Politik

Cem Özdemir will Deutschland von russischem Nord Stream 2-Gas abschneiden

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir will offenbar um jeden Preis den Bau von Nord Stream 2 verhindern. Dabei würde das Projekt Deutschlands Stellung als Energiedrehkreuz stärken. Özdemirs Ansichten decken sich mit der Agenda der USA, doch nicht mit den wirtschaftspolitischen Interessen Deutschlands.
24.05.2021 23:07
Lesezeit: 3 min
Cem Özdemir will Deutschland von russischem Nord Stream 2-Gas abschneiden
Der deutsch-türkisch-tscherkessische Grünen-Politiker Cem Özdemir. (Foto: dpa) Foto: Daniel Reinhardt

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir ist in den vergangenen Wochen und Monaten aus der Versenkung aufgetaucht. Seit dem fällt er auf mit Kritiken gegen Russland und Wladimir Putin. So teilte er am 12. Januar 2021 über Twitter mit: „#Nordstream2 ist genauso wenig #Klimaschutzprojekt wie Putin ein lupenreiner Demokrat. Wer wie die @SPDMV so schamlos versucht, eine antieuropäische Gaspipeline mit Russland dem Klima- und Umweltschutz zuzurechnen, fliegt auf. Sowas geht heute nicht mehr! #PipelineInDieKrise.“

Er sagte im vergangenen Jahr der „Berliner Zeitung”: „Wir können keinen Unterschied machen zwischen Putin, dem Gashändler und Putin, der die Opposition vergiftet.” Eine Pipeline, „die die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland noch vertieft und die Kriegskasse des Kremls weiter mit Euros füllt”, sei eindeutig nicht im europäischen Interesse.

Özdemirs Aktionismus hängt offenbar damit zusammen, dass er bei der Bundestagswahl 2021 erneut in den Bundestag einziehen möchte. Am 19. April 2021 hatte er über Twitter mitgeteilt: „Wir haben eine hammerstarke #Kanzlerkandidatin @ABaerbock! Und direkt hinter ihr einen hammerstarken #Habeck. Das Beste: Im Gegensatz zur #Union wissen wir sowohl, wer unsere Kandidatin ist, als auch, wofür Annalena #Baerbock inhaltlich steht! Freue mich auf Wahlkampf mit euch!“

Im Jahr 2004 hatte Cem Özdemir einen Offenen Brief der neokonservativen Denkfabrik „Project for a New American Century“ („Projekt für ein neues amerikanisches Jahrhundert“) mitunterzeichnet. In dem Brief heißt es unter anderem: „Russlands demokratische Institutionen waren immer schwach und zerbrechlich. Seit Wladimir Putin im Januar 2000 Präsident wurde, hat er sie noch schwächer gemacht. Er hat die Freiheit und Unabhängigkeit der Presse systematisch untergraben, die Kontrolle und das Gleichgewicht im russischen föderalen System zerstört, sowohl echte als auch imaginäre politische Rivalen willkürlich inhaftiert, legitime Kandidaten aus den Wahlzetteln entfernt, NGO-Führer belästigt und verhaftet und die politischen Parteien Russlands geschwächt (…) Die Außenpolitik von Präsident Putin ist zunehmend geprägt von einer bedrohlichen Haltung gegenüber den Nachbarn Russlands und der Energiesicherheit Europas (…) Wir glauben, dass dieses Verhalten nicht als Grundlage einer echten Partnerschaft zwischen Russland und den Demokratien der NATO und der Europäischen Union akzeptiert werden kann.“

Özdemirs Ansichten decken sich zwar nicht mit den Interessen der deutschen Wirtschaft und Deutschlands im Allgemeinen, doch auf jeden Fall mit den Interessen der USA. Der umstrittene US-Geopolitiker George Friedman hatte zuvor in einem Interview mit den Deutschen Wirtschaftsnachrichten den Umgang der Bundesregierung mit der Pipeline Nord Stream 2 kritisiert. „Dieses Projekt steht nicht im Einklang mit der Mission der NATO, und Deutschland ist Mitglied der NATO. Die Bundesregierung geht jedoch davon aus, dass der Preis nicht so hoch sein wird. Wir werden sehen, ob der Preis ,nicht so hoch‘ sein wird“, meint er.

