehalt, Gewinn und Kapital wirklich übrig bleibt
24.10.2026

50.000 Euro verdienen und trotzdem völlig unterschiedlich viel Geld behalten? In Deutschland entscheidet nicht nur die Höhe des...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Online-Handel: Amazon plant Investitionen von rund 16 Milliarden Euro
24.10.2026

16 Milliarden Euro will Amazon 2027 in Deutschland investieren – ein großer Teil soll in Cloud und KI rund um Frankfurt fließen. Was...

DWN
Finanzen
Finanzen Flucht in die Endlichkeit: Wie ein überforderter Anleihemarkt den Bitcoin-Kurs treibt
24.10.2026

Das US-Finanzministerium kauft seine eigenen Schulden zurück, damit sie überhaupt noch jemand haben mag, und der Bitcoin hat das...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft BMW X5 im Test: Warum die fünfte Generation alles anders macht
24.10.2026

Fast 100.000 Euro Einstiegspreis, bis zu 845 Kilometer elektrische Reichweite und ein Auftritt, der kaum zu übersehen ist: Mit dem neuen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kokain am Arbeitsplatz: Wenn ausgerechnet die besten Mitarbeiter abhängig werden
24.10.2026

Kokain ist längst keine Droge mehr, die nur auf Partys konsumiert wird. Immer häufiger erreicht der Konsum auch den Arbeitsalltag....

DWN
Finanzen
Finanzen Aktien kaufen: Diese Branchen könnten den KI-Hype schlagen
24.10.2026

Die Börsen brechen Rekorde, doch der Höhenflug steht auf wackligen Beinen. Wenige Technologiekonzerne treiben die Kurse, während...

DWN
Politik
Politik China macht seine Grenzen dicht: Ein neuer Eiserner Vorhang
24.10.2026

China macht seine Grenzen dicht, und längst trifft es nicht mehr nur politisch unbequeme Bürger. Lehrer, Ärzte und KI-Ingenieure dürfen...