Politik

Der Traum von Merkels Energiewende platzt: Kohle erneut wichtigster Energielieferant in Deutschland

Wie schon häufig in der jüngeren Vergangenheit war die Kohleverstromung im ersten Quartal 2021 der wichtigste Energielieferant in Deutschland. Jene Kohlekraft, aus der die Bundesregierung aussteigt und die von Aktivisten bekämpft wird. Die Nachteile von Wind- und Solarenergie wurden einmal mehr aufgedeckt.
11.06.2021 11:00
Aktualisiert: 11.06.2021 11:13
Lesezeit: 3 min
Der Traum von Merkels Energiewende platzt: Kohle erneut wichtigster Energielieferant in Deutschland
Die Sonne geht am 01.02.2012 hinter dem Braunkohlekraftwerk Neurath in Grevenbroich (Rhein-Kreis Neuss) unter. (Foto: dpa) Foto: Marius Becker

Die Stromproduktion mittels Kohle in Deutschland hat im ersten Quartal 2021 die Windkraft wieder überholt. Ein "windarmes Frühjahr" habe zu fast einem Drittel weniger Strom aus Windkraft geführt, teilte das Statistische Bundesamt am Freitag mit. Gefüllt wurde die Lücke nach Angaben der Wiesbadener Behörde durch eine höhere Stromerzeugung aus Kohle- und Erdgaskraftwerken.

Insgesamt wurden von Januar bis einschließlich März hierzulande 138,2 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt und ins Netz eingespeist. Nach vorläufigen Ergebnissen des Bundesamtes waren das 2,6 Prozent weniger als im ersten Quartal 2020. Stammte der Strom im Vorjahreszeitraum überwiegend aus erneuerbaren Energiequellen wie Windkraft, Biogas und Sonne (51,4 Prozent), dominierten zu Beginn dieses Jahres Kohle, Gas und Kernenergie (59,3 Prozent).

Mit einem Anteil von 28,9 Prozent an der insgesamt eingespeisten Strommenge war Kohle der wichtigste Energieträger für die Stromerzeugung in Deutschland im ersten Quartal 2021. Die in Kohlekraftwerken erzeugte Strommenge erhöhte sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als ein Viertel (26,8 Prozent) auf fast 40 Milliarden Kilowattstunden. Bei Strom aus Erdgas ging es um 24 Prozent auf 22,5 Milliarden Kilowattstunden nach oben.

Dagegen gab es bei der Windkraft ein kräftiges Minus von fast einem Drittel (32,4 Prozent). Die Einspeisung von 33,5 Milliarden Kilowattstunden war für diese Energiequelle der niedrigste Wert für ein erstes Quartal seit 2018. In den beiden Vorjahren hatte Windkraft aufgrund starker Frühjahrsstürme deutlich höhere Werte erreicht.

Den gesamten Bericht des Statistischen Bundesamtes zur Stromerzeugung im ersten Quartal finden Sie hier.

Nackenschlag für Energiewende

Die Daten des Statistischen Bundesamtes zur Stromerzeugung im ersten Quartal sind ein Nackenschlag für das von Bundeskanzlerin Angela Merkel vorangetrieben Großprojekt einer weitgehenden Umstellung der Stromerzeugung auf regenerative Quellen. Es zeigt sich schlichtweg, dass volatile Energiequellen wie Wind- und Solarenergie nur begleitend eingesetzt werden können. Zur Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit in einem großen Industrieland wie Deutschland sind aber plan- und regelbare Energieformen wie Nuklearkraft, Kohlekraft und Erdgaskraftwerke zumindest zu einem bestimmten Minimalumfang zwingend notwendig, wenn in sogenannten Dunkelflauten der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Der Bundesrechnungshof hatte Ende März die Notbremse gezogen und in zwei Sonderberichten auf die immensen Risiken der Energiewende für die Versorgungssicherheit hingewiesen.

In dieser Situation bietet sich die Atomkraft als Ausweg an, weil sie im Gegensatz zur Kohle- und auch Erdgasverstromung keinerlei Emissionen des Naturgases CO2 oder anderer Gase verursacht. Erste Stimmen in Deutschland haben sich bereits dafür ausgesprochen, zumindest die theoretische Möglichkeit einer Reaktivierung bestimmter Kernkraftwerke in der Zukunft zu diskutieren. Die US-Regierung hat bereits damit begonnen, die Atomkraftwerke des Landes mit Blick auf ihre Umwelt- und Klimapolitik fortan steuerlich zu unterstützen.

Bereits im drittel Quartal 2020 war Kohle der wichtigste Stromlieferant in Deutschland und dies, obwohl die Bundesregierung nach der Atomkraft auch mit großem Nachdruck aus der Kohleverstromung aussteigt.

Was der Ausbau der Windkraft mit Drehfunkfeuern der Luftfahrt zu tun hat

Das Bundeswirtschaftsministerium will mehr Flächen für den Ausbau der Windkraft an Land schaffen. Dazu sollen der Deutschen Flugsicherung finanzielle Mittel für die Umrüstung von sogenannten Drehfunkfeuern zur Verfügung gestellt werden, wie das Ministerium erklärte.

