Politik

Die EU im Klima-Wahn: Unsinnige Verordnungen, der kommende Blackout und der Mensch als Sünder

Lesezeit: 6 min
24.07.2021 08:30
DWN-Kolumnist Ronald Barazon nimmt die "Klima-Agenda" der EU Stück für Stück auseinander und zeigt ihre massiven Ungereimtheiten auf. Am Ende verbleibt der Eindruck, dass hier Experimente gestartet wurden, deren gigantische Auswirkungen und Folgen man nicht im Ansatz abschätzen kann.
Die EU im Klima-Wahn: Unsinnige Verordnungen, der kommende Blackout und der Mensch als Sünder
Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen und Kommissar Frans Timmermans. (Foto: dpa)

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Hunderte Tote, zahllose Verletzte, eingestürzte Häuser, überschwemmte Städte, kurzum unendlich viel Leid lösen die Naturkatastrophen aus. Zuletzt in den vergangenen Tagen und Wochen, aber in immer kürzeren Abständen bereits seit Jahrzehnten. Die naheliegende Reaktion wäre doch wohl, die Katastrophenwarnung wirksam zu gestalten, den Hochwasserschutz zu verbessern, die Dächer zu verstärken, die Keller zu sichern und generell die Bauordnungen auf die neuen Bedingungen abzustellen. Das geschieht nicht oder nur in gänzlich ungenügender Weise. Dabei wird ständig über die Klimakrise und die Naturkatastrophen geredet. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären, was steckt hinter der Klimapolitik? Man kann doch nicht annehmen, dass tatsächlich jemand glaubt, dass die Toten des Jahres 2021 zu verhindern wären, wenn ab 2030 nur mehr E-Autos verkauft werden?

Die Menschen werden als Sünder und Schuldige an den Pranger gestellt

Frans Timmermans, der für den „Green Deal“ der EU zuständige Kommissar, hat es unbekümmert und ungewollt vor wenigen Tagen auf den Punkt gebracht: „Wir alle werden Teile unseres Lebens anpassen müssen“ Es geht nicht darum, die Flüsse daran zu hindern ganze Landstriche zu ruinieren, es geht darum, den Menschen zu ändern. Die ursprünglich grünen Parolen werden heute vom Sozialdemokraten Timmermans wie von der aus der CDU kommenden EU-Präsidentin Ursula von der Leyen brav nachgeplappert: Der Mensch ist ein Sünder, der die Umwelt ruiniert. Jeder und jede Einzelne werden zur Umkehr aufgerufen, zur Besserung angehalten. Geschieht dies, dann werde es keine Hitzewellen, Überschwemmungen und andere Katastrophen mehr geben. Geschieht dies nicht, dann ist die Apokalypse unvermeidlich. Vorweg verhängen die Klimapolitiker Strafen für die Sünder, die sich in Form von hohen Strom- und Spritpreisen auswirken.

Teure Energie führt nicht zur „Besserung“, sondern muss bezahlt werden

In diesem Sinne haben die Hohepriester des Umweltschutzes, von der Leyen und Timmermans, vor kurzem neue Ideen präsentiert, wie jeder Stromverbrauch zu Hause, jede Autofahrt, jede Flug- oder Schiffsreise und so weiter teurer werden könnten. Aus diesen Einnahmen soll ein Fonds der EU gespeist werden, aus dem die Kommission dann Almosen an Bezieher niedriger Einkommen verteilen möchte, damit „soziale Härten“ abgefedert werden. Dass für die verschiedensten vermeintlich guten Zwecke in allen Staaten bereits jetzt Steuern und Abgaben beim Energiekonsum zu bezahlen sind, wird nicht erwähnt. Auch nicht das zentrale, alles überragende Kernproblem: Wer von A nach B fahren muss, hat keine Wahl und muss das Benzin bezahlen, wie teuer es auch sein mag. Fernseher, Computer und Heizthermen funktionieren nicht von selbst, also muss die Stromrechnung bezahlt werden.

Die unsinnige Illusion: Weniger CO2 und es gibt keine Naturkatastrophen mehr

Die Grünpolitiker haben allerdings ein Versprechen parat. In einigen Jahrzehnten werden die Menschen und die Welt so verändert sein, dass dann keine Naturkatastrophen mehr stattfinden werden. Dass dieses Versprechen blanker Unsinn ist, fällt offenbar den Kündern dieser Phantasie nicht auf und zahlreichen Empfängern der Botschaften auch nicht. Erweckt wird der Eindruck, wenn nur der CO2-Ausstoß verringert wird, dann gibt es keine Stürme, keine Starkregen und keine sonstigen Naturereignisse mehr. Daher könne man getrost die Toten der vergangenen Wochen ignorieren, sie sind letztlich nur die Folge der allgemeinen Sünden der Menschen. Durch die Bekämpfung des CO2 werde es künftig keine Opfer mehr geben. Seitdem die Erde existiert und solange die Erde existieren wird, sind Naturkatastrophen ein Bestandteil des Lebens auf dieser Erde.

