Wirtschaft

„Wir sind im Häuserkampf“: Chip-Lieferketten für Europas Autobauer an mehreren Stellen gebrochen

Der Mangel an Halbleiterchips dauert an, weitere europäische Automobilhersteller setzen die Produktion aus.
23.03.2021 11:56
Aktualisiert: 23.03.2021 11:56
Lesezeit: 3 min
„Wir sind im Häuserkampf“: Chip-Lieferketten für Europas Autobauer an mehreren Stellen gebrochen
Mitarbeiter des Halbleiterchip-Herstellers Globalfoundries mit sogenannten Wafern. (Foto: dpa) Foto: Ralf Hirschberger

Der schwedische Nutzfahrzeughersteller Volvo hat vor massiven Produktionsproblemen wegen der fehlenden Belieferung mit Halbleitern gewarnt. Der Rivale von Daimler und der VW-Holding Traton muss wegen der weltweiten Chipknappheit beginnend mit dem zweiten Quartal in den Werken die Produktion anhalten, wie die Schweden am Montagabend in Stockholm ankündigten.

Insgesamt würden sich die Schließtage laut einer aktuellen Schätzung wohl auf zwischen zwei bis vier Wochen summieren, je nach Werk. Volvo rechnet damit, dass die Störungen die Ergebnisse und den Mittelzufluss belasten werden.

Die Abschätzbarkeit der globalen Lieferkette für Chips und andere Komponenten sei derzeit sehr niedrig, die Unsicherheit um die weitere Entwicklung hoch, hieß es von Volvo. Auch auf andere Geschäfte wirke sich die Situation aus. Der Kurs der Volvo-Aktie in Stockholm sackte am Dienstag um rund 7 Prozent auf 219 Schwedische Kronen ab. Auch andere Aktien in der Branche gerieten in Mitleidenschaft, Daimler verloren 2,5 Prozent, Traton-Papiere 2,7 Prozent.

Traton-Finanzchef Christian Schulz hatte am Vortag auf Risiken wegen der Pandemie und möglichen Problemen mit Chips verwiesen. Im vergangenen Jahr war der Markt für neue Nutzfahrzeuge wegen der Corona-Pandemie zwischenzeitlich nahezu zum Erliegen gekommen. Im zweiten Halbjahr zogen die Auftragseingänge wieder an. Analyst Nicolai Kempf von der Deutschen Bank schätzte, dass Volvo im zweiten Quartal 16.000 weniger Lkw produzieren könnte als im Vorjahreszeitraum. Das entspreche neun Prozent der für 2021 prognostizierten Menge. Allerdings könne es im zweiten Halbjahr zu Nachholeffekten kommen. Die Gewinnerwartungen für das laufende Jahr dürften spürbar sinken.

Audi: Lieferketten an mehreren Stellen gerissen

Die Volkswagen-Tochter Audi ist für das laufende Jahr „vorsichtig optimistisch“. Vorbehalte gebe es allerdings in puncto Corona-Krise sowie bei der Versorgung mit Halbleitern. Vorstandschef Markus Duesmann sagte am 18. März, die Lieferketten seien an mehreren Stellen gerissen. „Die Effekte sind durch Umplanungen deutlich zu spüren.“ Im laufenden Quartal würden deshalb gut 10.000 Autos weniger gebaut. Er erwarte aber, dass Audi im Jahresverlauf die verlorenen Stückzahlen wieder aufholen werde.

Gut laufe es in China, wo Audi im vergangenen Jahr rund 700.000 der insgesamt 1,7 Millionen verkauften Autos abgesetzt hat. „Wir gehen 2021 von nochmals deutlichem Wachstum aus“, sagte Duesmann. Weltweit erwartet der Vorstand eine gewisse Erholung der Märkte, wie Antlitz sagte.

