Deutschland

Hunderttausende Mittelständler akut gefährdet: Wie viele müssen in die Insolvenz?

DWN-Autor Christian Kreiß analysiert die wirtschaftlichen Aussichten des deutschen Mittelstands - und stellt darüber hinaus die Frage: Welche Rolle in dem sich abzeichnenden Insolvenz-Drama spielen eigentlich die Großkonzerne?
24.05.2021 12:22
Aktualisiert: 24.05.2021 12:22
Lesezeit: 4 min
Hunderttausende Mittelständler akut gefährdet: Wie viele müssen in die Insolvenz?
Prachtvoll, dieser Gänsegeier. Der Pleitegeier ist weniger schön. (Foto: dpa)

Wie geht es dem Mittelstand?

Die Wirtschaftsauskunftei „Creditreform“, die regelmäßig Umfragen im deutschen Mittelstand vornimmt, veröffentlichte am 20. April ihre jüngsten Umfrage-Ergebnisse: „Danach haben sich die Auftragslage und die Umsätze empfindlich verschlechtert. Der Geschäftsklima-Index im Mittelstand rutschte auf den niedrigsten Stand seit 2009.“ Die Erwartungshaltung der Unternehmen habe sich gegenüber Frühjahr 2020 leicht verbessert, sei aber „noch meilenweit von den Werten der letzten Jahre entfernt“. Im Winterhalbjahr 2020/21 hätten 34,6 Prozent der Unternehmen einen Umsatzrückgang gemeldet, 2019 habe dieser Wert bei 17,3 Prozent, 2018 bei 15,2 Prozent gelegen. Die schlechteren Umsätze und Gewinne hätten zu einer „sinkenden Resilienz“ geführt, die Eigenkapitalquoten seien durch die Corona-Krise gesunken, „der Anteil der eigenkapitalschwachen Unternehmen (Eigenkapitalquote unter zehn Prozent) nahm […] von 27,4 auf 30,7 Prozent spürbar zu.“

Das Kfw-ifo-Mittelstandbarometer April 2021, das am 10. Mai veröffentlich wurde, kommt zu einem etwas besseren Ergebnis. Demnach „schlagen sich die mittelständischen Unternehmen wacker“. Die Geschäftserwartungen hätten sich verbessert und erreichten wieder den Stand von Ende 2018. Die reale Lage dagegen ist demnach noch immer sehr viel schlechter als in der Zeit vor den Lockdowns.

Beide Studien stimmen auf jeden Fall darin überein, dass der Mittelstand unter den Lockdowns gravierend gelitten hat und immer noch stark leidet. Das spiegelt sich bislang jedoch nicht in den Insolvenz-Zahlen wider, denn von Frühjahr 2020 bis einschließlich 30. April 2021 wurde das normale Insolvenzrecht ausgesetzt und damit viele Insolvenzen aufgeschoben. 2020 gab es circa 16.000 Unternehmensinsolvenzen. Das war ein Rückgang gegenüber 2019, als es etwa 19.000 gab, um etwa 16 Prozent und der niedrigste Stand seit 20 Jahren. Wegen des Insolvenz-Staus gehen die meisten Prognosen nunmehr von einem Anstieg der Insolvenzen auf gut 25.000 in diesem Jahr aus, die Schätzungen liegen zwischen plus sechs und plus 50 Prozent. Es wird auch immer wieder die Frage gestellt, ob wegen des Nachholeffekts nun eine Pleitewelle auf uns zukommt.

Insolvenzen und Geschäftsaufgaben

Dabei muss man Geschäftsaufgabe und Insolvenz unterscheiden. Einen Insolvenzantrag stellen normalerweise nur größere Unternehmen mit Schulden, während kleine Unternehmen und Selbständige ohne Insolvenzanmeldung einfach ihr Geschäft schließen. Daher liegen die geschätzten Zahlen für sämtliche erwarteten Betriebsschließungen, also auch die von kleinen und selbständigen Unternehme(r)n, die ohne formalen Insolvenzantrag einfach ihre Tätigkeit aufgeben, um den Faktor 10 bis 30 höher. Nach einer zusammenfassenden Studie des DIW vom 28. Dezember 2020 über umfragebasierte Prognosen, schätzte das ifo-Institut im Jahr 2020, dass 750.000, also etwa ein Fünftel der deutschen Unternehmen, existenzbedroht seien. Laut einer DIHK-Umfrage waren es immerhin ein Zehntel oder 350.000 Unternehmen, und laut Creditreform waren es 550.000 überschuldete Unternehmen, die zu „Zombie-Unternehmen“ werden könnten. Fürs Jahr 2021 rechnete die Creditreform sogar mit bis zu 800.000.

