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Spielerberater: „Auch die Vereine profitieren von uns“

Lesezeit: 6 min
13.06.2021 10:00
Spielerberater haben generell nicht den besten Ruf. Zu Unrecht, findet Thies Bliemeister. Im Interview mit den DWN erläutert der Inhaber der Agentur „Sports United GmbH“, was in seinen Augen einen guten und seriösen Berater ausmacht und ihn von den schwarzen Schafen der Branche unterscheidet.
Spielerberater: „Auch die Vereine profitieren von uns“
Bräuchte vielleicht einen guten Berater, damit er den Durchblick behält: Ousmane Dembélé, der seinen Wechsel von Dortmund nach Madrid erzwang, indem er einfach nicht zum Training erschien. (Foto: dpa)

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Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Bliemeister, Sie kommen aus dem hohen Norden. Da sagt man: Jetzt mal Butter bei die Fische. Also, klären Sie uns auf: Ist der schlechte Ruf ihrer Branche verdient?

Thies Bliemeister: Klare Frage, klare Antwort: Nein, das ist er nicht. Natürlich gibt es auch Spielerberater, deren Wirken nicht ganz so positiv zu bewerten ist. Aber im Großen und Ganzen leisten seriöse Berater wichtige Arbeit.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Können Sie uns das erläutern?

Thies Bliemeister: Natürlich versuchen wir für unsere Spieler die bestmöglichen Verträge auszuhandeln: Sowohl zwischen dem Spieler und dem Verein oder – sofern es anfällt – auch zwischen dem Spieler und Ausrüstern, Sponsoren sowie Marketing-Agenturen. Darüber hinaus glaube ich aber vor allem an einen ganzheitlichen Ansatz. So habe ich beispielsweise einen ausgebildeten Spiel-Analysten in meinem Team. Ein Profi auf seinem Gebiet, der dem Spieler ein großer Mehrwert sein kann, sie sportlich berät und ihnen anhand von Video-Sequenzen zeigt, in welchen Bereichen sie Verbesserungspotenzial haben. Von ihm können vor allem diejenigen Spieler profitieren, in deren Vereinen auf Einzelanalysen weniger Wert gelegt wird. Die Erfahrung lehrt, dass in diesem Bereich gerade bei jungen Spielern noch ein enormer Bedarf besteht. Neben dem Analysten besteht mein Team zudem aus einer Social-Media-Expertin. Die sozialen Medien sind heutzutage ein wichtiges und nicht mehr zu vernachlässigendes Thema – weder für Vereine, noch für Spieler.

Darüber hinaus versuchen wir vor allem bei den Alltäglichkeiten des Lebens zu unterstützen, die für ausländische oder sehr junge Spieler oft kaum allein zu bewerkstelligen sind. Von der Wohnungssuche und dem Umzug neben dem Profi-Fußball bis hin zu Versicherungsthemen oder einem Kita-Platz für die Kinder. Dieser ganzheitliche Ansatz macht in meinen Augen einen guten Berater aus. Dazu benötigt letzterer natürlich immer einen guten Marktüberblick sowie eine Option für seinen Spieler, wenn es für den einmal – aus welchen Gründen auch immer – bei einem Klub nicht so gut läuft, wie erwartet. Am Ende glaube ich, dass nicht nur die Spieler, sondern auch die Vereine von uns profitieren.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wirklich? Das überrascht uns. Wenn Sie, wie Sie sagten, den „bestmöglichen“ Vertrag für den Spieler aushandeln, ist das für den Verein doch nicht positiv.

