Deutschland

Handwerk: „Müssen bei vollen Auftragsbüchern Kurzarbeit anmelden, weil wir kein Material haben“

Die Lieferengpässe im Handwerk und in der Baubranche spitzen sich zu.
23.05.2021 12:55
Aktualisiert: 23.05.2021 12:55
Lesezeit: 3 min

Das Handwerk hat vor gravierenden Folgen der Rohstoffknappheit gewarnt. „Unternehmen müssen bei vollen Auftragsbüchern Kurzarbeit anmelden, weil sie kein Material haben“, sagte der Präsident des Branchenverbandes ZDH, Hans Peter Wollseifer, dem Mannheimer Morgen. Auch der Elektrohandwerksverband ZVEH warnte vor Kurzarbeit.

Wollseifer schlug vor, die jüngsten Beschränkungen des Holzeinschlages aufzugeben oder zu ermöglichen, dass auch vom Borkenkäfer befallenes Holz etwa zu Dämmstoffen verarbeitet werden kann. „Zudem kann die öffentliche Hand unterstützen, indem sie von Vertragsstrafen absieht, wenn Betriebe nicht in der vereinbarten Zeit ihre Leistungen erbringen können. Auch höhere Preise sollten gewährt werden.“

Dem ZDH zufolge sind auch Privatkunden von steigenden Kosten und Terminverschiebungen betroffen. „Ob die Preise auf das vormalige Niveau zurückfallen, bleibt abzuwarten“, sagte Wollseifer. Er hoffe aber, dass sich die Lage noch in diesem Jahr entspanne.

Die Preise für Holz und andere Baustoffe sind auf dem Weltmarkt unter anderem wegen der großen Nachfrage aus China und den USA stark gestiegen. Das Thema kam auch am Mittwoch bei einem virtuellen Runden Tisch von Wirtschaftsverbänden und Vertretern der Bundesministerien für Wirtschaft, Bau und Agrar zur Sprache.

Der Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks zeigte sich mit dem Gespräch zufrieden. Wirtschaftsminister Peter Altmaier habe erkannt, dass die Klimawende und die Sicherung neuen Wohnraumes an eine funktionierende Bauwirtschaft gekoppelt seien, erklärte Verbandspräsident Dirk Bollwerk am Freitag. Demnach versprach Altmaier, in der kommenden Woche im Bundeskabinett über Lösungsansätze zu beraten und die Themen in den EU-Wirtschaftsrat zu nehmen.

Audi schickt zehntausend Mitarbeiter in Kurzarbeit

Wegen fehlender Chips muss Audi erneut die Produktion in Ingolstadt und Neckarsulm einschränken und mehr als 10 000 Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Voraussichtlich bis Ende Mai stehen im Stammwerk Ingolstadt bereits zwei Linien, auf denen die Limousinen A3, A4 und A5 produziert werden. Im württembergischen Neckarsulm werden nächste Woche die Bänder für mehrere Modelle gestoppt. Wie es im Juni weitergehe, sei noch offen, sagte ein Sprecher am Freitag. Wegen Engpässen bei Halbleitern musste Audi bereits in den vergangenen Monaten Schichten streichen und Kurzarbeit fahren.

Daimler hingegen hat Tausende seiner Mitarbeiter in den Mercedes-Werken in Rastatt und Sindelfingen wieder aus der Kurzarbeit geholt. Das teilte eine Konzernsprecherin am Montag in Stuttgart auf Anfrage mit. In Rastatt seien lediglich noch Beschäftigte in einzelnen Teilbereichen weiter in der Kurzarbeit, die Autoproduktion sei aber davon nicht mehr betroffen.

Wegen anhaltender Lieferengpässe wichtiger elektronischer Bauteile hatte Daimler zuletzt Tausende Mitarbeiter in seinen Werken in Rastatt, Sindelfingen und auch Bremen in die Kurzarbeit geschickt. In Bremen läuft nach Daimler-Angaben schon seit Mitte vergangener Woche alles wieder regulär. Genaue Angaben zum Umfang der Kurzarbeit in den vergangenen Wochen hatte Daimler nicht gemacht. Am Standort Sindelfingen sind insgesamt etwa 35 000, in Bremen mehr als 12 000 und in Rastatt rund 6500 Mitarbeiter beschäftigt.