Neben CO2 verursachen viele Faktoren Naturkatastrophen – hier und jetzt

Da spielt CO2 nur eine Rolle neben anderen. Auch die Sonne ist entscheidend. Die Strahlung aus dem Weltraum neben den Sonnenstrahlen ist zu beachten. Das sich immer wieder ändernde Magnetfeld der Erde, die Verschiebung der Erdplatten, die Vulkane und zahlreiche andere Phänomene wie die Abgabe von Methan durch die Rinder, durch die Reisfelder und durch Erdgas sind wirksam. Und keinen Faktor kann man gänzlich in den Griff bekommen. Wenn man genau hinhört, so sind auch die aktuell tätigen Klimapolitiker, die sich nur auf CO2 konzentrieren, von dem Effekt ihrer aktuellen Aktionen nicht überzeugt. Wie sonst kommt der ewig wiederholte Satz zustande, dass man die Klimaerwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts bremsen möchte, dass man an bestimmten, immer wieder geänderten Terminen gewisse Teilziele anpeilt. Die Menschen ertrinken heute in den Fluten, leiden heute unter extremer Hitze und extremer Kälte und die Politik verspricht Besserung für Irgendwann in der Zukunft.

Die Politik weigert sich konsequent, konkrete Maßnahmen umzusetzen

Selten hört man den Satz „Wir bauen diesen Damm“ und dieser ist in zwei Jahren fertig, oder „Wir bauen dieses Auffangbecken“ und dann kann der Fluss eine Wassermenge von X zusätzlich aufnehmen. Die Niederlande haben diese Politik in den letzten Jahren betrieben und hatten beim jüngsten Hochwasser auch weniger Probleme als etwa Deutschland.

Seit Jahrzehnten weiß man, dass Bäume die entscheidenden Korrektoren des CO2-Haushalts sind, doch es kommt und kommt weltweit kein Aufforstungsprogramm zustande. Im Gegenteil, global und auch in Europa verschlechtert sich durch verantwortungslose Abholzungen die Lage ständig und im Zuge der allgemeinen, grünen Welle wird mehr Holz als je zuvor in der Geschichte verbraucht.

Bei der vor kurzem stattgefundenen Präsentation neuer Ideen, wie man alle Energieformen kräftig verteuern könnte, war erstaunlicher Weise auch folgende Ankündigung zu hören: Die EU-Kommission werde für die Pflanzung von 3 Milliarden Bäumen sorgen. Wie leider oft in Brüssel ist man auch bei den Bäumen vom Begriff „Milliarden“ beeindruckt ohne die Relationen zu beachten. 3 Milliarden klingt auch gut. Die Baumstatistik besagt aber, dass weltweit 3.000 Milliarden Bäume existieren und dieser Bestand nicht genügt. Sollte die EU ihre Ankündigung sogar wahr machen, dann kommt es zu einer Steigerung um ein Tausendstel. Aber man muss schon froh sein, dass die Klimaträumer zumindest einen konkreten Ansatz präsentiert haben, der in die Richtung einer Verbesserung der Lage weist.

Windräder und Sonnenkollektoren sichern nicht die Energie-Versorgung

Unbeirrt halten die Klimapolitiker an der krausen Idee fest, dass man allein mit Windrädern und Sonnenkollektoren die Energie-Versorgung sichern könnte. Es ist nun einmal eine Tatsache, dass der Wind nicht immer weht und die Sonne nicht immer scheint. An diesem Umstand wird sich auch nichts ändern, wenn der CO2-Ausstoß verringert wird. Also wird man eine Absicherung für die Perioden brauchen, in denen Wind und Sonne nicht ausreichend Strom liefern. Und für diese Absicherung können nach jetzigem Stand der Technik nur Atom-, Kohle, Öl- und Gaskraftwerke sorgen, die die Klimapolitik alle schließen möchte. Die banale Reaktion, ähnlich banal wie den Hochwasserschutz auszubauen, wenn es mehr Hochwasser gibt, würde lauten: Solange keine anderen Absicherungen der Stromversorgung möglich sind, hält man an den bestehenden Anlagen fest. Doch nein, man steuert gedankenlos auf einen totalen Stromausfall zu.