Thies Bliemeister: Zunächst einmal finde ich es völlig legitim, dass ein Spieler das Bestreben hat, das für sich in jeglicher Hinsicht Bestmögliche herauszuholen. Das ist im Geschäftsleben gängige Praxis – und aus meiner Sicht auch überhaupt nicht verwerflich. Was die Vereine angeht: Sie profitieren von einem „guten“ Berater, weil er in der Regel die nötigen Marktkenntnisse besitzt, die es braucht, um einen Deal, bei dem es mitunter um Millionen geht, geordnet abzuwickeln, und er darüber hinaus den Preis des Spielers realistisch einzuschätzen weiß. Ist er professionell, weiß er, welcher Klub auf welcher Position eine Verstärkung sucht und bietet seine Spieler nicht einfach wie Sauerbier in der Weltgeschichte an. Das ist nicht seriös und wirft weder auf den Berater noch auf den Spieler ein gutes Licht. Bin ich allerdings davon überzeugt, dass ein Spieler aus meiner Agentur dem Anforderungsprofil eines Klubs entspricht, nehme ich proaktiv Kontakt zu den Verantwortlichen auf – da kommt einem Profi sein jahrelanges Netzwerk natürlich zugute. Klar ist aber auch: Wir wollen niemandem Spieler „unterjubeln“ – was langfristig lediglich meinem eigenen Ruf schädigen und mir einen unzufriedenen Klienten bescheren würde – sondern vielmehr Optionen ausloten.

Darüber hinaus sondieren mein Team und ich aber auch Märkte außerhalb von Deutschland – wie beispielsweise Südamerika oder Asien. Gerade die kleineren Vereine können solche Regionen mit ihrer geringen Manpower im Scouting oftmals gar nicht abdecken und sind oft sogar froh, wenn ein Berater durch sein Netzwerk vor Ort einen spannenden Spieler entdeckt und ihnen plötzlich die Möglichkeit bietet, ihn zu verpflichten. Daher bin ich der festen Überzeugung, dass einige Deals ohne uns – trotz jeglicher Form des Video-Scoutings – gar nicht zustande kommen würden.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Sie benutzen den Begriff „gute Berater“, sagten ja auch schon, dass Sie nicht mit der Arbeit aller ihrer Kollegen einverstanden sind.

Thies Bliemeister: Natürlich gibt es welche, die, sagen wir mal, nicht so sehr ein ganzheitliches Konzept verfolgen, sondern primär an einem Vertragsabschluss interessiert sind und ihre eigenen, vor allem finanziellen, Interessen in den Vordergrund stellen. Es gibt aber auch solche, deren primäres Ziel es ist, Spieler anderer Agenturen abzuwerben, nachdem diese den Spieler und seine Familie über Jahre hinweg aufgebaut und in jeglicher Hinsicht unterstützt haben. Dieses Geschäftsmodell ist in meinen Augen ethisch inakzeptabel.

Aber auch unter den Vereinen spricht sich schnell herum, wer zu den „guten“ und vor allem seriösen Beratern zählt – und letztlich sind es die Klubs selbst, die entscheiden, mit wem sie zusammenarbeiten wollen und mit wem nicht.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Braucht eigentlich jeder Spieler einen Berater?

Thies Bliemeister: Ab einem gewissen Alter kennt ein gestandener Profi das Geschäft sicherlich so gut, dass es auch ohne geht – sofern sich die Vertragssituation wie bei einem auslaufenden Kontrakt einfach gestaltet. Doch für einen jüngeren, nicht so erfahrenen Spieler und dessen Familie ist die Unterstützung in der Regel äußerst hilfreich. Das viele Geld, der Medien-Wirbel – auch mal heftige Kritik via Social Media. Ich weiß nicht, wie ich das, was heutzutage so alles auf einen einprasselt, damals als Kicker allein und ohne professionelle Unterstützung verkraftet hätte. Besonders für junge Spieler ist es sehr wichtig, das richtige Umfeld zu haben – ihm das zu verschaffen, darin sehe ich einen ganz großen Teil unserer Arbeit. Ich versuche den Jungs durch meine Erfahrung die richtigen Werte und Tugenden mit auf den Weg zu geben…

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie sind Sie eigentlich Spielerberater geworden?

