Wirtschaft

Verkehrte Welt: Ausgerechnet ein US-Multi könnte Venezuelas Öl-Sektor wieder in Schwung bringen

Venezuela hat angekündigt, seinen Ölsektor für ausländische Investoren zu öffnen. Davon könnte insbesondere ein US-Energiekonzern profitieren, der in Venezuela sehr präsent ist. Denn mit dem Ansatz von Joe Biden, den Multilateralismus zu stärken, könnte sich die Regierung in Caracas auf einen Deal einlassen.
04.02.2021 09:00
Lesezeit: 3 min
Verkehrte Welt: Ausgerechnet ein US-Multi könnte Venezuelas Öl-Sektor wieder in Schwung bringen
Venezuelas Präsident Nicolas Maduro. (Foto: dpa) Foto: Miraflores Palace / Handout

Venezuela hat aufgrund seiner schlechten wirtschaftlichen Situation in Verbindung mit dem Corona-Virus nicht die Kraft, seinen heruntergewirtschafteten Ölsektor wiederaufzubauen. Laut dem neuesten monatlichen Ölmarktbericht der OPEC belief sich die durchschnittliche Ölproduktion des südamerikanischen Landes im Dezember 2020 auf durchschnittlich 431.000 Barrel pro Tag. Dies entspricht zwar einem Anstieg von vier Prozent gegenüber dem Vormonat, ist jedoch immer noch weniger als ein Viertel der durchschnittlichen Tagesproduktion Venezuelas im Jahr 2017 (das heißt, bevor die USA erstmals Sanktionen gegen venezolanische Rohölexporte verhängten).

Die einst mächtige Ölindustrie, die das Rückgrat der venezolanischen Wirtschaft bildet, befindet sich in einem unaufhaltsamen Niedergang. Dies wird deutlich, wenn man bedenkt, dass Venezuela nicht nur einst einer der größten Erdölexporteure der Welt war, sondern auch den drittgrößten Raffinerie-Komplex beherbergt, der jedoch unter lähmenden Benzinknappheiten leidet.

Selbst die Hilfe von Russland, China und dem Iran hat wenig zur Verbesserung der Situation beigetragen. Es wird eine massive Injektion von Kapital, Technologie, Fachwissen und qualifizierten Arbeitskräften erforderlich sein, um Venezuelas zerstörte Ölindustrie wieder aufzubauen. Doch dies können nur westliche Ölkonzerne leisten, die wiederum einen Regierungswechsel in Caracas fordern.

„Oilprice.com“ schreibt: „Es ist der globale Energies-Gigant Chevron, der ideal positioniert ist, um Venezuelas zerstörte Ölindustrie wieder aufzubauen. Das integrierte Energieunternehmen ist seit rund 100 Jahren in Venezuela tätig (…) Der wichtigste venezolanische Vermögenswert des Unternehmens ist seine 39,2-prozentige Beteiligung an Petroboscán, einem Joint Venture mit dem nationalen Ölunternehmen PDVSA, das das Boscán-Feld betreibt (…) Nachdem Chevron im April 2020 vom Weißen Haus angewiesen wurde, den Betrieb einzustellen und sich darauf vorzubereiten, Venezuela bis zum 1. Dezember 2020 zu verlassen, beschloss das Unternehmen, den Wert seines Vermögens in dem in Schwierigkeiten geratenen lateinamerikanischen Land abzuschreiben. Damit schrieb der Öl-Supermajor den vollen Wert seiner venezolanischen Vermögenswerte ab und verbuchte für das zweite Quartal 2020 eine Wertminderung in Höhe von 2,6 Milliarden US-Dollar (…) Infolgedessen entfernte Chevron 160 Millionen Barrel Öl aus seinen nachgewiesenen Reserven und beschloss, die Berichterstattung über die Produktion für seine venezolanischen Betriebe einzustellen. Das bedeutet, dass Chevron nicht nur nicht mehr verpflichtet ist, die Leistung seiner Aktivitäten in Venezuela zu melden, sondern dass seine Vermögenswerte im Land im Wesentlichen wertlos sind.“

Trotz des Drucks aus Washington und dieser enormen Wertminderung blieb und bleibt Chevron entschlossen, im krisengeschüttelten Venezuela zu operieren. Als Washington ankündigte, Chevron müsse den Betrieb einstellen und sich darauf vorbereiten, das lateinamerikanische Land zu verlassen, verkündete Unternehmens-Chef Michael Wirth gegenüber CNBC: „Wir beabsichtigen natürlich, die Anforderungen der Regierung zu erfüllen, aber wir werden das Land nicht wirklich (…) verlassen.“

Nach der Amtsübernahme von Joe Biden könnten die USA einen neuen Kurs fahren. Dies bedeutet, dass Chevron aufgrund seiner Präsenz in Venezuela als erstes Energieunternehmen aktiv werden wird. In einer überraschenden Ankündigung erklärte Präsident Nicolas Maduro letzte Woche, er beabsichtige, den Kohlenwasserstoffsektor Venezuelas für Investitionen zu öffnen. Dies ist ein wesentlicher Bestandteil seines Plans, die Ölproduktion Venezuelas auf 1,5 Millionen Barrel täglich zu erweitern. Maduro hat offenbar die Notwendigkeit ausländischer Technologie, Kapital und Arbeitskräfte für den Wiederaufbau des Erdölsektors erkannt.

Die venezolanische Regierung schwenkt damit auf den Kurs von Biden ein, wonach künftig wieder der Multilateralismus maßgeblich sein soll, wovon wiederum auch Chevron profitieren könnte.

Kurios bei der ganzen Sache ist, dass ein Konzern wie Chevron mehr von einem Joe Biden profitiert als von einem Donald Trump, der doch eigentlich ein Freund der Energie-Konzerne war.

Venezuela ist das Land mit den weltweit größten bekannten Ölreserven. Diese sollen ein Volumen von etwa 300,9 Gigabarrel (Gbbl) haben. Ein Gbbl entspricht 159 Milliarden Liter.

Auf Platz 2 liegt demnach Saudi-Arabien mit 266,5 Gbbl, gefolgt von Kanada mit 169,7 Gbbl, Iran mit 158,4 Gbbl, Irak mit 142,5 Gbbl, Kuwait mit 101,5 Gbbl, den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) mit 97,8 Gbbl, Russland mit 80 Gbbl, Libyen mit 48,4 Gbbl und denUSA mit 36,5 Gbbl. Das geht aus einer Aufstellung des CIA Factbook hervor.

Etwa die Hälfte der Länder unter den zehn Bestplatzierten liegt in der Region Naher Osten/Nordafrika (MENA). Es besteht kein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Größe des Landes und der Größe der Ölreserven. Beispielsweise verfügt Kuwait mit einer Landmasse von nur 17.818 Quadratkilometern über rund 101,5 Gbbl an Erdölreserven, während Russland mit einer fast hundertmal größeren Landmasse nur etwa 80 Gbbl an Ölreserven besitzt.

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