Politik

Putins Lästereien über Biden sind nur Show - er ist froh über die Annäherung an die USA

Russlands Präsident Wladimir Putin hat Joe Biden in einem Interview auf NBC-News heftig kritisiert. Aber nur für die Galerie - denn in Wirklichkeit will er mit dem US-Präsidenten zusammenarbeiten.
12.06.2021 15:31
Aktualisiert: 12.06.2021 15:31
Lesezeit: 3 min
Putins Lästereien über Biden sind nur Show - er ist froh über die Annäherung an die USA
Wladimir Putin hat kaum ein gutes Wort für Joe Biden übrig - aber in Wirklichkeit ist er froh darüber, dass der US-Präsident ihm die Hand reicht. (Foto: dpa)

Der russische Präsident Wladimir Putin hat in einem Interview mit dem amerikanischen Sender "NBC News" die Beziehungen zwischen den USA und Russland als sehr schlecht beschrieben. "Unsere bilaterale Beziehung ist in den letzten Jahren auf einen Tiefpunkt gesunken", so Putin in dem am gestrigen Freitag ausgestrahlten Interview. Putin lobte den ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump als "außergewöhnliches und talentiertes Individuum". US-Präsident Joe Biden beschrieb er als Berufspolitiker, als Karrieremenschen, der "völlig anders" als Trump sei. Hinsichtlich des Umstands, dass Biden ihn in einem Interview im März einen Mörder genannt hatte, sagte Putin, er habe schon Dutzende solcher Anschuldigungen gehört. In Russland würde man so etwas nicht sagen - aber da solche Aussagen eben "Teil der politischen Kultur der USA" seien, Teil des in Hollywood üblichen "Machogehabes", sei eine solche Aussage "wirklich nichts, über das ich mir irgendwie Sorgen mache".

Biden und Putin werden sich am 16. Juni in Genf treffen. Der US-Präsident hatte am Mittwoch gesagt, die USA wollten eine „stabile, vorhersehbare Beziehung“. Den Konflikt mit Russland würden sie nicht suchen. Allerdings würde er, Biden, eine Reihe von kritischen Themen ansprechen, beispielsweise die Eingriffe Moskaus in zwei US-Präsidentschaftswahlen mittels Hacker-Angriffe (die von Seiten der Demokraten und US-Sicherheitsbehörden immer wieder heftig kritisiert, bis jetzt allerdings noch nicht abschließend bewiesen wurden). Putin hatte in der Vergangenheit immer wieder klar gemacht, bei den Präsidentschaftswahlen 2016 (Trump - Hillary Clinton) sowie 2020 (Trump - Biden) auf einen Wahlsieg Trumps gehofft zu haben.

Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten werden morgen einen ausführlichen Gastkommentar zu dem anstehenden Treffen zwischen Biden und Putin veröffentlichen. Darin argumentiert der außenpolitische Analyst Melvyn Krauss, Biden werde den Schulterschluss mit Putin suchen, um eine amerikanisch-russisch-europäische Allianz gegen China zu schmieden. Denn die USA bräuchten Russland - sowie Europa - als Verbündete, um das Reich der Mitte einzudämmen - alleine seien sie dafür nicht mehr stark genug. Aber Russland bräuchte eben auch die USA.

Genauso sehe ich das auch. Aus Sicht der Amerikaner ist Russland zwar ein Stachel im Fleische, der schmerzt, der aber nicht in der Lage ist, ihnen oder ihren Verbündeten ernsthaften Schaden zuzufügen. Russland ist in Bezug auf seine Wirtschaftsleistung ein Schwellenland (mit einem pro-Kopf-Einkommen von 11.600 Dollar steht das Riesenreich international auf Rang 65, was kaufkraftbereinigt 28.000 Dollar und Rang 58 entspricht - Zahlen von 2019). In abgeschwächter Weise gilt immer noch, was der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt vor über 40 Jahren sagte, nämlich, dass Russland ein Dritte-Welt-Land plus Atombombe ist. Ein nuklearer Schlagabtausch ist jedoch völlig unvorstellbar; und die Tatsache, dass Russland über große Öl- und Gasvorkommen verfügt, ist nur bedingt ein geopolitisches Asset, weil der Westen seinen Bedarf auch anderswo decken kann.

