Politik

Das ist die Rede von Bundespräsident Steinmeier zum 76. Jahrestag des Kriegsendes

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat anlässlich des 76. Jahrestags des Kriegsendes eine bewegende Rede gehalten.
09.05.2021 16:36
Aktualisiert: 09.05.2021 16:36
Lesezeit: 2 min
Das ist die Rede von Bundespräsident Steinmeier zum 76. Jahrestag des Kriegsendes
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht bei der Verleihung von Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland im Schloss Bellevue. (Foto: dpa) Foto: Bernd von Jutrczenka

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat anlässlich des 76. Jahrestags des Kriegsendes eine Rede gehalten. Die Rede wird unkommentiert in Auszügen wiedergegeben:

„Wenn wir heute an den 8. Mai 1945 erinnern, fragen wir nach den Lehren, die uns dieser Tag aufgibt – dieser Tag vor 76 Jahren, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Wir erinnern an das Leid und den Schrecken, die die nationalsozialistische Gewaltherrschaft über Europa gebracht hat, an die vielen Millionen Toten in ganz Europa, an die Opfer von Gewalt, Rassenhass und Vernichtungskrieg. Wir erinnern an den Zivilisationsbruch der Shoah.

Wir wissen: Ohne die Erinnerung an die Verbrechen, die von Deutschland ausgingen, an die Verbrechen, die Deutsche verübt haben, ist die deutsche Geschichte nicht zu begreifen. Die Erinnerung daran darf kein Ende haben, denn ohne sie haben wir keine Zukunft. Das ist es, was uns Aleida Assmann sagt.

Heute bekennen wir Deutsche uns zu diesem 8. Mai 1945 als einem Tag der Befreiung. Die Alliierten aus dem Westen und aus dem Osten haben uns, haben den gesamten Kontinent von der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten befreit. Und dafür sind wir ihnen zutiefst dankbar.

Am 8. Mai 1945 wurde Deutschland von außen befreit. Bis dieser Befreiung von außen auch eine innere Befreiung folgte, vergingen noch viele Jahre des Verdrängens und des Beschweigens. Es war ein mühsamer, schmerzhafter Prozess der Aufklärung und der Aufarbeitung von Mittäterschaft, Mitwisserschaft, Mitläufertum. Das demokratische Selbstbewusstsein unseres Landes aber ist ohne diesen Prozess nicht denkbar.

Das ist unsere historische Erfahrung: Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die Erinnerung an Unrecht und Schuld, schwächt unsere Demokratie nicht. Im Gegenteil, sie stärkt ihre Widerstandskraft und ihre Widerstandsfähigkeit.

Ganz gleich von welcher Seite und unter welchen Vorwänden daher heute nach dem Schlussstrich gerufen wird: Ein Zurück zum Verdrängen wäre ein fataler Irrweg!

Denn nicht durch Verschweigen gewinnen wir Kraft und Selbstbewusstsein, sondern nur dadurch, dass wir kritisch und ehrlich bleiben – mit uns selbst und mit der Geschichte unseres Landes.

Die Erinnerung an das Menschheitsverbrechen Shoah, an die Verheerungen durch Nationalismus und Rassismus, ist Teil unserer deutschen Identität geworden – und das muss sie auch in Zukunft bleiben. Noch immer erfahren wir bisher nicht bekannte Geschichten von erlittenem Unrecht. Es muss uns auch bewusst sein, dass jede Generation sich Geschichte neu aneignet und dass in jeder Generation aufs Neue Erinnerung eine Aufgabe bleibt.

Wir Deutsche sind heute dankbar, dass wir als geeintes, demokratisches Land in der Mitte eines geeinten, demokratischen Kontinents leben. Dankbar für die Versöhnung, die uns unsere heutigen Partner und Freunde, die uns Menschen überall in Europa gewährt haben. Sie haben uns die Hand gereicht, obwohl das Leid, obwohl der Schmerz in vielen Familien überall in Europa und auf der Welt fortlebt bis heute.

