Politik

„Wir leben nun in einer multipolaren Welt“ – Laschet warnt vor neuem Kalten Krieg gegen China

Vor dem Hintergrund der gegen China gerichteten Politik Washingtons warnt CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet vor einem blinden Kurs der Konfrontation und plädiert für Kooperation und kritischen Dialog – ein deutlicher Unterschied zu seiner grünen Konkurrentin Annalena Baerbock.
21.06.2021 12:06
Aktualisiert: 21.06.2021 12:06
Lesezeit: 3 min

Der Kanzlerkandidat der Union, Armin Laschet, warnt vor einer rein auf Konfrontation basierenden Strategie im Umgang mit China und der Entstehung eines neuen Kalten Krieges.

Laschet fordert dagegen ein offenes, auf einen gegenseitigen Interessensausgleich angelegtes Verhältnis zu China. Probleme müssten konstruktiv im Dialog und im Sinne der Kooperation gelöst werden.

In einem Interview mit der Financial Times gab Laschet zu bedenken, dass viele europäische Staaten Vorbehalte gegen den strikten Anti-China-Kurs des amerikanischen Präsidenten Joe Biden hätten. „Die Frage ist doch: wenn wir davon reden, China ‚einzudämmen“, wird dies zu einem neuen Konflikt führen. Brauchen wir einen neuen Feind? Und hier sind die Europäer vorsichtig, da China zwar ein Wettbewerber und systemischer Rivale ist und ein anderes Gesellschaftsmodell verfolgt, aber eben auch ein Partner ist – etwa bei Kampf gegen den Klimawandel.“

Biden hatte die Formate des Nato-, G7- und EU-Gipfels in den vergangenen Tagen dazu genutzt, um eine breite Allianz von Ländern unter US-Führung gegen China in Stellung zu bringen.

Deutschland solle nicht davor zurückschrecken, „kritische Fragen“ zu stellen. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob das öffentliche, laute und aggressive Anprangern der Menschenrechtssituation in einem anderen Land wirklich zu Verbesserungen führt. Oft kann man mehr in vertraulichen Gesprächen mit politischen Führern erreichen als in Pressekonferenzen.“

China sei ein Wettbewerber und die Demokratien dieser Welt müssten ihre Kooperation vertiefen – ein zentrales Anliegen der US-Regierung – aber es müsse unbedingt vermieden werden, in eine Mentalität des Kalten Krieges gegen China zurückzufallen. „Das 21. Jahrhundert ist sehr verschieden und der Blick in die Zeit vor 1989 zurück eröffnet uns nur noch begrenzte Perspektiven. Wir leben nun in einer multipolaren Welt mit verschiedenen Akteuren.“

„Ich will es deutlich sagen: Dass unser Land wirtschaftlich vergleichsweise gut dasteht, haben wir auch dem schnellen Wirtschaftsaufschwung Chinas nach der Pandemie zu verdanken“, sagte Laschet in einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen. „Nichtsdestotrotz bleibt es wichtig, China besser in die regelbasierte Ordnung einzubinden.“

Laschet stellt sich damit erneut hinter die China-Politik der Bundesregierung. Die USA hatten auf den Gipfeltreffen mit den Europäern für einen härteren Kurs plädiert, den auch etwa die Grünen möchten. Der G7- und der Nato-Gipfel hatte eine deutlich härtere Sprache gegenüber Peking beschlossen. Kanzlerin Angela Merkel hatte danach allerdings betont, dass China eben auch Partner sei. CDU-Chef Laschet hatte bereits vor wenigen Tagen vor einer „rein innenpolitisch argumentierenden Abgrenzung“ gegenüber China gewarnt.

Pragmatischer Ansatz auch zu Russland

Laschet verfolgt auch gegenüber Russland einen pragmatischen Ansatz. Man müsse mit Moskau wieder sprechen, damit der Westen eine „sensible Beziehung“ zu Russland führen könne. „Russland zu ignorieren hat weder unseren noch den Interessen der US-Regierung gedient.“ Das Treffen zwischen Biden und Russlands Präsident Putin vergangener Woche in Genf sei deshalb ein gutes Zeichen gewesen.

Laschet äußerte auch Kritik an der russischen Politik der vergangenen Jahre, etwa an der Annexion der Krim, welche er als „inakzeptabel“ bezeichnete. Trotzdem müsse man wie mit China auch mit Russland pragmatisch zusammenarbeiten. „Es ist das flächenmäßig größte Land der Welt, eine Atommacht.“ Bidens Ansatz, Russland ernst zu nehmen und Kooperationskanäle wiederzueröffnen, sei richtig.

