Wirtschaft

Eine neue Macht übernimmt den Fußball: Die Fans werden den reichen Club-Besitzern und Oligarchen noch hinterhertrauern

Früher wurde der Profi-Fußball von selbsternannten Sonnenkönigen beherrscht. Mittlerweile ziehen Multi-Milliardäre die Fäden. Doch jetzt tritt ein Akteur auf die Bildfläche, der selbst diese Superreichen in den Schatten stellt.
Autor
avtor
16.05.2021 10:50
Lesezeit: 6 min
Eine neue Macht übernimmt den Fußball: Die Fans werden den reichen Club-Besitzern und Oligarchen noch hinterhertrauern
Zwei Brüder, ein Verein: Den beiden amerikanischen Milliarden-Erben Joel (l) and Avram Glazer gehört der britische Traditions-Club Manchester United. (Foto: dpa)

Was haben die Fußballclubs FC Chelsea, AS Rom, Paris St. Germain, FC Valencia und der TSV Hoffenheim gemeinsam? Sie alle befinden sich mehrheitlich im Besitz von Milliardären. Hinter ihnen stehen so schillernde Figuren wie der russische Oligarch Roman Abramowitsch, Scheich Mansour (der Sohn des ersten Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate) und SAP-Gründer Dietmar Hopp.

Die genannten Vereine sind nicht die einzigen, die der ultrareichen Elite gehören. Nach Recherchen des führenden Informationsdienstleisters im Sportbusiness, SPONSORs, befinden sich zurzeit 14 der 20 britischen Premier-League-Clubs im mehrheitlichen Besitz ausländischer Großinvestoren aus den USA, Russland, China oder dem Nahen Osten.

Auch in Italien, Spanien und Frankreich sieht es kaum anders aus, und wer in Deutschland hinter die Kulissen schaut, dem bietet sich ein ähnliches Bild: Auch hier stecken hinter mehreren Vereinen finanzstarke Investoren, zum Beispiel der Bayer-Konzern bei Leverkusen, VW bei Wolfsburg und Red Bull bei Leipzig.

Der Trend zur Übernahme des Fußballs durch das ganz große Geld ist kaum verwunderlich. Zum einen übt der Sport eine ungebrochene Faszination auf die Massen aus, zum anderen kann er sich dem Trend der Wirtschaft zur immer stärkeren Konzentration von Geld und Macht in immer weniger Händen nicht entziehen.

Erfolgreiche Fußballclubs sind attraktiver als Rockstars

Wie groß die Attraktivität des Fußballs ist, lässt sich an folgendem Vergleich festmachen: Man stelle sich vor, internationale Stars des Musikgeschäfts wie Lady Gaga oder Robbie Williams würden über Jahre hinweg an jedem Wochenende in großen Stadien auftreten und ihre Auftritte würden live im Fernsehen übertragen.

Es bedarf keiner besonderen Fantasie, sich vorzustellen, dass die Arenen schon nach einiger Zeit nicht mehr ausverkauft und die TV-Zuschauerzahlen bereits nach wenigen Auftritten rückläufig wären. Bei Spitzenmannschaften im Profifußball ist das anders: Sie haben bis zur Corona-Krise Woche für Woche Hunderttausende in die Stadien und Millionen vor den Fernseher gelockt – und das über Jahrzehnte.

Die Vereine haben aber nicht nur durch Eintrittsgelder und vor allem Fernseh-Tantiemen viel Geld verdient, sondern sich darüber hinaus weitere lukrative Geschäftsfelder erschlossen: das Marketing und das Sponsoring. Ob Bandenwerbung, Trikotwerbung oder der Verkauf von Namensrechten für Fußballstadien – all das spült zusätzliches Geld in die Kassen der Clubs.

Hinzu kommt das Wettgeschäft, das heute vom Profifußball dominiert wird. Zwar sind es nicht die Vereine, die es betreiben, dafür aber sorgt es für ständige Aufmerksamkeit und hat 2020 allein in Deutschland mit 8,8 Milliarden Umsatz eine neue Rekordmarke erreicht.

Kein Wunder, dass im Zuge dieser Entwicklung besonders erfolgreiche Fußballspieler extrem wohlhabend geworden sind. Ob Neymar, Lewandowski oder Haaland – die Garanten für volle Stadien und hohe Einschaltquoten lassen sich ihre Leistung mit Hilfe ihrer Berater teuer bezahlen – in Form von Millionengehältern, Bonuszahlungen, Handgeldern und überaus lukrativen Werbeverträgen.

Auch in diesem Bereich sind die Summen explodiert. Wie das Forbes Magazine im September 2020 berichtete, hat es FC Bayern-Star Robert Lewandowski 2019 auf ein Jahreseinkommen von 23,57 Millionen Euro gebracht. Er blieb damit allerdings weit zurück hinter St.-Germain-Topmann Neymar, der auf 80,81 Millionen Euro kam. Einiges mehr verdiente Christiano Ronaldo, der insgesamt 98,48 Millionen Euro einstrich, aber noch von Lionel Messi übertroffen wurde, der mit 106,06 Millionen Euro die höchsten Einnahmen verzeichnete. Messi und Ronaldo sind übrigens, in Dollar gemessen, die ersten beiden Fußball-Milliardäre.

