Deutschland

Immobilien: Zwangsversteigerungen nehmen trotz Pandemie nicht zu

Ungeachtet der immensen wirtschaftlichen Folgen der Pandemie können die allermeisten Schuldner ihre Immobilienkredite bedienen. Die Zahl der Zwangsversteigerungen sinkt weiter, zeigen neue Zahlen.
19.02.2021 11:45
Lesezeit: 2 min
Immobilien: Zwangsversteigerungen nehmen trotz Pandemie nicht zu
Blick auf sanierte Altbauten. Selbst die Corona-Krise hat den Immobilienboom in Deutschland bisher nicht zum Erliegen gebracht. (Foto: dpa) Foto: Carsten Rehder

Die Zahl der Zwangsversteigerungen in Deutschland ist auch in der Corona-Pandemie gesunken. Nach Recherchen des Fachverlags Argetra wurden im vergangenen Jahr Verfahren für 14 853 Immobilien mit Verkehrswerten von gut 3,1 Milliarden Euro eröffnet. Im Vorjahreszeitraum 2019 waren es 17 600 Häuser, Wohnungen oder Grundstücke mit einem Verkehrswert von mehr als 3,4 Milliarden Euro.

Die anhaltenden Niedrigzinsen, viele gestundete Kredite von Banken und das Kurzarbeitergeld hätten zahlreiche Zwangsversteigerungen in der Pandemie verhindert, schreiben die Argetra-Experten in dem Bericht, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. 2020 waren demnach im Bundesschnitt 36 von 100 000 Haushalten von Zwangsversteigerungen betroffen (Vorjahr: 42). Mit dem Auslaufen staatlicher Hilfen, mehr Arbeitslosigkeit und Insolvenzen könnten die Zahlen aber steigen, so Argetra. Für die Auswertung hat der Fachverlag die Termine für Zwangsversteigerungen an allen knapp 500 Amtsgerichten ausgewertet.

Zwangsversteigert werden laut den Angaben vor allem Wohnimmobilien (66 Prozent) mit dem Löwenanteil bei Ein- und Zweifamilienhäusern,

gefolgt von Eigentumswohnungen. Der Rest (34 Prozent) entfalle unter anderem auf Gewerbegrundstücke, Geschäftshäuser, Grundstücke

und sonstige Immobilien. Nur etwa die Hälfte der eröffneten Zwangsversteigerungsverfahren endet aber im Gericht. Der Rest der betroffenen Häuser, Wohnungen oder Grundstücke wird schon vorher verkauft - Käufer finden sich im Immobilienboom genug.

Die Zahl der Zwangsversteigerungen in Deutschland nimmt seit Jahren ab. Als Gründe gelten die lange Zeit gute Konjunktur und die Niedrigzinsen, die die Zinslast von Krediten für Schuldner niedrig halten sowie die Nachfrage nach Immobilien antreiben.

«In den vergangenen zehn Jahren ist die Wirtschaft stetig gewachsen, die Zahl der sozialversichert Beschäftigten erreichte immer neue Rekorde und die Reallöhne sind in diesem Zuge ebenso stetig gestiegen», erklärte Kai Warnecke, Präsident des Eigentümerverbands Haus und Grund. Daher seien weniger Zwangsversteigerungen keine Überraschung. «Die positive wirtschaftliche Entwicklung hat durch die Corona-Pandemie ein jähes Ende gefunden.»

In der Krise böten Banken Kreditnehmern an, Zahlungen zu stunden, anstatt Darlehen zu kündigen und Zwangsversteigerungen einzuleiten, sagte Argetra-Geschäftsführer Walter Ruesch. Auch seien viele Termine für Zwangsversteigerungen wegen Versammlungsverboten in der Pandemie abgesagt worden. Wegen des Konjunktureinbruchs und der gestiegenen Arbeitslosigkeit gerade in der Autoindustrie sei zeitverzögert wieder mit deutlich mehr Zwangsversteigerungen zu rechnen. «Die corona-bedingten Kündigungen von Krediten erwarten wir erst ab der zweiten Jahreshälfte 2021 und besonders 2022, da die Bearbeitungszeiten bei Banken und Gerichten sehr lang sind.»