Gegensatz zu Baerbock

Mit seinen pragmatischen und auf Ausgleich der Interessen bedachten Ansichten steht Laschet im Wiederspruch zu seiner Konkurrentin der Grünen ums Kanzleramt, Annalena Baerbock.

Baerbock hatte sich in der Vergangenheit mehrfach sehr kritisch gegenüber China geäußert und die Bereitschaft erkennen lassen, sich dem von den USA angeführten Feldzug gegen das Land anzuschließen. So verknüpfte sie beispielsweise die Klima-Politik mit der Konfrontation gegen China, welche es aus ihrer Sicht zu suchen gelte.

Ende April übernahm Baerbock in einem Interview mit der FAZ praktisch alle wirtschaftlichen und PR-Elemente des US-Feldzugs gegen China und Russland sowie die dadurch angereicherten Vorwürfe gegen China: Angesichts des militärischen Verhaltens Russlands im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt sei es ungeachtet des Tiefpunktes in den Beziehungen beider Seiten das Wichtigste, „den Druck auf Russland zu erhöhen“, sagte Baerbock. Der im Bau befindlichen deutsch-russischen Gaspipeline durch die Ostsee müsse „die politische Unterstützung entzogen“ werden. Die Politikerin forderte eine Mischung aus „Dialog und Härte“ in der Politik gegenüber China. Europa könne entscheiden, welche Produkte es importiere. „Wir können sagen: Produkte aus Zwangsarbeit kommen nicht auf unseren Markt.“ Wenn Telekom-Ausrüster wie Huawei europäische Daten an den chinesischen Staat weitergeben müsse, könne Europa Produkte solcher Hersteller nicht in seine Infrastruktur einbauen.

Eine komplette wirtschaftliche Abkopplung lehnt aber auch Baerbock ab: „Dafür ist das ein viel zu großer Markt.“ Auch die Menschenrechtslage lasse sich nicht dadurch verbessern, dass man nicht mehr miteinander spreche.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen So bleiben deine Online-Finanzdaten geschützt

Heutzutage wird jede deiner Aktivitäten online nachverfolgt. Es fühlt sich an, als würde immer jemand deine Einkäufe im Internet...

DWN
Finanzen
Finanzen ETF oder Investmentfonds: Warum viele Anleger das falsche Produkt wählen
11.04.2026

ETF, Investmentfonds oder Rentenfonds. Viele Anleger glauben, die richtige Wahl hänge vor allem von der Rendite ab. Tatsächlich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI-Jobabbau: Warum Frauen besonders betroffen sind
11.04.2026

Künstliche Intelligenz verändert den Bankensektor schneller als erwartet. Tausende Jobs stehen auf der Kippe, während Unternehmen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Meta-Urteil: Datenübertragung in die USA erlaubt – es bleiben Fragen
11.04.2026

Dürfen persönliche Daten von Facebook- und Instagram-Nutzern in die USA übertragen werden? Ein aktuelles Meta-Urteil sorgt für Klarheit...

DWN
Finanzen
Finanzen MSCI stuft Griechenland als entwickelten Markt ein: Chancen und Risiken für Anleger
11.04.2026

Griechenland steht mit der Aufnahme in die MSCI-Indizes wieder stärker im Fokus internationaler Investoren und signalisiert eine neue...

DWN
Immobilien
Immobilien Senkt schnelleres Bauen wirklich die Wohnkosten? Der Bauturbo- und Maßnahmen-Check
11.04.2026

Schwarz-Rot verspricht, dass der Bauturbo und sonstige Maßnahmen, die den Bau von Immobilien beschleunigen, unweigerlich zu Preisfall auf...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Eine nervöse Erholung an der Wall Street, während der brüchige Frieden hält
10.04.2026

Zwischen Hoffen und Bangen: Entdecken Sie, welche verborgenen Marktdynamiken aktuell den Takt vorgeben und für Überraschungen sorgen.

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Wenn Heilung stört: Wie Coldplasmatech einen Milliardenmarkt herausfordert
10.04.2026

Das Medizinprodukt von Coldplasmatech revolutioniert die Heilung von chronischen Wunden. Für Millionen Patienten bedeutet es Erlösung von...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Nahost-Konflikt treibt Ölpreis weiter an: Nordseeöl erreicht Rekordniveau
10.04.2026

Die Eskalation in der Straße von Hormus verschärft die Lage auf den Energiemärkten und setzt Preise sowie Lieferketten weltweit unter...