Politik

Bundesregierung will russischen Sputnik-Impfstoff in Deutschland produzieren lassen

Die Bundesregierung zeigt plötzlich Interesse an einer Produktion des russischen Impfstoffes Sputnik V in Deutschland oder Europa.
03.02.2021 14:18
Aktualisiert: 03.02.2021 14:18
Lesezeit: 2 min
Bundesregierung will russischen Sputnik-Impfstoff in Deutschland produzieren lassen
Bundeskanzlerin Angela Merkel im Gespräch mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin. (Foto: dpa) Foto: Steffen Kugler

Nach Angaben von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gibt es Überlegungen zur Produktion des russischen Impfstoffs Sputnik V in Europa. Bei Gesprächen mit der russischen Seite habe es die „Bitte gegeben, zu schauen, ob es in Deutschland oder Europa Produktionskapazitäten geben könne“, sagte Spahn am Mittwoch bei einer Online-Konferenz von Tagesspiegel, Zeit, Handelsblatt und Wirtschaftswoche. „Wir können ja auch Unterstützung geben für die Produktion eines Impfstoffes, der in Europa noch gar nicht oder gar nicht zugelassen ist.“ Da „sei man vermittelnd tätig“.

Der Gesundheitsminister sagte, er freue sich über jeden Impfstoff, der Wirksamkeit zeige, sicher sei und einen Unterschied machen könne. „In welchem Umfang das bei Sputnik V der Fall ist, muss jetzt einfach auch die Zulassungsbehörde sich anschauen.“ Es gebe Kontakt, und das Verfahren zur Zulassung beginne formal bei der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA. Nach Angaben aus Moskau war dort ein entsprechender Antrag im Januar eingereicht worden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich am Dienstag in der in der ARD-Sendung „Farbe bekennen“ grundsätzlich offen für den Einsatz des russischen Impfstoffs auch in Deutschland gezeigt. Jeder Impfstoff sei in der EU willkommen, aber zugelassen werde er nur, wenn er der EMA die notwendigen Daten vorlege. Merkel hat nach eigenen Angaben über das Thema auch mit Russlands Präsident Wladimir Putin gesprochen.

Sputnik V in anderem Licht

Die Äußerungen Spahns und Merkels sind bemerkenswert, weil viele westliche Medien in der Vergangenheit Zweifel an der Sicherheit und Wirksamkeit des Sputnik-Impfstoffs geäußert hatten. Sputnik V war der weltweit erste gegen das Covid 19-Virus entwickelte Impfstoff und wurde ab August 2020 in Russland verabreicht. Inzwischen wurde er von mehreren Ländern gekauft, darunter auch dem EU-Mitgliedsland Ungarn.

Zwei Faktoren dürften es gewesen sein, welche die Bundesregierung nun zu einem Umdenken bewogen haben. Zum einen hatten russische Forscher vor Kurzem nach Kritik an fehlenden belastbaren Studien weitere Details zu Sputnik V veröffentlicht. Nach den neuen Daten hat das Vakzin eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent. Die Ergebnisse wurden am Dienstag im medizinischen Fachblatt „The Lancet“ publiziert. Spahn sprach von „ermutigenden Daten“. Der Kreml sprach am Mittwoch von einer „sehr wichtigen Veröffentlichung, die die Zuverlässigkeit und Wirksamkeit des russischen Impfstoffes gezeigt“ habe. Jeden Tag steige die Zahl der Länder, die Sputnik V registrieren wollten, sagte Sprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge. „In naher Zukunft ist geplant, die Produktion des Impfstoffs auch im Ausland aufzubauen.“

EU will keinen „Impfkrieg“

Der andere Grund für die Öffenheit gegenüber dem russischen Impfstoff dürfte mit der schleppenden Versorgung der EU mit anderen Impfstoffen zu tun haben.

So hatte der CSU-Europapolitiker Manfred Weber nach der Lieferkürzung bei Corona-Impfstoffen des Herstellers Astrazeneca ein Treffen der sieben großen Industriemächte ins Gespräch gebracht. Ein G7-Gipfel wäre der beste Weg zur gerechten Verteilung der Impfstoffe, sagte Weber am Dienstag in einem Online-Gespräch. Da dies im Moment fern liege, müsse jedoch ein EU-Exportverbot für Corona-Impfstoffe auf dem Tisch bleiben.

„Niemand in der EU will eine Art Impfkrieg beginnen“, sagte der Fraktionschef der Europäischen Volkspartei im Europaparlament. Die Produktion von Impfstoffen sei über Landesgrenzen hinweg eng vernetzt. Doch müsse man sich das Verhalten der anderen anschauen. Die USA hätten ein Exportverbot, und Großbritannien verhalte sich so, als habe es selbst Priorität beim Astrazeneca-Impfstoff.

Europa dürfe nicht naiv sein. Großbritannien hat derzeit den G7-Vorsitz. Astrazeneca ist ein britisch-schwedischer Konzern. Er hat die Lieferung an die EU im ersten Quartal wegen Produktionsengpässen gegenüber vorherigen Zusagen um die Hälfte gekürzt.

Weber verteidigte die gemeinsame Beschaffung der Impfstoffe in der EU und die ausführliche Zulassungsprüfung durch die Arzneimittelagentur EMA. Das sei „der europäische Weg“ und der richtige Ansatz. Doch forderte Weber die Ausnutzung aller Produktionskapazitäten in Europa. Bisher geschehe dies nicht. Gefordert sei eine Allianz der Pharmafirmen. Falls nötig, müsse auch eine Zwangslizensierung erwogen werden, sagte der CSU-Politiker.

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