Finanzen

Deutsche Inflationsrate steigt auf höchsten Stand seit 2011

Lesezeit: 2 min
31.05.2021 15:05  Aktualisiert: 31.05.2021 15:05
Die deutsche Inflationsraten ist im Mai auf 2,5 Prozent angestiegen. Für die zweite Jahreshälfte erwarten Analysten bereits 4 Prozent.
Deutsche Inflationsrate steigt auf höchsten Stand seit 2011
Kraftstoffe verteuerten sich um 28,4 Prozent. (Foto: dpa)
Foto: Sven Hoppe

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Teurere Energie hat die deutsche Inflationsrate im Mai auf den höchsten Stand seit knapp zehn Jahren getrieben. Waren und Dienstleistungen kosteten durchschnittlich 2,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt am Montag in seiner ersten Schätzung mitteilte. Das ist der höchste Wert seit September 2011. Im April hatte die Rate noch 2,0 Prozent betragen, im März 1,7 Prozent. Von Reuters befragte Ökonomen hatten nur einen Anstieg auf 2,3 Prozent erwartet. Damit ist Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht: Im Herbst könnte die Teuerungsrate auf vier Prozent steigen, erwarten Experten.

"Die Inflationsdynamik wird derzeit unterschätzt: Die deutsche Teuerung zündet jetzt den Turbo", sagte der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel. "Da im vergangenen Jahr der Lockdown das Preisgefüge mächtig durcheinandergewirbelt hat und viele Produkte günstiger wurden, fällt jetzt im Jahresvergleich die Inflationsrate entsprechend hoch aus."

Zur Energie dürfte sich mit den Dienstleistungen ein weiterer Preistreiber hinzugesellen. Viele Betriebe dürften versuchen, ihre im Lockdown erlittenen Umsatzeinbußen zumindest teilweise wieder hereinzuholen, indem sie die Preise erhöhen - auch im Wissen darum, dass die Sparquote der Deutschen wegen ausgefallener Reisen, Restaurantbesuche und Shoppingtouren so hoch ist wie noch nie. Dem gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) zufolge haben die deutschen Privathaushalte 2020 rund 100 Milliarden Euro mehr gespart, als das ohne Pandemie der Fall gewesen wäre.

"Viele Friseure haben ihre Preise merklich erhöht", sagte der Chefvolkswirt der DZ Bank, Michael Holstein. "Für die kommenden Monate ist bei den Dienstleistern mit einem anhaltenden Teuerungstrend zu rechnen, etwa bei Gaststätten und Hotels oder auch den Preisen für Pauschalreisen." Die Teuerung werde deshalb weiter anziehen. "Im Herbst kann die Inflationsrate in Deutschland die Vier-Prozent-Marke erreichen", sagte Holstein. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Preise in der zweiten Jahreshälfte 2020 von der zeitweise gesenkten Mehrwertsteuer gedrückt wurden und sich dieser Effekt dann umkehrt.

"ÖLPREISE SIND DER GROSSE TREIBER"

Preistreiber Nummer 1 blieb im Mai Energie: Sie verteuerte sich um 10,0 Prozent. Nahrungsmittel kosteten 1,5 Prozent mehr als vor Jahresfrist, Dienstleistungen 2,2 und Wohnungsmieten 1,3 Prozent. "Die großen Treiber der Inflation sind die Ölpreise", sagte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding. Kraftstoffe wie Benzin kosteten etwa in Nordrhein-Westfalen 28,4 Prozent mehr als im Mai 2020. "Das liegt vor allem daran, dass vor einem Jahr die Ölpreise kurzfristig stärker in den Keller gerutscht waren als je zuvor." Damals steckte die Weltwirtschaft wegen der Pandemie in einer Rezession, jetzt wächst sie dank der beiden Lokomotiven USA und China wieder kräftig. Hinzu kommt, dass klimaschädliche fossile Brennstoffe seit Jahresbeginn mit 25 Euro pro Tonne CO2 belegt werden, was sie ebenfalls teurer macht.

"So sehr das Thema Inflation die Deutschen derzeit beschäftigt, es wird sich nur um eine vorübergehendes Phänomen handeln", ist sich Ökonom Gitzel sicher. "Im kommenden Jahr ist der Spuk vorbei." Deutschland, aber auch die Euro-Zone insgesamt dürften längerfristig eher mit zu niedrigen als mit zu hohen Teuerungsraten zu kämpfen haben. Das wisse auch die Europäische Zentralbank, die nur bei Werten von knapp unter zwei Prozent mittelfristig stabile Preise gewährt sieht, dieses Ziel aber seit Jahren unterschritten hat.

Die EZB pumpt viel billiges Geld in die Wirtschaft, um dieser nach der Corona-Rezession auf die Beine zu helfen und den Regierungen angesichts hoher Pandemie-Kosten eine günstige Refinanzierung zu ermöglichen. "Die EZB wird sich durch die kurzfristigen Schwankungen der Inflationsrate wohl nicht beirren lassen und ihre Politik nur langsam wieder normalisieren", sagte Schmieding.

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