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Das DWN-Interview: "Ältere Arbeitnehmer haben während der Pandemie Außerordentliches geleistet"

Lesezeit: 5 min
29.06.2021 10:00
Die DWN haben vor kurzem ein Interview mit dem arbeitgebernahen Institut für Wirtschaftsforschung Köln zur Entwicklung des Arbeitsmarktes veröffentlicht. Nun zeigen wir die Einschätzung der Gewerkschaften. Professor Alexander Herzog-Stein von der Hans-Böckler-Stiftung erklärt, warum in der Krise gerade viele Ältere Ungewöhnliches geleistet haben und wie sich der Markt 2021 wohl weiter entwickelt.
Das DWN-Interview:
Ein erfahrener Mitarbeiter bearbeitet in Rathenow (Landkreis Havelland) in der Firma "Essilor" Brillengläser. (Foto: dpa)

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Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Das Unternehmen "Workday", das sich auch mit Personal beschäftigt, hat eine Studie herausgegeben, aus der hervorgeht, dass die jüngeren Arbeitnehmer besonders stark von der Pandemie betroffen seien.

Dort heißt es wortwörtlich:

„Für einige Mitarbeitende geht die abrupte Umstellung auf Heimarbeit mit verlorenen Karriere-Chancen einher. Das gilt insbesondere für Mitarbeitende zwischen 18 und 34 Jahren, von denen in Deutschland 40 Prozent ihre Möglichkeiten, im vergangenen Jahr neue Verantwortlichkeiten und Fähigkeiten zu erlangen, verringert sehen.“

Stimmt das?

Alexander Herzog-Stein: Grundsätzlich sind jüngere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer immer stärker von Krisen betroffen. Sie stehen noch am Beginn ihres Erwerbslebens. Sie sind in einem solchen Fall häufig die ersten, die in einem Unternehmen gehen müssen: Denn Ihnen fehlt die Berufserfahrung, und sie verfügen noch nicht über so viel firmenspezifisches Humankapital wie ältere Beschäftigte. Zudem sind Menschen am Beginn ihres Erwerbslebens häufiger in befristeten Beschäftigungsverhältnissen, die in Krisenzeiten häufig nicht verlängert und nicht entfristet werden.

Dass die Jüngeren besonders davon betroffen sind, sehen wir auch an den Schülerinnen und Schülern und den Studierenden. Einige von ihnen, die seit Ausbruch der Pandemie mit dem Studium begonnen haben, haben noch nie die Universität von innen gesehen.

Wir wissen zudem von früheren Krisen, dass Arbeitsplatzverluste mittel- und langfristige Folgen haben. Diese Arbeitsplatzverluste hinterlassen Narben in den Erwerbsbiographien, die sich oft in langfristigen finanziellen Folgen niederschlagen. Wenn jemand in jungen Jahren seine Arbeit verliert, ist es für ihn schwerer, auf den ursprünglichen Karrierepfad zurückzukommen. Über ein gesamtes Erwerbsleben hinweg betrachtet kann dies dann zur Folge haben, dass die Person später wesentlich weniger verdient.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie kommen die älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer über 50 Jahre durch die aktuelle Krise?

Alexander Herzog-Stein: Grundsätzlich versuche ich immer zu vermeiden, zu sagen, dass die eine oder die andere Gruppe von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern pauschal besser oder schlechter damit zurechtkommt. Denn eine Wirtschaftskrise bringt vielfältige und teilweise unterschiedliche Belastungen mit sich und kann je nach Situation und Einzelfall sehr unterschiedliche Folgen haben.

Auch wenn insgesamt die Arbeitsmarktfolgen der aktuellen Krise begrenzt werden konnten, kann sich im Einzelfall die Pandemie schon hart ausgewirkt haben. Wenn in der Corona-Krise eine Person am Ende ihrer Karriere gestanden hat und dann entlassen worden ist, dann dürfte sie es schwerer haben, wieder eine neue Arbeit zu finden. Denn generell ist bekannt, dass es ältere Beschäftigte schwerer haben, nach dem Arbeitsplatzverlust wieder in Lohn und Brot zu kommen.