Demnach wären also zwischen 10 und 20 Prozent aller (Klein-)Unternehmen in Deutschland in ihrer Existenz bedroht, also jedes zehnte oder gar jedes fünfte Unternehmen. Diese Zahlen stammen zum großen Teil noch aus der Zeit vor dem Beginn der zweiten Lockdown-Welle im November 2020. Die wirtschaftsschädigenden Auswirkungen des zweiten Lockdowns sind also in den Schätzungen noch gar nicht enthalten. Berücksichtigt man die Umsatzausfälle seit November 2020, dürften noch mehr kleine und Kleinstunternehmen von einer möglichen Geschäftsaufgabe betroffen sein.

Großkonzerne gewinnen zu Lasten der kleinen und mittleren Unternehmen

Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist die deutlich unterschiedliche Entwicklung zwischen Mittelständlern und Großkonzernen. Während das Geschäftsklima im Mittelstand von 2018 bis zu den Lockdowns im März 2020 erheblich besser war als das der Großunternehmen, ist es durch die Lockdowns genau umgedreht worden. Seit etwa Sommer 2020 ist die Wirtschaftslage der Konzerne erheblich besser als die der Mittelständler, geschweige denn als die der Kleinunternehmen und Selbständigen. Die Lockdown-Politik schädigte und schädigt also deutlich überproportional stark kleine Unternehmen, Selbständige sowie den Mittelstand, während die Großkonzerne relativ gut durch den schlimmsten Wirtschaftsabsturz der Nachkriegszeit kamen. Viele Großunternehmen und vor allem ihre Eigentümer haben im Gegensatz zu den kleinen und mittelständischen Unternehmen durch die Lockdown-Krise sogar in großem Umfang profitiert. Ein Blick auf die führenden Aktien-Indizes der Weltbörsen zeigt, in welchem Umfang die großen Konzerne und ihre Eigentümer an Wert gewonnen haben: Vom 18. März 2020 bis zum 12. April 2021 erhöhte sich das Nettovermögen der US-amerikanischen Milliardäre um 1.616 Milliarden Dollar (55 Prozent). Gegenüber Februar 2020, also der Zeit vor den Lockdowns, stieg das Milliardärs-Vermögen innerhalb von 14 Monaten bis April 2021 um 1.360 Milliarden Dollar (42,5 Prozent).

Das ist meiner Einschätzung nach kein Zufall. Die Lockdown-Politik arbeitete von Anfang an – und tut dies noch immer - den großen finanzstarken Konzernen, die auf hohen Liquiditätspolstern sitzen und ihren dahinterstehenden, in Liquidität schwimmenden Eigentümern in die Hände. In Krisenzeiten kann man Reichtum und ökonomische Macht oft viel leichter und viel schneller erhöhen als in normalen Wachstumsphasen. Nicht etwa trotz Wirtschaftskrise und Niedergang vieler mittelständischer und kleiner Unternehmen können Großkonzerne ihre Gewinne und Vermögen erhöhen, sondern gerade weil viele kleine Konkurrenten geschwächt werden oder zugrunde gehen, sprudeln die Konzerngewinne umso kräftiger.

Politiker machen bei diesem Spiel meistens gerne und willig mit. Denn die Einflussnahme der Großkonzerne auf die Politik ist ungleich stärker als die Lobby des Mittelstandes oder gar der Selbständigen. Allein die Drohung mit Arbeitsplatzabbau durch ein Großunternehmen lässt die Politiker schnell spuren, sie sind daher in der Regel willige Helfer der Konzerne. Immer weiter steigende Milliardenvermögen übersetzen sich durch Lobbyismus, Partei- und Politik-“Spenden“ unmittelbar in politische Einflussnahme durch Menschen, die nie demokratisch gewählt wurden.

Kurz: Gerade durch den Niedergang der kleinen Konkurrenten steigen die Gewinne der überlebenden Unternehmen besonders stark. Das gilt im Großen – Stichwort „Amazon“ steigt auf, weil der stationäre Einzelhandel zugrunde geht -, wie auch im Kleinen. Am 4. Mai 2021 lautete eine Überschrift in der – im Übrigen wirtschaftspolitisch eindeutig konservativ ausgerichteten – „Welt“: „Corona-Folgen: Hotels stehen vor dem Ruin – und die großen Aufkäufer warten schon“. Das klingt nach einem guten Deal für die Aufkäufer.

Ähnliches berichtete mir ein Münchner Gastronom von einem Treffen der Dehoga bereits 2020. Mehrere prominente, sehr finanzstarke Großgastronomen erzählten, dass die „paar Millionen Umsatzverlust“ kein großes Problem seien. Im Gegenteil: In der Lockdown-Krise gingen zahlreiche kleine Konkurrenten pleite, und man könne dann billig an deren „hübsche Standorte“ kommen und so mittelfristig den eigenen Marktanteil und die Gewinne erhöhen.