Die Anfänge des Profifußballs in den 1970er Jahren

Welch rasante Entwicklung der Fußball hinter sich hat, lässt sich daran erkennen, dass die deutschen Weltmeister von 1954 noch sogenannte Vertragsspieler waren, die einem Beruf nachgingen und für ihren Einsatz eine „Entschädigung“ von anfänglich 320 DM im Monat erhielten.

Mit dem Start der Bundesliga im Jahr 1963 wurden aus den Vertragsspielern Lizenzspieler, denen der DFB ein monatliches Gehalt von 1.200 DM erlaubte. Ausnahmen gab es nur für Nationalspieler, damit diese nicht den finanziellen Verlockungen ausländischer Vereine erlagen.

Erst 1972, als das deutsche Nationalteam mit Netzer, Beckenbauer und Breitner die Europameisterschaft gewann und Eintracht Braunschweig als erster Verein mit einer Trikotwerbung (für den Sponsor Jägermeister) aufwartete, gab der DFB die Gehaltszahlungen frei. Den ersten Millionentransfer gab es 1976, als der belgische Nationalspieler Roger Van Gool für genau eine Million Mark vom FC Brügge zum 1. FC Köln wechselte. 1979 zahlte Köln für den britischen Nationalspieler Tony Woodcock bereits 2,5 Millionen DM Ablöse.

In den 1980er Jahren kosteten die Top-Elf der Transfers bereits 55 Millionen Euro, in den 1990er Jahren wechselten zusammen 242 Millionen Euro für die elf teuersten Spieler den Besitzer. Der bislang teuerste Transfer im Profifußball war Neymars Wechsel vom FC Barcelona zu Paris Saint-Germain, für den 2017 eine Ablöse von 222 Millionen Euro gezahlt wurde.

Noch ist kein Ende dieser Entwicklung in Sicht. Nach Schätzungen der spanischen Sportzeitung Mundo Deportivo würde ein Wechsel des aktuellen Borussia-Dortmund-Superstars Erling Haaland seinen neuen Verein unter Einrechnung von Handgeld, Gehaltskosten, Beraterhonoraren und Ablösesumme insgesamt circa 320 Millionen Euro kosten.

Das Konzept Super League gibt die Richtung vor

Sehr wahrscheinlich unter dem Druck der durch Corona hervorgerufenen sinkenden Rentabilität haben zwölf europäische Fußball-Spitzenklubs, darunter sechs britische, drei spanische und drei italienische, im April bekannt gegeben, dass sie zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine europäische Super League gründen wollen.

Daran teilnehmen sollen insgesamt zwanzig Vereine, die ihre Spiele in der Wochenmitte austragen und damit in direkter Konkurrenz zur Champions League stehen würden. Die Mitglieder des kartellartigen Konstrukts könnten die TV-Einnahmen unter sich aufteilen, wobei jedem Club ein dreistelliger Millionenumsatz garantiert wäre.

Zwar löste das Vorhaben bei der Fifa, der UEFA und der DFL wie auch unter Politikern und Fans einen Aufschrei der Entrüstung aus, so dass mehrere Vereine sich öffentlich von dem Vorhaben distanzierten, doch kann man getrost davon ausgehen, dass sich hier die Zukunft des Profi-Fußballs abzeichnet.

Hinter der glamourösen Fassade vieler Vereine verbirgt sich nämlich ein gewaltiger Schuldenberg, der von Jahr zu Jahr weiterwächst und der durch das Ausbleiben der Zuschauer infolge der Corona-Krise extrem zugenommen hat. „Die Situation ist sehr dramatisch“, sagt Florentino Pérez, seit einem Dutzend Jahren Präsident von Real Madrid und einer der Fürsprecher des Super-League-Projektes.

Auf Grund dieser Probleme wird mancher Milliardär, der sein Engagement als eine Art Freizeitbeschäftigung gesehen hat, sein Geld in den kommenden Monaten und Jahren zurückziehen und dem Sport den Rücken kehren. Damit aber wird die große Stunde eiskalt kalkulierender Wall-Street-Profis schlagen.

Kein Wunder also, dass hinter der Super League ein ganz großer Fisch aus dem Geldgeschäft steckt: Es ist die US-Bank JP Morgan, die die Anschubfinanzierung für den neuen Wettbewerb übernehmen und den Gründungsmitgliedern dabei insgesamt drei Milliarden zahlen will, was für jeden einzelnen Club Einnahmen in Höhe von bis zu 300 Millionen Euro bedeuten würde.

Das Kalkül hinter dem Manöver der Wall-Street-Manager: Die Corona-Krise hat bewiesen, dass der Profifußball auch in äußerst schwierigen Zeiten nichts von seiner Attraktivität verliert und dass er im Extremfall sogar ohne Zuschauer in den Stadien auskommen kann. Alles, was gebraucht wird, um ihn wieder rentabel zu machen, ist eine Abkehr vom Free-TV und eine Hinwendung zur globalen Vermarktung über das Internet, eine kontinuierliche Flut von Spitzen-Begegnungen und eine Organisation des Umbruchs durch abgezockte Profis – nicht etwa im Toreschießen, sondern im Generieren finanzieller Profite.

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Ernst Wolff, 69, befasst sich mit der Wechselbeziehung zwischen internationaler Politik und globaler Finanzwirtschaft.

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