Putin weiß das und steht einem amerikanischen Angebot, eine gemeinsame Allianz gegen China zu schmieden, deshalb wohlwollend gegenüber. Die gestrige aggressive Rhetorik war lediglich Großspurigkeit, mit der er zum einen seine Position vor dem Gipfel stärken und zum anderen seinen Landsleuten demonstrieren wollte, dass er sich von Biden nicht unterbuttern lassen werde. Bezeichnend ist ja auch, dass Putin überhaupt bereit war, sich von einem US-Sender interviewen zu lassen. Fest steht, dass er sich der Gefahr, die von China ausgeht, bewusst ist: Der Süden Russlands befindet sich bereits jetzt unter starkem chinesischem Druck, was zur Folge hat, dass Russland immer größere Teile seiner Streitkräfte dorthin verlegt. Unter anderem sieht Putin ein, dass es ein Fehler war, vor ein paar Jahren riesige Landflächen an China zu verpachten, die von chinesischen Bauern bestellt werden. Wer glaubt, dass die Russland jemals wieder verlassen, macht sich etwas vor. Wenn Russland nicht ganz genau aufpasst, ist der Pachtvertrag der Beginn vom Ende seiner territorialen Souveränität.

Putin weiß genau, was er am Westen hat - gerade auch an Biden: Dieser wird Putin die Hand reichen, und das anschließende Gespräch wird auf Augenhöhe stattfinden - so, wie es sich für die Präsidenten zweier großer Mächte gehört. Der mächtigste Mann der Welt, Xi Jingping, würde Putin zwar zunächst mit einem Lächeln entgegentreten. Doch dieses Lächeln würde sich in ein Zähnefletschen verwandeln, und am Ende würde der stolze Russe seinem Gegenüber nicht mehr in die Augen sehen dürfen - nein, er müsste zu Boden blicken, Xis Befehle empfangen und sich schließlich mit einem tiefen Diener verabschieden.

Es gibt ein Prinzip, das auch und besonders in der internationalen Politik gilt: Der gemeinsame Feind schweißt zusammen!

Lesen Sie morgen:

Biden reicht Putin die Hand - um gemeinsam gegen China vorzugehen

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EZB-Leitzinsen: Die Zinswende kommt anders als erwartet
15.10.2026

Erst schien die nächste Zinserhöhung der EZB fast sicher, jetzt rudern die Finanzmärkte zurück. Trotz hartnäckiger Inflation und...

DWN
Politik
Politik So sehen Rohstoffanalysten den Ölpreis weit bis ins Jahr 2027 hinein
15.10.2026

Drei Rohstoffanalysten erklären, wie viel ein Barrel Öl 2027 kosten könnte. Zwei schwer kalkulierbare Faktoren, die Energiewende und die...

DWN
Politik
Politik Tabaksteuer: Zigaretten dürften bald sehr viel teurer werden
15.10.2026

Millionen Menschen rauchen in Deutschland, das beschert dem Fiskus Jahr für Jahr Milliardeneinnahmen. Künftig möchte der Bund noch mehr...

DWN
Politik
Politik EU-Haushalt 2028-2034: Nichts im Leben ist umsonst
15.10.2026

Vor der entscheidenden Phase der Verhandlungen über den siebenjährigen EU-Haushalt 2028 bis 2034 sollte man das deutsche Sprichwort auch...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte: Nasdaq und S&P 500 sacken ab, während Inflationssorgen steigen
14.10.2026

Welche Entwicklungen die Märkte jetzt erschüttern und wo sich überraschende Chancen auftun.

DWN
Politik
Politik Wie gewinnt man den nächsten Krieg? Ex-US-Verteidigungsminister Austin erläutert in Warschau die NATO-Strategie
14.10.2026

Der pensionierte General Lloyd Austin, der unter Präsident Joe Biden US-Verteidigungsminister war, hat beim Warsaw Security Forum die...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell unter Druck: Nach US-Inflationsschub blicken Anleger auf die Fed
14.10.2026

Der Goldpreis tendiert am Mittwochnachmittag in der Verlustzone, weil höhere US-Verbraucherpreise die Hoffnung auf eine Zinssenkung...

DWN
Politik
Politik Trumps Vereinbarung mit Putin dreht sich um weit mehr als Diesel
14.10.2026

Donald Trumps Diesel-Abkommen mit Wladimir Putin wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: US-Gesetze begrenzen russische...