Deutschland

Trotz oder wegen Corona? - Krankenstand fällt auf Rekordtief

"Die Fehltage sind bei fast allen Diagnosen zurückgegangen, besonders bei den Erkältungskrankheiten", sagt der TK-Vorstandsvorsitzende Jens Baas. "Auch blieb die Grippewelle aus."
10.05.2021 17:19
Lesezeit: 2 min
Trotz oder wegen Corona? - Krankenstand fällt auf Rekordtief
Der Krankenstand unter den Beschäftigten ist in der Corona-Pandemie auf ein Rekordtief gesunken. (Foto: dpa) Foto: Maurizio Gambarini

Weniger Fahrten in der vollen S-Bahn, Angst vor dem Arztbesuch und auch mal leicht kränklich im Homeoffice arbeiten: Der Krankenstand unter den Beschäftigten ist in der Corona-Pandemie auf ein Rekordtief gesunken. Die Techniker Krankenkasse (TK) meldete für das erste Quartal mit 3,8 Prozent ausgefallener Arbeitszeit den niedrigsten Stand seit 13 Jahren. Insbesondere Erkältungskrankheiten seien stark zurückgegangen. Ausfälle wegen Covid-19-Erkrankungen spielten hingegen kaum eine Rolle. Auch die AOK berichtet von einem Rückgang. Und bei der Barmer Krankenkasse halbierte sich fast der Anteil der Versicherten, die mindestens einen Tag krank geschrieben waren.

"Es zeigt sich, dass die Abstands- und Hygieneregeln sowie die eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten auch die Verbreitung anderer Infektionserreger verhindern", sagte TK-Chef Jens Baas. Die Grippewelle sei ausgeblieben. Sonst sorge sie in der Regel alle zwei Jahre im Februar für mehr Krankschreibungen. In den ersten drei Monaten der Vorjahre hatte der Krankenstand bei der TK noch bei jeweils rund fünf Prozent gelegen. Zuletzt war auch der Absatz von rezeptfreien Erkältungsmitteln eingebrochen. Die Apothekervereinigung ABDA hatte das ebenfalls auf die Corona-Maßnahmen zurückgeführt.

Auch die Krankenkasse AOK verzeichnete in den ersten drei Monaten des Jahres einen deutlichen Rückgang beim Krankenstand ihrer Versicherten. Mit 5,1 Prozent lag der Wert im ersten Quartal 2021 unter dem Wert von 6,6 Prozent im Vorjahreszeitraum. Unter dem Krankenstand versteht man den prozentualen Anteil der Fehltage zur Sollarbeitszeit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aufgrund einer Krankschreibung. Die Barmer nennt einen anderen Wert: Hier waren im ersten Quartal 18 Prozent der Versicherten zwischen 15 und 64 mindestens einen Tag krankgeschrieben - im Vorjahresquartal hatte der Anteil noch bei 30 Prozent gelegen.

"Wir vermuten, dass viele Beschäftigte aus Angst vor Ansteckung auf einen Arztbesuch verzichtet haben", erläuterte der stellvertretende Geschäftsführer des wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), Helmut Schröder. Aus Sicht der Barmer steigt damit auch das Risiko, Krankheiten zu verschleppen. "Aufgrund der Corona-Pandemie werden zum Beispiel tausende Krebserkrankungen in Deutschland zu spät oder gar nicht entdeckt", erläuterte ein Sprecher. Wer sich krank fühle, solle daher unbedingt zum Arzt oder zur Ärztin gehen.

Hinzu kommt: Wer im Homeoffice arbeitet, setzt sich im Zweifel auch mal leicht angeschlagen an den Laptop. Das belegt eine Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK-Gesundheit. Demnach gaben im Februar rund drei Viertel der Befragten im Homeoffice an, auch mal mit leichten Erkältungssymptomen arbeiten zu können - wegen derer sie sich sonst krank melden müssten.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht darin ein Problem. "Weniger Krankmeldungen bedeuten nicht automatisch, dass tatsächlich weniger Beschäftigte krank waren", sagte Vorstandsmitglied Anja Piel. Bereits vor des Pandemie sei ein Großteil der Beschäftigten zur Arbeit gegangen, obwohl sie sich krank fühlten. Wer jetzt keinen Arbeitsweg mehr habe, sehe sich im Homeoffice eher verpflichtet, trotz leichter Erkrankung zu arbeiten. Langfristig erhöhe sich dadurch das Risiko chronischer Erkrankungen.