Hinzu kommt, dass während der Pandemie für etliche ältere Beschäftigte der Druck am Arbeitsplatz hoch war. Denn diese Altersgruppe ist Fachleuten zufolge besonders vom COVID19-Virus bedroht. Wenn Heimarbeit nicht möglich war, dann konnte es für solche Arbeitnehmerinnen und Arbeitsnehmer sehr belastend sein, wenn sie regelmäßig zur Arbeit gehen mussten. Denken Sie nur an die vielen älteren Beschäftigten, die im Handel oder in den Krankenhäusern arbeiten, viele davon Frauen und häufig nicht gut bezahlt. Diese Teilgruppe der Älteren hat Außerordentliches geleistet und war besonderen Stresssituationen ausgesetzt.

Unabhängig davon kann man auch im Hinblick auf ältere Beschäftigte eines klar sagen: Der massive Einsatz von Kurzarbeit und anderer Maßnahmen zur Krisenbekämpfung, mit denen die Bundesregierung die Arbeitsplätze und die Einkommen der Menschen zu sichern versuchte, hat auch den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern über 50 Jahre geholfen, die bereits schon lange im Berufsleben etabliert waren.

Die schnelle Reaktion der Politik in der Corona-Krise hat uns allen geholfen nach 2008/2009, der großen Finanz- und Wirtschaftskrise, zum zweiten Mal eine Wirtschaftskrise erfolgreich zu bewältigen. Die Bundesregierung ist für diese schnelle Reaktion und die ergriffenen Maßnahmen zu loben. Sie könnte durch die Kurzarbeit über zwei Millionen Arbeitsplätze gesichert haben. Das ist schon eine beachtliche Hausnummer. Dabei muss man auch berücksichtigen, dass die Bundesregierung schnell handeln musste, ohne sich auf große frühere Erwartungswerte stützen zu können. Hinterher ist man dann bekanntlich immer schlauer; in Krisensituationen machen wir aber alle Fehler. Wichtig ist es, dass die Politik aus diesen Erfahrungen während der Pandemie für zukünftige Krisen lernt und die richtigen Lehren hieraus zieht.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welche Besonderheiten weist die Pandemie aus, die bisher noch keine andere Krise hatte?

Alexander Herzog-Stein: Historisch können wir die Pandemie nur mit der Spanischen Grippe am Ende des ersten Weltkrieges vergleichen. Dieses Ereignis liegt aber sehr lange zurück. Es war damals eine komplett andere Zeit. Wir haben sonst nur wenig Vergleichsmöglichkeiten für die wirtschaftlichen Auswirkungen einer solchen Pandemie in entwickelten Volkswirtschaften. Aus ökonomischer Sicht gibt es ein wichtiges Spezifikum der Pandemie, die sie als Wirtschaftskrise besonders macht: Die meisten Wirtschaftskrisen sind die Folge eines Nachfrageeinbruchs, infolgedessen die Wirtschaftsleistung dann zurückgeht. Für eine solche Krisensituation haben sich die Lehren des Ökonomen John Maynard Keynes etabliert, dass der Staat die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stabilisieren und so die Wirtschaft ankurbeln soll. Als im Frühjahr 2020 die Covid-19 Pandemie ausbrach, musste die Politik einerseits die Wirtschaft stabilisieren und gleichzeitig das Wirtschaftsleben runterfahren, um die Infektionsketten zu unterbrechen. Bis vor kurzem musste die Regierung Firmen sagen, dass sie nicht weiter produzieren und keine Dienstleistungen anbieten sollen. Das ist aus ökonomischer Sicht eine sehr schwierige und ungewohnte Situation. Deswegen waren dann auch ungewöhnliche Unterstützungsmaßnahmen notwendig. Die Kurzarbeit war ein etabliertes Mittel, von dem wir wussten, wie es funktioniert. Mit den Soforthilfen für die Selbstständigen oder mit den Unterstützungsleistungen vom November und Dezember 2020 gab es aber keinerlei Erfahrungswerte. Das waren große Herausforderungen, aber insgesamt wurden sie gut bewältigt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie sieht es denn mit den Rentnerinnen und Rentnern aus?