Was kommt? Ein Blick auf die ökonomischen Anreize

Kommt eine Pleitewelle? In welchem Umfang werden die Insolvenzen nachgeholt? Werden durch die verschleppten Zahlungsausfälle viele weitere Unternehmen mit bergab gerissen? Bleibt eine große Zahl von Selbständigen sowie von kleinen und mittelständischen Unternehmen auf der Strecke? Dazu kommt: Wie, wann und in welchem Umfang wird die in den letzten Jahren aufgebaute Geld- und Schuldenblase bereinigt? Um darauf eine Antwort zu finden, kann man nach den ökonomischen Anreizen der beteiligten Akteure fragen. Aus Sicht von Multimilliardären, Konzernen und großen Hedgefonds mit sehr hohen Finanzpolstern ist ein milder und möglichst sozialverträglicher Verlauf einer Bereinigungskrise weniger günstig als ein schlimmer. Ich habe mit Blick auf die Anreizstrukturen bei einigen, auch politisch sehr einflussreichen Akteuren die Sorge, dass die kommende Schulden- und Geldbereinigungskrise nicht wirklich glimpflich ablaufen könnte.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gold erlebt ein Comeback: Wie das MTS Money Transfer System Sicherheit und digitale Freiheit verbindet

Steigende Staatsverschuldung, Inflation und geopolitische Spannungen stärken die Bedeutung von Gold als Vermögenswert. Das MTS Money...

Christian Kreiß

                                                                            ***

Prof. Dr. Christian Kreiß, Jahrgang 1962: Studium und Promotion in Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsgeschichte an der LMU München. Neun Jahre Berufstätigkeit als Bankier, davon sieben Jahre als Investment Banker. Seit 2002 Professor an der Hochschule Aalen für Finanzierung und Volkswirtschaftslehre. Autor von sieben Büchern: Gekaufte Wissenschaft (2020); Das Mephisto-Prinzip in unserer Wirtschaft (2019); BWL Blenden Wuchern Lamentieren (2019, zusammen mit Heinz Siebenbrock); Werbung nein danke (2016); Gekaufte Forschung (2015); Geplanter Verschleiß (2014); Profitwahn (2013). Drei Einladungen in den Deutschen Bundestag als unabhängiger Experte (Grüne, Linke, SPD), Gewerkschaftsmitglied bei ver.di. Zahlreiche Fernseh-, Rundfunk- und Zeitschriften-Interviews, öffentliche Vorträge und Veröffentlichungen. Homepage www.menschengerechtewirtschaft.de

DWN
Panorama
Panorama Kommunale Schulden wachsen deutlich: Deutschlands Städte unter Druck, die KfW warnt
31.10.2026

Die integrierte Verschuldung der deutschen Kommunen ist 2025 deutlich gestiegen. Ende des Jahres entfielen rechnerisch 4.907 Euro Schulden...

DWN
Unternehmen
Unternehmen 70 Jahre Fernsehwerbung: Das beste Marketing, das Deutschland nie vergessen hat
31.10.2026

Ein Fleck auf der Tischdecke, ein Waschmittel und ein Satz, der hängen blieb: 1956 begann die Fernsehwerbung in Deutschland. Seitdem haben...

DWN
Immobilien
Immobilien Heizungstausch finanzieren: So nutzen Eigentümer Förderung, Kredit und Steuerbonus
31.10.2026

Eine neue Heizung kann langfristig Geld sparen, verlangt zunächst aber eine beträchtliche Investition. Eigentümer müssen deshalb...

DWN
Finanzen
Finanzen Vermögensbarometer 2026: ETF-Boom hält an, Anteil der Privatanleger stagniert
31.10.2026

ETFs werden in Deutschland immer beliebter, doch der Anteil der Menschen mit Wertpapieren stagniert. Das neue Vermögensbarometer des...

DWN
Finanzen
Finanzen KfW-Gründerkredite: 225 Millionen Euro zugesagt – doch Banken werden strenger
31.10.2026

Die staatliche Förderbank KfW hat im ersten Halbjahr 2026 deutlich mehr Gründerkredite zugesagt. Gleichzeitig verschärfen deutsche...

DWN
Immobilien
Immobilien Gebäudetyp E: Weniger Extras sollen den Wohnungsbau günstiger machen
31.10.2026

Weniger Steckdosen, dünnere Decken und niedrigere Baukosten: Der Gebäudetyp E soll den Wohnungsbau in Deutschland erleichtern. Ein neuer...

DWN
Panorama
Panorama Volvo ebenso verdächtig wie BYD: Polnisches Militär verhängt Verbot für Friedhofsparkplätze
31.10.2026

Das Militär führt Einschränkungen für Autofahrer ein, die rund um Allerheiligen den Parkplatz am Osobowicki-Friedhof in Breslau nutzen...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Alarmstufe Rot bei Tech-Aktien
30.10.2026

Unerwartete Turbulenzen erschüttern die Märkte – was Anleger jetzt über die aktuellen Entwicklungen wissen müssen.