Politik

Gutachten: Berliner Senat muss Pädophilen-Netzwerk offenlegen

Über Jahrzehnte haben die Berliner Jugendämter Kinder an Pädophile vermittelt. Aus einem Gutachten geht hervor, dass es in Berlin ein institutionell gut vernetztes Pädophilen-Netzwerk geben muss, das bis heute nicht offengelegt wurde. Der Berliner Senat bleibt untätig.
05.03.2021 19:52
Aktualisiert: 05.03.2021 19:52
Lesezeit: 2 min

Die „FAZ“ berichtete im vergangenen Jahr: „Es klingt, als stamme es aus einem Horrorkrimi und es war über dreißig Jahre bittere Wirklichkeit in Berlin: das sogenannte Kentler-Experiment. Der umstrittene Sexualwissenschaftler Helmut Kentler, gegen den es nie irgendein Verfahren gab, hat in den siebziger Jahren Kinder und Jugendliche ganz bewusst an pädophile Pflegeväter vermittelt. Er war der festen Überzeugung, dass ,sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen nicht schädlich sind‘. So wurden Findelkinder und Straßenkinder aus Westberlin in die Obhut meist alleinstehender Pflegeväter gegeben, die oft wegen sexuellen Missbrauchs vorbestraft waren.“

Das Berliner Jugendamt war eingebunden. „Jugendämter in Berlin gaben jahrzehntelang Pflegekinder in die Obhut von Pädophilen (…) Zwei der Opfer, Marco und Sven (Namen geändert, d. Red.), heute 35 und 36 Jahre alt, hatten WELT im vergangenen Jahr ihre Erinnerungen geschildert. Beide waren sechs Jahre alt, als das Jugendamt sie in die Obhut von Fritz H. gab. 14 Jahre lang sollten sie bleiben. Beide wurden sexuell missbraucht, bis sie 13 Jahre alt und somit sexuell uninteressant für H. wurden (…) Mitte Juni hatte ein Gutachten eines Forschungsteams der Universität Hildesheim bestätigt, dass es sich bei den von Kentler empfohlenen Pflegestellen um ,Kindeswohlgefährdung in öffentlicher Verantwortung‘ handelte. Die Verantwortung für die Verbrechen liege ,eindeutig und unstrittig beim Senat als dessen Dienstherr‘, hieß es in der Studie.“, so die Zeitung „Die Welt“.

Wörtlich heißt es in dem Gutachten: „Damit liegt die Verantwortung für die Aktivitäten von Helmut Kentler als leitender Mitarbeiter des Pädagogischen Zentrums eindeutig und unstrittig beim Senat als dessen Dienstherr. Die hohe Bedeutung des Pädagogischen Zentrums erzeugte zugleich die Reputation, die Helmut Kentler als Mitarbeiter der Einrichtung zukam, so dass hier Institutionen-Personenschutz zusammenspielten.“

Die Forscher der Universität Hildesheim gehen von einem Netzwerk aus: „Zudem ist das Netzwerk der Akteure, soweit es möglich ist, weiter aufzuschlüsseln und zu analysieren, wie pädophile Personen, Mitwisser, Unterstützer etc. zusammengewirkt haben. Weder an der Odenwaldschule, dies hat die Aufarbeitung nachhaltig gezeigt, noch bei Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe, dies zeigt der vorliegende Bericht, haben wir es mit Einzelpersonen, sondern mit Netzwerken zu tun. Es geht somit nicht nur um die Pflegestellen, von denen Helmut Kentler in dem Gutachten berichtet, und auch nicht nur um die Beziehung der Senatsverwaltung zur Odenwaldschule und die Kooperation zwischen Gerold Becker und Martin Bonhoeffer, sondern es ist die Vernetzung, Ausbreitung und verantwortliche Fallführung von Wohngemeinschaften und Pflegestellen bei pädophilen Männern in West-Berlin und im gesamten Bundesgebiet seit den 1960er Jahren zu rekonstruieren, in die die Berliner Senatsverwaltung und Bezirksjugendämter in Berlin als Akteure initiativ mitgewirkt haben. Wie weitgehend diese Wohngemeinschaften und Pflegestellen verbreitet waren und wie die Netzwerke diese gegen die gesetzlichen Vorgaben in der Jugendwohlfahrt und Kinder- und Jugendhilfe durchgesetzt haben, muss in weiteren Aufarbeitungen geklärt werden. Der Fall Fritz H. ist ein deutliches Beispiel, wie ein gut vernetzter und mit institutioneller Macht ausgestatteter Akteur – Helmut Kentler – seine Position und Macht ausnutzt, um die Kontrolle über die Fallführung in dem Berliner Jugendamt mit zu übernehmen und darüber ,Kindeswohlgefährdung in öffentlicher Verantwortung‘ geschehen konnte.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell unter Druck: UBS sieht trotzdem großes Potenzial für Goldpreisentwicklung
20.05.2026

Der Goldpreis steht am Mittwoch weiter unter Druck: Hohe US-Renditen, ein weiterhin starker Dollar und neue Zinssorgen verunsichern die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Neue Risiken für die Wirtschaft? Erzeugerpreise in Deutschland steigen so stark wie seit 2023 nicht
20.05.2026

Die deutschen Erzeugerpreise steigen überraschend stark – so kräftig wie seit fast zwei Jahren nicht mehr. Vor allem geopolitische...

DWN
Politik
Politik Putin bei Xi: Russland verspricht China stabile Energieversorgung in unsicheren Zeiten
20.05.2026

Während Konflikte im Nahen Osten die Weltmärkte verunsichern, setzen Moskau und Peking demonstrativ auf Zusammenarbeit. Putin lobt China...

DWN
Panorama
Panorama Milliarden für den Zivilschutz: So will Deutschland künftig besser auf Krisen reagieren
20.05.2026

Deutschland will Milliarden in den Zivil- und Bevölkerungsschutz investieren. Neue Fahrzeuge, moderne Technik und mehr Personal sollen das...

DWN
Politik
Politik EU-USA-Zolleinigung: USA bekommen Zollvorteile unter Vorbehalt
20.05.2026

Mit einem neuen Kompromiss will die EU einen Handelskonflikt mit den USA verhindern. Doch die Einigung steht unter Vorbehalt, denn...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Rabattaktionen im Einzelhandel: Warum eBooks trotz Krise boomen – und wie Sie persönlich davon profitieren
20.05.2026

Steigende Preise, verunsicherte Verbraucher und schwache Konsumdaten setzen den Handel unter Druck. Gleichzeitig werben Anbieter mit...

DWN
Politik
Politik Bio-Landwirtschaft: Die EU nimmt das Bio-Siegel an die Kandare
20.05.2026

Bio soll einfacher werden, doch genau das könnte für Händler, Bauern und Importeure kompliziert werden. Die EU will ihr Bio-Siegel...

DWN
Politik
Politik Armee-Ranking 2026: Wie Staaten ihre Militärmacht wirklich messen
20.05.2026

Militärmacht bemisst sich 2026 nicht mehr allein an Truppenstärke, Waffenarsenalen und Verteidigungshaushalten. Welche Staaten können...