Die weltweiten Probleme beim Nachschub von Elektronik-Chips zwingen auch andere Autokonzerne seit Wochen immer wieder zu Unterbrechungen der Produktion.

Hälfte des produzierenden Gewerbes betroffen

Fast die Hälfte der deutschen Industrie leidet gegenwärtig unter Teile- oder Materialknappheit. 45 Prozent der Unternehmen berichteten in einer aktuellen Umfrage von Engpässen, wie das Ifo-Institut Anfang des Monats mitteilte. Das ist der mit Abstand höchste Wert seit Beginn dieser Erhebung im Jahr 1991. „Dieser neue Flaschenhals könnte die Erholung der Industrie gefährden“, warnt Klaus Wohlrabe, Leiter der Ifo-Umfragen.

Besonders stark betroffen sind die Hersteller von Gummi- und Kunststoffwaren, wo 71,2 Prozent von Problemen berichten, in der Automobilindustrie sind es 64,7 Prozent. Hier hatten zahlreiche Hersteller wegen Chipmangels die Produktion in einzelnen Werken vorübergehend ausgesetzt oder heruntergefahren.

Weitere besonders stark betroffene Branchen sind die Hersteller von elektrischer Ausrüstung, Computern, Möbeln sowie Holz-, Flecht- und Korbwaren. Neben dem Chipmangel, der die Autoindustrie ausbremst, gilt derzeit auch Holz als knapp. Es gibt aber auch Branchen, die kaum betroffen sind: Unter anderem die Hersteller von Getränken, Nahrung und Futtermitteln sowie - in Pandemiezeiten besonders wichtig - die Pharmabranche.

Als Gründe für den Mangel sieht Wohlrabe neben dem bekannten Chipmangel auch Probleme in der Logistik. Dort sei derzeit „Sand im Getriebe“, sagte er. Unter anderem mangle es an Containern und auch die zwischenzeitliche Blockade des Suezkanals mache sich bemerkbar. Zudem pflanze sich ein Mangel in einer Branche oft auch in andere fort, weil Produkte der einen Branche in anderen benötigt würden.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: Wall Street schließt im Minus, während sich der Anleiheausverkauf fortsetzt
28.09.2026

Spannung an den Finanzmärkten: Erfahren Sie, welche entscheidenden Faktoren die Wall Street heute in Atem hielten.

DWN
Politik
Politik Geran-5: Wie die Ukraine auf Russlands schnelle Drohne reagiert
28.09.2026

Russlands schnelle Angriffsdrohnen stellen die ukrainische Luftverteidigung vor ein neues Problem. Während ältere Geran-5-Modelle...

DWN
Politik
Politik Europa schließt Fabriken und träumt von strategischer Autonomie
28.09.2026

Da es keine Antwort auf die heute und jetzt hohen Energiepreise gibt, zu denen auch die Politik der EU beigetragen hat, verkauft Ursula von...

DWN
Politik
Politik Verteidigungsfähigkeit: Bericht zu Verteidigungsbereitschaft der EU offenbart Lücken
28.09.2026

Signifikante Lücken bei der Luftverteidigung, bei Drohnen und bei Munitionsbeständen: Vor dem Treffen der europäischen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Milliardeninvestition richtet Hunderte Satelliten auf Putin
28.09.2026

Die finnische Satellitenfirma Iceye spielt bereits eine wichtige Rolle für die Ukraine und ihre Angriffe auf russische Ziele. Nun will das...

DWN
Politik
Politik Erneuerbare Energien: Solarstromproduktion übertrifft Vorjahreswert
28.09.2026

Bereits Ende September hat die Solarstromproduktion in Deutschland den Vorjahreswert übertroffen. Welche Faktoren zu diesem Rekord...

DWN
Finanzen
Finanzen Weltweite Schulden mit Gold tilgen? Dann müsste es 400.000 Dollar kosten
28.09.2026

Die Goldpreise erreichen 2026 Rekordstände. Doch was wäre, wenn Staaten ihre Schulden theoretisch mit ihren Goldreserven decken wollten?...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU-China-Handelskonflikt: Expertin warnt vor 50 verlorenen Jahren
28.09.2026

Chinas Exportmaschine setzt Europas Industrie zunehmend unter Druck, und ausgerechnet Deutschland trifft der neue Wettbewerb besonders...