Finanzen

Schuldenaufnahme in der Eurozone erreicht neue Rekordhöhen

Die Staaten der Eurozone haben bei der Schuldenaufnahme in diesem Jahr erneut Rekorde gebrochen. Die Zinsen waren extrem niedrig, doch nun zeichnet sich eine Kehrtwende ab.
07.04.2021 11:38
Lesezeit: 2 min
Schuldenaufnahme in der Eurozone erreicht neue Rekordhöhen
Zentrale der Europäischen Zentralbank. (Foto: dpa) Foto: Frank Rumpenhorst

Die europäischen Staaten haben die Schuldenaufnahme im ersten Quartal dieses Jahres weiter stark vorangetrieben. Die Gesamtemission von Staatsanleihen der wichtigsten Staaten der Eurozone - über Auktionen oder mithilfe von Banken - belief sich nach Angaben der niederländischen Großbank ING auf insgesamt 373 Milliarden Euro und lag damit rund 20 Prozent höher als im Vorjahresquartal.

Die von Banken vermittelten Verkäufe von Staatsanleihen verzeichneten sogar das geschäftigste erste Quartal aller Zeiten. Denn mithilfe von Banken nahmen die Staaten in Europa, einschließlich Großbritannien, Schulden im Umfang von umgerechnet 150 Milliarden Dollar auf. Das war nach dem extremen ersten Quartal 2020 das zweitgrößte Volumen in den Aufzeichnungen des Datenanbieters Refinitiv, die bis ins Jahr 2000 zurückreichen.

Die Nachfrage seitens von Investoren erwies sich trotz des riesigen Angebots und der starken Preisbewegungen für Anleihen als robust. Diese starke Nachfrage - unterstützt und wesentlich angefacht durch die massiven Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank - hatte zur Folge, dass die Staaten Europas trotz der rekordhohen Schuldenaufnahme weiterhin kaum Zinsen für ihre neuen Anleihen zahlen müssen.

"Januar und Anfang Februar waren wahrscheinlich der heißeste Primärmarkt, den wir je hatten", zitiert die Financial Times Jamie Stirling, globaler Chef der staatlichen Schuldenmärkte bei der französischen Bank BNP Paribas. "Die Volumina waren unglaublich." Im primären Anleihemarkt sind die Staaten die Verkäufer - im Gegensatz zum Sekundärmarkt, wo Investoren von ihnen gehaltene Anleihen weiterverkaufen.

Der Jahresbeginn ist traditionell die geschäftigste Finanzierungssaison für die Staaten, die in diesem Jahr neben dem hohen Bedarf aufgrund eklatanter Haushaltsdefizite auch dadurch beschleunigt wurde, dass die Finanzminister sich beeilten, von den weiterhin extrem niedrigen Zinsen zu profitieren, bevor die Kreditkosten möglicherweise schon bald wieder stiegen.

Die Schuldenquote der Eurozone ist wegen der hohen Neuverschuldung bereits im letzten Jahr von 86 Prozent im März bis auf 97 Prozent Stand Ende September gestiegen. "Das vergangene Jahr war das größte Jahr, das der Sektor je erlebt hat. Wahrscheinlich gab es zu Beginn dieses Jahres ein wenig Sorge, ob der Markt ein ähnliches Niveau an Neuemissionen zu solch knappen Preisen verdauen würde", so Jamie Stirling.

Doch die Nachfrage nach neuen Anleihen hält an, sodass sich die Staaten trotz des Schuldenanstiegs weiter zu sehr günstigen Zinssätzen refinanzieren können. Die durchschnittliche Rendite für Anleiheverkäufe mithilfe von Banken in der Eurozone seit Januar liegt nach Duration gewichtet bei 0,75 Prozent, in den ersten drei Monaten des letzten Jahres waren es laut Berechnungen von BNP Paribas noch 0,94 Prozent.