Alexander Herzog-Stein: Die gesetzliche Rentenversicherung funktioniert auch in der Krise reibungslos, von dieser Seite gab und gibt es keine Probleme. Aber eine Menge Rentnerinnen und Rentner sind auf einen Hinzuverdienst angewiesen, weshalb ein nicht unwesentlicher Teil der Mini-Jobs von Rentnerinnen und Rentner ausgeübt wird. Geringfügig Beschäftigte sind aber generell nicht durch die Kurzarbeit abgesichert, weil sie nicht in die Arbeitslosenversicherung einzahlen. Deshalb haben Arbeitgeber in der Krise viele Minijobs gestrichen. Das dürfte dann auch etliche Ältere mit kleiner Rente hart getroffen haben.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Ihr Kollege von den Arbeitsgeberverbänden, Holger Schäfer, hat mir gerade im Interview gesagt, dass „die Erwerbsbeteiligung der Älteren seit den Agenda-Reformen 2010 enorm angestiegen ist. Ihr Anteil hat sich mehr als verdoppelt. Dies ist einer der spektakulärsten Erfolge der deutschen Arbeitsmarkt-Entwicklung.“

Sehen Sie das auch so?

Alexander Herzog-Stein: Grundsätzlich ist es positiv, dass sich die Erwerbsbeteiligung der Älteren seit Mitte der 2000er Jahre so erhöht hat. Wir müssen aber sehen, welchen Preis wir dafür gezahlt haben. Das Renteneintrittsalter wurde erhöht, ohne dass aber die Voraussetzungen dafür geschaffen wurden, dass Menschen in unserer Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft auch so lange im Erwerbsleben durchhalten können. Das Risiko, nur mit einer kleinen Rente dazustehen, ist dadurch deutlich gestiegen. Herr Schäfer und ich sind uns einig darüber, dass sich der Arbeitsmarkt im vergangenen Jahrzehnt viel besser als vorher entwickelt hat, auch wenn wir uneinig sind was die Ursachen für diesen Arbeitsmarkterfolg waren. Wir kommen zum Beispiel zu dem Schluss, dass die Agenda 2010 dabei nur eine begrenzte Rolle gespielt hat. Die Arbeitslosenquoten sind deutlich zurückgegangen, und die Zahl der Beschäftigten ist insgesamt gestiegen. Das alles ist positiv. Das hilft uns, eine solche Krise wie die aktuelle Pandemie besser zu bewältigen. Mit rund fünf Millionen Arbeitslosen wie in den 2000er Jahren wäre es wesentlich schwieriger gewesen, die jetzigen Herausforderungen zu meistern.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welche Lehren ziehen Sie aus der Krise?

Ein Problem ist, dass wir in Deutschland, insbesondere in den Dienstleistungsbereichen, viele Menschen mit niedrigen Löhnen haben und die Zahl der geringfügig Beschäftigten nach wie vor hoch ist. Für die erste Personengruppe war das Kurzarbeitergeld häufig zu niedrig und geringfügig Beschäftigte hatten gar keinen Anspruch darauf. Deshalb müssen wir dieses Instrument, das bei der Beschäftigungssicherung so erfolgreich war, für zukünftige Krisen weiterentwickeln. Eine Möglichkeit wäre, bei besonders niedrigen Stundenlohnsätzen ein höheres Kurzarbeitergeld zu bezahlen, das durchaus hundert Prozent des tatsächlichen Lohns entsprechen kann. Die 60 Prozent beziehungsweise 67 Prozent bei Familien, die wir bislang bezahlen, sind einfach für Menschen mit Niedriglöhnen zu wenig. Die in der Krise eingeführten Aufstockungen bei längerer Kurzarbeit sind ein Fortschritt, aber sie reichen nicht.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie dürfte sich der Arbeitsmarkt weiterentwickeln?

Alexander Herzog-Stein: Wir gehen davon aus, dass ab dem dritten Quartal eine deutliche Erholung der Gesamtwirtschaft einsetzt. Und davon wird auch der Arbeitsmarkt profitieren. Ende 2021 könnte saisonbereinigt die Arbeitslosenquote bei etwa 5,5 Prozent liegen. Es wird wohl einen deutlichen Rückgang der Arbeitslosenzahlen geben. Das ist aber alles noch unter einem gewissen Vorbehalt, weil wir nicht wissen, wie sich die Pandemie entwickelt. Besonders wichtig wird sein, dass die Politik einen langen Atem behält und nicht zu früh ihre Anti-Krisenmaßnahmen zurückfährt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Professor Dr. Herzog-Stein, herzlichen Dank für das Gespräch.

Professor Dr. Alexander Herzog-Stein ist Ökonom und Honorarprofessor an der Universität Koblenz-Landau. Er ist der Leiter des Referats "Makroökonomische Grundlagenforschung, Arbeitsmarkt" am IMK der Hans-Böckler-Stiftung.

 


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