Der Schmerz, er lebt auch in einigen Ihrer Familien fort – Familien, die zu den Opfern des nationalsozialistischen Rassenwahns gehörten. Sie verstehen ihn als Auftrag zur Versöhnung. Sie leben Versöhnung.

Liebe künftige Ordensträgerinnen und Ordensträger, die wichtigste Lehre des Zweiten Weltkrieges ist die: Europa bleibt nur dann ein Kontinent des Friedens und der Freiheit, wenn es sich nie wieder auseinandertreiben lässt, wenn es nicht noch einmal der Verführung des Nationalismus erliegt. Für uns Deutsche ist unsere Geschichte eine besondere Verantwortung und Verpflichtung – auch mit Blick auf unsere Nachbarn. Nie wieder, das bedeutet, europäisch zu denken und zu handeln. Das bedeutet, alles dafür zu tun, damit Europa geeint und vereint bleibt und die Friedensordnung geschützt wird, die sich dieser Kontinent nach der Katastrophe zweier Weltkriege gegeben hat.

Sie alle, liebe Gäste, wissen um die Bedeutung der Vergangenheit für die Zukunft unseres Landes, für die Zukunft Europas. Sie engagieren sich für die Erinnerungskultur, für das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, für Frieden in Europa.

Sie alle wissen, dass unsere Zukunft mit dem Erinnern beginnt.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kennzeichnung im Produktionstempo: Wie Brady die Industrie neu taktet

Produktionslinien laufen schneller denn je, doch die Rückverfolgbarkeit hinkt oft hinterher. Brady setzt genau hier an und zeigt, wie sich...

DWN
Panorama
Panorama Lohnfortzahlung im Krankheitsfall: Was aktuell gilt
14.04.2026

Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ist gesetzlich geregelt, sorgt aber immer wieder für Unsicherheit. Besonders kompliziert wird es,...

DWN
Politik
Politik Er lebt im letzten Haus vor Russland und sieht Russlands hybriden Krieg aus nächster Nähe
14.04.2026

An der Grenze zu Russland zeigt sich der Hybridkrieg hautnah. Wie verändert Putins Strategie das Leben in Europa?

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Aktien legen dank Hoffnung auf Friedensabkommen zu
13.04.2026

Ein überraschendes Signal sorgt für Aufwind an den Börsen – erfahren Sie, warum die Anleger plötzlich wieder optimistisch in die...

DWN
Finanzen
Finanzen USA starten Blockade der Straße von Hormus: Trump setzt Drohungen um, der Ölpreis steigt
13.04.2026

Die Spannungen im Nahen Osten spitzen sich weiter zu: Die USA greifen zu drastischen Maßnahmen in einer der wichtigsten Handelsrouten der...

DWN
Panorama
Panorama Lufthansa-Streik: Diese Rechte haben Passagiere bei einem Pilotenstreik
13.04.2026

Der Lufthansa-Streik bringt den Flugverkehr in Deutschland ins Wanken und sorgt bei Tausenden Reisenden für Unsicherheit. Flugausfälle,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft IWF warnt: Schwieriger Weg zurück für die Weltwirtschaft
13.04.2026

Die Ölkrise infolge des Iran-Kriegs verändert die globale Konjunktur nachhaltig. Warum selbst im besten Fall kein schneller Aufschwung...

DWN
Finanzen
Finanzen Autofahren in Deutschland immer teurer: Warum das so ist und was Sie tun können
13.04.2026

Autofahren wird für viele Menschen in Deutschland immer kostspieliger. Steigende Spritpreise, höhere Versicherungen und teurere...

DWN
Politik
Politik Analyse: Irans Führer fordern Trump heraus – wer hat am meisten zu verlieren?
13.04.2026

Die USA und der Iran verhandelten stundenlang, erzielten jedoch in Islamabad keinen Durchbruch. Sowohl die Kontrolle über die Straße von...