Thies Bliemeister: Ein Freund von mir, Christian Möckel, hatte zwar über hundert Zweitliga- und sogar etwas mehr als eine Handvoll Bundesliga-Spiele aufzuweisen, aber keinen Verein. Ich kannte den damaligen Trainer des VfB Lübeck, Stefan Böger, hab den Kontakt hergestellt und Christian schließlich an die Lohmühle vermittelt – so hab ich mein erstes Geld als Berater verdient. Zwar hatte ich damals schnell Blut geleckt, hatte in der Branche aber noch keinen Namen. So begann mein Weg in Tschechien beim Erstligisten Sigma Olmütz. Durch den ehemalige HSV-Spieler Tomas Ujfalusi hatte ich dorthin gute Drähte, habe mir jeden Tag das Training angesehen, dadurch äußerst viel gelernt und mir schließlich drei Spieler ausgeguckt. Für die hab ich dann bei Arminia Bielefeld ein Probetraining organisiert, wo der ehemalige HSV-Spieler Thomas von Heesen tätig war.

Arminia-Trainer Uwe Rapolder ließ sich zwar niemals auf dem Platz sehen, weil er damals – kurioserweise – ununterbrochen Schach spielte. Aber von Heesen befand, die Spieler seien Granaten, woraufhin Bielefeld sie verpflichtete. So erlangte ich ein gewisses finanzielles Polster, habe meine Berater-Karriere gestartet und mich in gewisser Weise auf die Entdeckung von Talenten – wie damals Ilkay Gündogan beim VfL Bochum – spezialisiert. Heute betreibe ich meine eigene Agentur.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Ein durchaus lukratives Geschäft. Haben Sie Bedenken, dass die Pandemie ihrem Business schaden kann, dass der zu verteilende Kuchen kleiner wird?

Thies Bliemeister: Vorab dies: Dass der heutige Profi-Fußball eine Blase ist, die von Corona zum Platzen gebracht wird, glaube ich nicht. Aber: Ja, der Kuchen wird kleiner werden. Die Herausforderung wird darin bestehen, weiter dabei zu sein. Diejenigen Berater, die langfristig geplant haben und nicht nur aufs schnelle Geld aus waren, werden im Vorteil sein.

Im Übrigen glaube ich, dass die Krise dem deutschen Fußball die Chance bietet, wieder mehr auf die eigenen Talente zu setzen. Derzeit verpflichten die Vereine oft fertige Spieler aus dem Ausland, gegen die sich unsere Nachwuchsleute nicht durchsetzen können, mit der Folge, dass viele von ihnen den Durchbruch niemals schaffen. Deutlich sieht man das auf dem Torwart-Markt: Deutschland war früher Torhüter-Land, aber heute stehen bei fast allen Bundesliga-Spitzenklubs Ausländer zwischen den Pfosten, was dazu führt, dass unsere jungen Hoffnungsträger auf der Bank schmoren und überhaupt keine Möglichkeit haben, sich zu Top-Spielern zu entwickeln.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Eine letzte Frage: Haben Sie ein Vorbild?

Thies Bliemeister: Ja, und zwar Uli Hoeneß. Er ist ein absoluter Profi. Wie er sich um seine Spieler kümmert, ist unglaublich – ohne sein Engagement hätte der FC Bayern niemals diese gigantischen Erfolge gefeiert. Als Verein musst du dich vor deine Spieler stellen, und genau das tun die Bayern – und Hoeneß lebt das vor wie kein zweiter. An der Art und Weise, wie er seine Spieler schützt, sie nie fallen lässt, kann sich jeder Berater ein Beispiel nehmen. Das genaue Gegenteil davon war über viele Jahre hinweg übrigens der HSV, was in hohem Maße dazu beigetragen hat, dass er jetzt schon das dritte Jahr in der Zweiten Liga spielt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Bliemeister, herzlichen Dank für das Gespräch.

***

Thies Bliemeister wuchs als Sohn des ehemaligen HSV-Profis Thomas Bliemeister in einem Fußball-Umfeld auf, und zwar im schleswig-holsteinischen Norderstedt, wo viele ehemalige HSV-Spieler leb(t)en. Der heute 44-Jährige spielte in der Jugend-Bundesligamannschaft des HSV und anschließend in der Oberliga. Nach seiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann wurde er Spielerberater und gründete in Hamburg die Agentur „Sports United GmbH“, die Spieler von der Bundesliga bis zur Dritten Liga betreut.


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