Bis zum Sommer will Audi entscheiden, wie lange das Unternehmen noch Autos mit Benzin und Dieselmotoren baut. Die Strategie werde gerade überarbeitet, sagte Duesmann. Er hatte bereits angekündigt, dass Audi keine neuen Verbrenner mehr entwickeln werde. Duesmann warnte zugleich vor überzogenen CO2-Grenzwerten in der EU: Der Nutzen für das Klima wäre sehr klein, der technische Aufwand aber sehr groß, „und das Geld fehlt uns dann bei der Entwicklung von batterieelektrischen Fahrzeugen“, sagte der Audi-Chef. „Die Verbrenner finanzieren die Transformation.“

VW setzt Produktion in Stammwerk aus

Die Probleme beim Nachschub von Elektronik-Chips zwingen Volkswagen in der laufenden Woche zu weiteren Unterbrechungen der Produktion am Stammsitz Wolfsburg. Hier soll die Arbeit an zwei Montagelinien für die Modelle Tiguan, Touran und Tarraco von Montag (22.3.) bis Freitag (26.3.) fünf Tage lang ruhen. Dies teilte VW am Mittwoch vergangener Woche mit. Grund sei ein fehlendes elektronisches Bauteil.

Es hatte seit dem Jahreswechsel bereits mehrmals Schließtage und Kurzarbeit an VW-Standorten gegeben. Das Wolfsburger Hauptwerk war schon im Februar betroffen. In Emden hatte es zuvor ebenfalls Einschränkungen gegeben, auch in konzerninternen Zulieferwerken wie Braunschweig musste die Produktion gedrosselt werden. Bei der Tochter Audi und weiteren Herstellern kam es zu ähnlichen Schritten.

Bei den Herstellern der Bauteile war die Nachfrage aus der Autoindustrie jahrelang gestiegen, brach dann aber in der Corona-Krise zunächst ein. Die Chipproduzenten fanden neue Abnehmer, etwa aus der IT, Unterhaltungselektronik oder Medizintechnik. „Volkswagen arbeitet eng mit den Lieferanten zusammen und steht im direkten Kontakt mit den Halbleiter-Herstellern“, erklärte der Autobauer. „Doch die Verknappung von Halbleiter-Kapazitäten verschärft sich zunehmend weltweit in vielen Branchen.“

Die schwere Lieferkrise bei Elektronik-Chips und weiteren wichtigen Halbleiter-Produkten dürfte nach Einschätzung von Volkswagen nicht so bald ausgestanden sein. „Die Versorgungsengpässe haben eine andere Dimension - in der Art, dass es keine schnelle Lösung gibt“, sagte Einkaufsvorstand Murat Aksel am vergangenen Mittwoch. „Diese Krise ist tiefer, breiter, nachhaltiger.“

Es werde über das gesamte Jahr Probleme geben, erst 2022 seien dann wohl ergänzende Kapazitäten aufseiten der Chip-Hersteller absehbar. „Es wird eng bleiben“, sagte Aksel angesichts der harten Konkurrenz um die wenigen vorhandenen Produktionskapazitäten. „Wir sind im Häuserkampf.“

VW gründete eine „Taskforce“ dazu. Aksel sagte: „Es ist uns bisher relativ gut gelungen, es wird wahrscheinlich aber das ganze Jahr volatil bleiben.“ Finanzvorstand Alexander Seitz erklärte, man müsse das Thema „sehr genau im Blick behalten“. Zusätzliche Kosten zur Bewältigung der Lieferkrise seien in der Planung berücksichtigt.

Toyota stoppt Betrieb in tschechischem Werk

Das Toyota-Werk im tschechischen Kolin muss wegen Chipmangels vorübergehend die Pkw-Produktion unterbrechen. Die Fließbänder werden von Sonntag an für zwei Wochen stillstehen, sagte ein Sprecher am Freitag auf Anfrage. Extremes Wetter habe zu Lieferengpässen bei einem nordamerikanischen Halbleiter-Lieferanten geführt, hieß es. Damit ist höchstwahrscheinlich das Schneechaos in Texas in den vergangenen Wochen gemeint.

Toyota stellt in dem tschechischen Werk mit rund 2500 Mitarbeitern den Kleinwagen Toyota Aygo her. Noch in diesem Jahr soll das größere Modell Yaris hinzukommen. Dafür sind Investitionen in Höhe von umgerechnet 150 Millionen Euro geplant. Der japanische Autobauer hatte die Fabrik, die 2002 als Joint Venture mit Peugeot a Citroën gegründet worden war, zu Jahresbeginn komplett übernommen. Kolin liegt knapp 60 Kilometer östlich von Prag.

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