Im vergangenen Jahr wurden laut Argetra Immobilien im Verkehrswert von gut 212 000 Euro versteigert, nach durchschnittlich 195 000 Euro im Vorjahr. In Hamburg und Berlin waren die Werte am höchsten, in Sachsen-Anhalt am niedrigsten. Der Verkehrswert von Immobilien weicht häufig vom aktuellen Marktwert ab, da oft ein bis zwei Jahre zum Termin der Zwangsversteigerung vergehen und Preise derweil steigen oder fallen.

Besonders viele Immobilien würden in der Mitte Deutschlands von Nordrhein-Westfalen bis nach Ostdeutschland versteigert. Die Zahl der anberaumten Zwangsversteigerungstermine pro 100 000 Haushalte sei in Sachsen-Anhalt (73) trotz eines Rückgangs noch immer drei Mal so hoch wie in Bayern (22). Bei den 40 Städten mit den meisten Terminen liegt Chemnitz vorn, gefolgt von Leipzig, Zwickau und Berlin.

Ruesch widersprach dem Eindruck, dass Käufer bei Zwangsversteigerungen günstig an Wohnungen oder Häuser kommen. «Billig ist derzeit am Immobilienmarkt nichts mehr.» Bei Zwangsversteigerungen gehe es vielmehr darum, dass Schuldner gut aus ihrer finanziellen Lage, häufig nach Arbeitslosigkeit, kämen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Technologie
Technologie KI-Agenten außer Kontrolle: Wenn der Assistent plötzlich zum Hacker wird
29.08.2026

Ein KI-Agent sollte lediglich einen Platz im Fitnesskurs sichern und entfernte dafür eigenmächtig einen anderen Nutzer von der...

DWN
Politik
Politik Arbeitslosenversicherung: Milliardenloch und immer mehr Arbeitslose: Kommen höhere Beiträge?
29.08.2026

Im Juli gab es über drei Millionen Menschen, die arbeitslos gemeldet sind. Damit liegt die Arbeitslosenquote bei 6,4 Prozent. Tendenz...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kleine Warensendungen aus China vor Strukturbruch: Im Juli 98 Prozent Rückgang
29.08.2026

Die Zahl der Sendungen aus Asien sinkt. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass auch der Konsum entsprechend zurückgeht. Beispielhafte...

DWN
Finanzen
Finanzen Kapitalrente 2028: Was Sie erwarten dürfen, wenn Sie mit 30, 40 oder erst 50 beginnen
29.08.2026

Die aktuelle Rentenreform sieht ab 2028 auch eine Kapitalrente vor, bei der Anteile der Rentenbeiträge am Kapitalmarkt angelegt werden....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Ford E-Transit Courier im Test: Der Elektro-Spezialist für die Stadt
29.08.2026

Der Ford E-Transit Courier ist konsequent auf städtische Lieferdienste zugeschnitten. Er bietet ausreichend Reichweite für den...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Volkswagen unter Druck: Wie umfangreich muss der Konzern sparen?
29.08.2026

Hohe Kosten, Überkapazitäten und ein unerbittlicher Wettbewerb setzen Volkswagen massiv unter Druck. Mehrere Werke fürchten um ihre...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Engpass bei Diesel: Warum Autofahrer einen teuren Winter fürchten müssen
29.08.2026

Die Straße von Hormus bleibt ein Nadelöhr für den weltweiten Ölhandel. Trumps neue Sanktionen sollen den Iran wirtschaftlich treffen,...

DWN
Technologie
Technologie Neue KI-Offensive könnte Bäckereien Millionen sparen
29.08.2026

Die Bäckereikette Bodenhoff will mit einem neuen KI-Werkzeug Abfall reduzieren und Mehrverkäufe sichern. Es soll die Planung der...