Drehfunkfeuer sind Navigationsanlagen für den Luftverkehr, die durch Windenergieanlagen gestört werden können. Um diese Beeinträchtigungen zu vermeiden, werden Windenergieanlagen im Umfeld von Drehfunkfeuern häufig nicht zugelassen. Die Flugsicherung soll nun die Luftfahrtnavigation weitgehend auf satellitengestützte Verfahren umstellen. Die nicht mehr benötigten Drehfunkfeuer am Boden könnten dann zurückgebaut werden, das soll weitere Flächen für den Windenergieausbau schaffen.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) erklärte, es würden zusätzliche Flächen für die Errichtung von Windenergieanlagen mit einer Leistung von rund 700 Megawatt frei. Zum Vergleich: 2020 kamen nach Branchenangaben in Deutschland Windenergieanlagen an Land mit einer Leistung von insgesamt 1431 Megawatt hinzu.

Der Bundesverband Windenergie sprach am Freitag von einem weiteren richtigen Baustein zur Mobilisierung bisher blockierter Flächen zur Nutzung der Windenergie. Es seien aber weitere Maßnahmen nötig. So hatte Annalena Baerbock vor einiger Zeit gefordert, mindestens 2 Prozent der Fläche Deutschlands mit Windkraftanlagen zu bestücken.

Die Deutsche Flugsicherung könne mit der Unterstützung schon in diesem Jahr mit der Umrüstung starten, so Altmaier. Die Deutsche Flugsicherung bezifferte die Fördersumme für die Modernisierung verbleibender Navigationsanlagen auf 14 Millionen Euro. Die DFS stellt nach eigenen Angaben bis zum Jahr 2030 alle An- und Abflugverfahren an den mehr als 60 deutschen Flughäfen auf satellitengestützte Flächennavigation um. Perspektivisch könne die DFS auf die Mehrzahl der heute genutzten 55 Drehfunkfeuer verzichten, sagte der DFS Geschäftsführer Technik, Friedrich-Wilhelm Menge. Mit Nutzung der Satellitennavigation werde nur noch ein Drittel der heutigen Drehfunkfeuer benötigt - als Ausfallinfrastruktur, falls die GPS-Daten nicht zur Verfügung stehen.

Der Ausbau der Windkraft an Land kommt auch aus Sicht der Windbranche und vieler Politiker nicht schnell genug voran. Als Gründe gelten lange Planungs- und Genehmigungsklagen, viele Klagen von bundesweit etwa 1000 Bürgerinitiativen und zu wenig ausgewiesene Flächen. Die zahlreichen Bürgerinitiativen wehren sich unter anderem gegen die Abholzung von Wäldern für den Bau von Windkraftanlagen und die mutmaßlich gesundheitsschädlichen Auswirkungen der Rotoren.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
X

DWN Telegramm

Verzichten Sie nicht auf unseren kostenlosen Newsletter. Registrieren Sie sich jetzt und erhalten Sie jeden Morgen die aktuellesten Nachrichten aus Wirtschaft und Politik.
E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und erkläre mich einverstanden.
Ich habe die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Ihre Informationen sind sicher. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten verpflichten sich, Ihre Informationen sorgfältig aufzubewahren und ausschließlich zum Zweck der Übermittlung des Schreibens an den Herausgeber zu verwenden. Eine Weitergabe an Dritte erfolgt nicht. Der Link zum Abbestellen befindet sich am Ende jedes Newsletters.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Trump-Zölle könnten Preiskarussell, Zinserhöhungen und Insolvenzen anheizen - die EU bereitet sich vor
02.04.2025

Die Regierungen weltweit bereiten sich auf die massive Einführung von Zöllen durch US-Präsident Donald Trump vor, die, so sein Plan,...

DWN
Finanzen
Finanzen Tesla-Aktie stürzt ab: Miese Tesla-Auslieferungen belasten - was das für Anleger bedeutet
02.04.2025

Die weltweiten Auslieferungen des US-Autobauers Tesla sind im vergangenen Quartal um 13 Prozent auf 336.681 Fahrzeuge zurückgegangen....

DWN
Panorama
Panorama Polizei: Kriminalstatistik 2024 zeigt Ausländeranteil bei Gewaltdelikten in Deutschland steigt deutlich
02.04.2025

Die Kriminalstatistik der Polizei offenbart ein besorgniserregendes Bild: Die Zahl der erfassten Gewalttaten ist 2024 um 1,5 Prozent...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mercedes-Benz erwägt Ausstieg aus dem Billigsegment in den USA aufgrund von Trump-Zöllen
02.04.2025

Die Mercedes-Benz Group prüft derzeit, ob sie ihre günstigsten Fahrzeugmodelle in den USA aus dem Sortiment nimmt. Hintergrund sind die...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Volatile Märkte vor Trumps Zollerklärung
02.04.2025

Die US-Börsen dürften überwiegend mit Verlusten in den Mittwochshandel starten, vorbörslich stecken die Technologieindizes an der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen DWS-Aktie unter Druck: Deutsche-Bank-Tochter muss Millionenstrafe wegen Greenwashing zahlen
02.04.2025

Die DWS, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bank, wurde in Deutschland zu einer Millionenstrafe wegen "Greenwashing"-Vorwürfen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Kurzarbeit statt Massenarbeitslosigkeit? Verlängerung des Kurzarbeitergeldes steht in der Kritik
02.04.2025

Die Wirtschaft steckt fest in einer Strukturkrise: seit 5 Jahren kein Wachstum. Die Folge: Immer mehr Unternehmen bauen Stellen ganz ab...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Wirtschaft: Verbände fordern dringenden Kurswechsel der Koalition
02.04.2025

Bitte kein "Weiter-so"! Mit Unmut blicken deutsche Wirtschafts- und Industrieverbände auf das, was die noch namenlose Koalition aus Union...