Neben den umfangreichen Anleihekäufen der EZB gab es auch eine starke Nachfrage von Vermögensverwaltern. Die Auftragsbücher für Anleiheverkäufe mithilfe von Banken brachen alle Rekorde, was es den öffentlichen Schuldnern ermöglichte, bessere Zinssätze zu erhalten. Langfristige Emissionen waren besonders aktiv, da die Staaten sich die attraktiven Zinsen bis in die ferne Zukunft sichern wollten.

Der starke Druck auf die globalen Anleihemärkten seit Mitte Februar, der mit einem Anstieg der Renditen einhergeht, könnte nun auch zu einem Rückgang bei den neuen Emissionen führen. Denn steigende Renditen bedeuten immer für jene Investoren, die bereits Anleihen gekauft haben, dass diese alten Anleihen an Wert verlieren.

Der von den USA ausgehende Anstieg der Anleiherenditen hat laut Ioannis Rallis, der bei JPMorgan für diese Art von Emissionen zuständig ist, bereits "ein gewisses Umdenken" ausgelöst. Denn vor allem Anleihen mit längeren Laufzeiten verzeichneten einen stärkeren Preisverfall, da sie ein höheres Inflationsrisiko aufweisen.

Der Preisrückgang an den Anleihemärkten kam schneller, als viele Analysten erwartet hatten. "Einige Investoren fanden sich wahrscheinlich vorübergehend etwas im Abseits wieder", sagt Rallis. In der Folge haben Staaten und Investoren den Markt bereits verstärkt auf Staatsanleihen mit mittleren und kürzeren Laufzeiten umgestellt.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Die Ökonomie der Aufmerksamkeit: Warum Unternehmen um jede Minute kämpfen

Im Internet ist Geld nicht länger die einzige Währung. Eine ebenso große Rolle spielt die Währung Aufmerksamkeit. Wer im Überfluss an...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Ein Gewinn für Unternehmen und Bürger: Brüssel lockert die strengsten Regeln des Emissionshandels
20.07.2026

Die Europäische Kommission wird am Freitag einen Vorschlag zur Überarbeitung des Emissionshandelssystems (ETS) vorlegen. Wir haben uns...

DWN
Politik
Politik US-Inflation außer Kontrolle? Warum Amerikas Wähler die Geduld verlieren
19.07.2026

Die offiziellen Wirtschaftsdaten wirken solide, doch viele Amerikaner empfinden ihre finanzielle Lage als zunehmend bedrückend. Bidens...

DWN
Unternehmen
Unternehmen BMW-Werksleiter Schröder: Wie ein Maschinenbauingenieur erfolgreich durch turbulente Jahre führt
19.07.2026

Der Leiter des BMW-Werks in Dingolfing, dem größten in Europa, setzt auf die Qualifikation der Mitarbeiter, was sich in der stetig...

DWN
Finanzen
Finanzen Gefällt Dir das Produkt? Dann kaufe die Aktie!
19.07.2026

Früher war Aktienauswahl oft erstaunlich einfach: Wer ein Produkt mochte und verstand, investierte auch in das Unternehmen dahinter. Doch...

DWN
Finanzen
Finanzen Die zehn reichsten Deutschen – und der Vergleich zu Elon Musk
19.07.2026

Deutschlands reichste Menschen sind Unternehmer und Erben von Unternehmern, deren Firmen weltweit Milliarden Euro umsetzen. Gründer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Japan: Der Feind ist nicht das Elektroauto, der Feind ist der Kohlenstoff
19.07.2026

Autos aus diesem asiatischen Land stehen ganz oben auf der Wunschliste potenzieller Käufer. Zu den Stärken der Branche zählen die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Niedrige Geburtenrate: Warum weniger Kinder die Wirtschaft produktiver machen könnten
19.07.2026

Weniger Kinder, weniger Arbeitskräfte, weniger Wachstum: Diese Rechnung klingt logisch, könnte aber falsch sein. Eine neue Studie zeigt,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Hackergruppen 2026: Diese Cyber-Elite greift Deutschlands Unternehmen an
19.07.2026

Sie knacken nicht nur Passwörter, sondern manipulieren Helpdesks, missbrauchen Fernzugriffe und stehlen sogar biometrische Daten. Die...