Doch wer sich angesichts des niedrigen Krankenstands nun Hoffnungen auf eine finanzielle Entlastung der gesetzlichen Krankenkassen oder gar auf niedrigere Kassenbeiträge macht, könnte enttäuscht werden. "Der Rückgang des Krankenstandes alleine ist noch kein verlässlicher Hinweis darauf, dass möglicherweise auch die Ausgaben für Krankenbehandlungen zurückgehen", sagte der Sprecher des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen (GKV), Florian Lanz. Etliche chronisch Erkrankte etwa müssten über Jahrzehnte teure Medikamente nehmen, seien aber nicht krank geschrieben.

Hinzu kommen nach Angaben der Krankenkassen zusätzliche Gesundheitsbelastungen im Homeoffice. Fehltage wegen Rückenschmerzen oder anderer Muskel- und Skelettkrankheiten etwa nahmen zuletzt zu. Auch psychische Krankheiten führten zu mehr Ausfällen. Und: Auch wenn die Krankheitsfälle zurückgingen, dauerten Krankschreibungen im Schnitt länger als noch vor der Pandemie. "Da viele Beschäftigte auch nach Corona weniger im Büro arbeiten werden, müssen wir einen stärkeren Fokus auf die Gesundheit im Homeoffice legen", fordert daher der Vorsitzende der DAK-Gesundheit, Andreas Storm.

Die Diagnose Covid-19 spielte hingegen bei den Krankschreibungen der Erwerbstätigen im Vergleich zu den anderen Diagnosen eine untergeordnete Rolle. Insgesamt verzeichnete die TK im ersten Quartal 1,08 Millionen Krankschreibungen, davon 9381 aufgrund von Covid-19. Und nach Angaben der Betriebskrankenkassen gingen im Monat März lediglich 0,9 Prozent der Arbeitsunfähigkeitstage auf Covid-19 zurück.

Mehr zum Thema: RKI: „Es hat in dieser Saison überhaupt keine Grippewelle gegeben“ – erstmals seit 1992

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
X

DWN Telegramm

Verzichten Sie nicht auf unseren kostenlosen Newsletter. Registrieren Sie sich jetzt und erhalten Sie jeden Morgen die aktuellesten Nachrichten aus Wirtschaft und Politik.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Ihre Informationen sind sicher. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten verpflichten sich, Ihre Informationen sorgfältig aufzubewahren und ausschließlich zum Zweck der Übermittlung des Schreibens an den Herausgeber zu verwenden. Eine Weitergabe an Dritte erfolgt nicht. Der Link zum Abbestellen befindet sich am Ende jedes Newsletters.

DWN
Politik
Politik Militärischer Schengen-Raum: Wie die EU die Truppenmobilität beschleunigen will
30.11.2025

Die sicherheitspolitischen Spannungen in Europa erhöhen den Druck auf die EU, ihre militärische Handlungsfähigkeit neu auszurichten. Wie...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Digital Champions: Das sind die neuen deutschen Tech-Vorbilder
30.11.2025

Von Leipzig bis Heidelberg entsteht eine Generation von Startups, die KI-Forschung in Markterfolg übersetzt. Digitale Champions wie Aleph...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI-Blase durch steigende Investitionen: Wie EU und deutsche Wirtschaft betroffen sind
30.11.2025

Die rasanten Investitionen in künstliche Intelligenz lassen Experten vor einer möglichen KI-Blase warnen. Droht diese Entwicklung, die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Rüstungsindustrie im Aufschwung: USA profitieren von der Aufrüstung
30.11.2025

Europa versteht sich gern als Friedensmacht, die auf Diplomatie und Werte setzt, während in ihrem Inneren eine hochdynamische Sicherheits-...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Russland übernimmt ausländische Markenrechte: Mehr als 300 Brands gefährdet
30.11.2025

Ausländische Marken geraten in Russland zunehmend unter Druck, seit viele Unternehmen ihre Aktivitäten im Land eingestellt haben. Wie...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europa im Schuldenstrudel: Warum die alten Mächte wanken und der Süden aufsteigt
29.11.2025

Europa war lange in zwei Gruppen geteilt. Es gab die Staaten mit fiskalischer Disziplin, angeführt von Deutschland, und die...

DWN
Finanzen
Finanzen Ölpreis und geopolitischer Druck: Serbiens Konflikt um den russischen Energiekonzern NIS
29.11.2025

Serbien steht inmitten einer energiepolitischen Zuspitzung, deren Ausgang weit über das Land hinaus Bedeutung hat. Welche Entscheidung...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Befristung von Arbeitsverträgen: Warum für Beschäftigte ab 52 Jahren Sonderregeln gelten
29.11.2025

Arbeitgeber sollen zusätzlich motiviert werden, älteren Menschen neue Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten und dabei selbst flexibel...