Ein hochrangiger US-Regierungsbeamter hatte im Dezember 2020 gesagt, dass niemals russisches Gas über Nord Stream 2 nach Deutschland fließen werde (HIER). Friedman hatte zuvor in einem weiteren Gespräch mit den Deutschen Wirtschaftsnachrichten gesagt, dass die USA niemals eine deutsch-russische Allianz zulassen werden (HIER). Nord Stream 2 sei ein Teil dieser Allianzbestrebung.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hatte im vergangenen Jahr in einer Mitteilung ausgeführt: „Die wachsende Einflussnahme der USA auf Projekte der europäischen Energieversorgung belastet die transatlantischen Beziehungen ernsthaft. Die angedrohten Sanktionen schaffen ein erhöhtes Rechtssicherheits- und Investitionsrisiko für rund 120 große und kleine Unternehmen aus zwölf Ländern. Europäische Gasverbraucher müssen infolge dieser Androhungen mit steigenden Kosten rechnen. Die deutsche Industrie kritisiert die völkerrechtswidrige extraterritoriale Anwendung von US-Sanktionen.“

Özdemir hatte die Bürger in Deutschland vor wenigen Jahren in einem Interview mit der „Deutschen Welle“ gewarnt (bedroht?). Die Einflussnahme Russlands sei auch in Deutschland ein Problem. „Wir werden diese Frage auch hierzulande stellen: Wer ist gegenüber unserem Land loyal, gegenüber unserer deutschen Verfassung und wer will Putins, Trumps oder Erdogans Vision für die Zukunft Deutschlands (…) Das wird auf jeden Fall auch hierzulande ein Thema während des Wahlkampfs sein“, hatte er 2017 gesagt.

Es ist zu erwarten, dass die Grünen in den kommenden Monaten jegliche Kritiker in Politik, Medien und Wirtschaft unter der Gürtellinie attackieren lassen werden. Die schlimmsten Unterstellungen durch die medialen und politischen Handlanger der Grünen dürften dann zur Normalität werden. Dadurch dürften die Grünen auch den Wahlkampf rhetorisch radikalisieren, um in die Opfer-Rolle zu schlüpfen. Das bringt immer Wählerstimmen und Sympathien.

Mehr zum Thema:

Özdemir wirft Russland Völkermord vor – will härteren Umgang mit Putin

Auch Özdemir hat Bundestag „versehentlich“ Sonderzahlungen nicht gemeldet – Jetzt holt er es nach

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Wandel im Vaping-Markt: Nachhaltigkeit und Kostendruck treiben Wechsel zu Mehrwegsystemen

Der Markt für E-Zigaretten durchlebt eine tiefgreifende Transformation. Lange Zeit galten Einweg-Vapes, popularisiert durch Marken wie Elf...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Nasdaq legt kräftig zu, während Chip-Ausverkauf zum Stillstand kommt
30.07.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Entwicklungen die Wall Street am Donnerstag in Bewegung versetzten.

DWN
Finanzen
Finanzen Chip-Aktien: China könnte den Markt verändern
30.07.2026

Ein weiterer neuer chinesischer KI-Akteur hat den Markt im Sturm erobert. Investoren glauben, dass er den Markt unter Druck setzen könnte,...

DWN
Politik
Politik Wahlen im Osten: AfD bleibt in Sachsen-Anhalt klar vorn – kleinere Parteien legen zu
30.07.2026

Mehrere Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt behauptet die AfD ihren deutlichen Vorsprung. Eine neue Umfrage zeigt zugleich: Auch...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Zinsen bleiben stabil: Kommt die Erhöhung im September?
30.07.2026

Die US-Zinsen bleiben vorerst unverändert, doch die Debatte über eine mögliche Erhöhung im September läuft bereits. Der KI-Boom macht...

DWN
Politik
Politik Rentenreform: Warum der Osten gegen Merz rebelliert
30.07.2026

Kaum ist der CDU-interne Streit um die Kabinettsumbildung entschärft, droht Bundeskanzler Friedrich Merz neuer Ärger. Drei ostdeutsche...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Inflation steigt nach Ende des Tankrabatts auf 2,8 Prozent
30.07.2026

Der Tankrabatt ist ausgelaufen, der Iran-Krieg hält an: Für Verbraucher in Deutschland sind das schlechte Vorzeichen. Im Juli zog die...

DWN
Finanzen
Finanzen Meta-Aktie unter Druck: Wall Street zweifelt an Zuckerbergs KI-Offensive
30.07.2026

Mark Zuckerberg setzt bei Meta weiter auf große KI-Visionen. Doch an der Börse wächst die Skepsis: Trotz ambitionierter Pläne für...

DWN
Unternehmen
Unternehmen ZF verdient wieder Geld – doch die Last bleibt
30.07.2026

ZF schreibt nach zwei Verlustjahren wieder schwarze Zahlen und bestätigt seine Jahresziele. Doch fast zehn Milliarden Euro Schulden,...