Finanzen

Erster Euro-Zentralbankchef fordert offen noch stärkere Anleihekäufe durch die EZB

Griechenlands Notenbankchef Yannis Stournaras wagt sich aus der Deckung. Er fordert von der EZB ein noch stärkeres Gelddrucken, um den zuletzt steigenden Renditen entgegen zu wirken. Doch dieser Weg führt in die Sackgasse.
27.02.2021 07:58
Aktualisiert: 27.02.2021 07:58
Lesezeit: 2 min

Griechenlands Notenbankchef Yannis Stournaras fordert angesichts des jüngsten Anstiegs der Renditen von Staatsanleihen mehr Tempo bei den Bond-Käufen der Europäischen Zentralbank (EZB). "Aus meiner Sicht gibt es eine unerwünschte Straffung der Bond-Renditen", sagte Stournaras der Nachrichtenagentur Reuters am Freitag.

"Daher wäre es vielleicht wünschenswert, die Geschwindigkeit der PEPP-Käufe zu steigern, um während der Pandemie günstige Finanzierungsbedingungen sicherzustellen." Die Renditen von Staatstiteln der Euro-Länder erhöhten sich zuletzt deutlich. Das hatte Befürchtungen ausgelöst, die Kreditkosten für Firmen und Haushalte könnten sich mitten in der Pandemie verteuern.

Das billionenschwere Anleihekaufprogramm PEPP ist zurzeit die wichtigste Waffe der EZB zur Bekämpfung der ökonomischen Folgen der Pandemie. Es ist mittlerweile auf 1,85 Billionen Euro angelegt. Munition ist noch reichlich vorhanden, da eine Billion Euro des Kaufrahmens bislang noch ungenutzt ist. EZB-Chefin Christine Lagarde hatte zuletzt darauf hingewiesen, dass das Programm den Währungshütern erhebliche Feuerkraft und Flexibilität bei den Käufen ermögliche.

"Aus meiner Sicht gibt es für ein Anziehen der nominalen Bond-Renditen am langen Ende keine fundamentale Rechtfertigung", sagte Stournaras. Die Währungshüter sollten daher das EZB-Direktorium auf der nächsten Zinssitzung am 11. März instruieren, entsprechend zu handeln, sagte er. Das sechsköpfige EZB-Direktorium ist unter anderem für die konkrete Umsetzung der Geldpolitik verantwortlich. Dazu gehören auch die Anleihekäufe.

Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen, die in Europa als Richtschnur gelten, gab zwar nach den Äußerungen von Stournaras leicht nach und lag bei minus 0,287 Prozent. Auf Monatssicht steuert sie jedoch auf ihren größten Sprung seit Januar 2018 zu. Zu Beginn des Jahres hatte die Rendite noch bei minus 0,576 Prozent gelegen.

Zuvor hatten am Freitag EZB-Chefvolkswirt Philip Lane und Notenbank-Direktorin Isabel Schnabel bekräftigt, dass die Notenbank die Entwicklung der Bond-Renditen beobachte. Eine Erhöhung des Tempos der Anleihekäufe forderten sie aber nicht. Schnabel hatte auf einer Veranstaltung sogar gesagt, ein gradueller Anstieg der nominalen Renditen sei ein begrüßenswertes Zeichen, wenn sich darin verbesserte wirtschaftliche Wachstumsaussichten widerspiegelten.

Der Finanzblog Zero Hedge kommentiert: "Wenn die Flut der Geldpolitik endlich die von den Zentralbanken seit Jahren geforderte Inflation auslöst, dann wollen sie noch mehr Geld nachschießen, um deren Wirkung auszugleichen. Ja, das gilt heutzutage als hohes ökonomisches Denken. Das wird sich freilich ändern. Zwar mag die aktuelle Zinsangst vorerst vorbei sein, doch die Renditen werden in den kommenden Wochen und Monaten ihren Marsch nach oben fortsetzen, und dann wird es nur noch eine Frage sein, welches Niveau bei US-Anleihen, Bundesanleihen, oder japanischen Staatsanleihen für die Zentralbanker der 'maximale Schmerz' ist, bevor sie alle global koordinierte Renditekurvenkontrolle starten."

Renditekurvenkontrolle heißt, dass die Notenbanken sich für die verschiedenen Anleihen ein Renditeziel vorgeben und dann fortlaufend so viel von diesen Anleihen kaufen, dass die Rendite auf den vorgegebenen Wert abgesunken ist und dort bleibt. Dies erfordert offensichtlich ein um ein Vielfaches stärkeres Gelddrucken. Die japanische Zentralbank zeigt bereits seit 2016, dass es möglich ist, wenn auch die Auswirkungen vor allem auf das Land selbst beschränkt sind. Die globale Fixierung der Renditen wäre ein Novum und kann wohl nur mit einem kompletten Systemwechsel rückgängig gemacht werden.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin: Unbekannter vernichtet Vermögen im Millionenwert
29.05.2026

Ein Unbekannter schickt 107 Bitcoin an eine Adresse, von der es keinen Rückweg gibt. Knapp sieben Millionen Euro sind damit praktisch aus...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Eternal.ag: Kölner Start-up automatisiert die Tomatenernte
29.05.2026

Acht Millionen Euro, ein gescheitertes Vorgängerunternehmen und ein klares Ziel: Renji John will beweisen, dass autonome Roboter den...

DWN
Unternehmen
Unternehmen "Made in Germany" vorm Aus: Nächste deutsche Traditionsfirma verschwindet für immer
29.05.2026

Schwache Konsumstimmung, nicht mehr finanzierbare Kosten für Energie, Personal und Abgaben treiben den stationären Handel samt...

DWN
Politik
Politik NATO-Truppenabzug: Europas Sicherheit wird zur Kostenfrage
29.05.2026

Amerika will weniger Kampfjets, Drohnen und Kriegsschiffe für Europa bereithalten. Was wie eine technische NATO-Planung klingt, ist ein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft VW-Aktie: Nach Whistleblower-Hinweisen – Justiz weist Benachteiligungsklage gegen Volkswagen ab
29.05.2026

Herber Rückschlag für zwei ehemalige VW-Mitarbeiter im Millionenpoker mit ihrem Ex-Arbeitgeber: Das Landesarbeitsgericht Niedersachsen...

DWN
Politik
Politik Machtwort aus der Regierungszentrale: Kanzleramt bügelt Merz-Debatte ab
29.05.2026

Das Kanzleramt versucht, die aufkommenden Spekulationen über die Zukunft von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) im Keim zu ersticken....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gegen den Kurs der Regierung: Mehrheit der Beschäftigten will weniger arbeiten
29.05.2026

Breitseite gegen die schwarz-roten Wirtschaftsreformen: Eine neue DGB-Umfrage zeigt, dass sich 53 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Trotz Energie-Schock: Teuerungswelle in Deutschland flaut im Mai ab
29.05.2026

Die deutsche Wirtschaft stemmt sich gegen die Krisenfolgen: Trotz der durch den Iran-Krieg sprunghaft gestiegenen Kosten für...