7,5 Milliarden Menschen haben einen größeren Verbrauch als 1,6 Milliarden

Mehr noch: Man stellt die Behauptung in den Raum, dass man durch Sparmaßnahmen das Problem lösen könnte. Tatsächlich ist es vor allem der Industrie gelungen, den Bedarf an Energie für eine Produktionseinheit in den meisten Fällen zu reduzieren und auf diese Weise auch den CO2-Ausstoß zu verringern. Paradoxer Weise wird die Leistung der Industrie kaum anerkannt, vielmehr werden die Unternehmungen mit besonders vielen Umweltvorschriften gequält.

Doch die Wirtschaft wächst insgesamt, weil auch die Menschheit wächst und die heute lebenden 7,5 Milliarden Personen in allen Bereichen einen wachsenden Verbrauch aufweisen, der besonders steigt, wenn es gelingt, die Armut zu reduzieren. Die Klimapolitik will, in den Klartext übersetzt, die 7,5 Milliarden zur Bescheidenheit erziehen, ein Versuch, der angesichts der menschlichen Natur illusorisch ist.

Die Natur hat noch eine Botschaft parat: Bei jedem Atemzug atmet jeder Mensch CO2 aus und die Menge ist bei 7,5 Milliarden unweigerlich größer als bei 1,6 Milliarden im Jahr 1900. Manche Klima-Aktivisten wälzen Ideen, wie man die Weltbevölkerung reduzieren könnte. Nur mit humanen Methoden? Unter Wahrung der Menschenrechte?

Das Elektro-Auto als Wundermittel, das alle Probleme löst und keine verursacht

Fetischismus ist ein Merkmal der Klimapolitik. Wie man CO2 zum allein bestimmenden Faktor, hochstilisiert hat, so wurde auch das Elektro-Auto zum Wundermittel erklärt und in wenigen Jahren darf die Industrie gar keine anderen Fahrzeuge mehr auf den Markt bringen. Dass ein Elektro-Auto eine enorm teure Batterie braucht, von der man in allen Fahrsituationen voll abhängt, beunruhigt offenbar niemanden mehr. Verteufelt wird von den Fetischisten das Hybrid-Fahrzeug, das nach Möglichkeit mit Strom fährt, aber auch Benzin zur Verfügung hat, das bei Bedarf einspringen kann. Da gilt die Parole, diese Autos verhindern den totalen Ausstieg aus fossilen Treibstoffen und angestrebt wird doch eine radikale Wende. Dass für die Betankung der Hybrid-Autos weniger E-Tankstellen erforderlich und auch die Batterien billiger sind, wird ignoriert. Der Umstand, dass man zwar wenig, aber doch Benzin tanken muss, wird als unerträglicher Makel gesehen.

Interessant ist, dass die Klimapolitiker einfach akzeptieren, dass eine totale Umstellung auf E-Autos den Strombedarf in die Höhe schnellen lässt und die Errichtung sowie Erhaltung zahlloser E-Tankstellen in den Städten und entlang der Autostraßen erfordert. Jene Grünpolitiker, die in den achtziger Jahren angetreten sind, um die Überwucherung der Natur und der urbanen Zone durch Industrieprodukte zu bekämpfen, haben heute kein Problem mit einer Flut von Stromzapfsäulen.

Zur Stilisierung des E-Autos als Wundermittel passt auch ein anderer Fetischismus der Grünpolitiker: Sie finden offenbar die Vernichtung ganzer Landstriche durch zahllose, übergroße Stangen mit meist extrem lauten Windrädern offenbar schön. Es stört sie nicht, dass für den Abtransport des unregelmäßig anfallenden Stroms mehr Überlandleitungen erforderlich sind als früher. Früher, da demonstrierten die Grünen noch gegen Leitungen und Maste, heute sind es „ihre“ Leitungen und „ihre“ Wind-Räder.

Was machen grüne Klimapolitiker, wenn der totale Stromausfall stattfindet?

Es wird spannend, wie die grün bewegten reagieren werden, wenn sie die Realität ereilt. Wenn alle E-Autos fahren, alle ihre digitalen Prozesse über Strom fressende Cloud-Fabriken abwickeln, wenn weiterhin Bitcoin und andere wertlose Phantome in ebenfalls Strom fressenden Computer-Zentralen „geschürft“ werden, wenn Millionen Klima-Anlagen laufen, wenn also die Stromversorgung zusammenbricht, was werden dann die Klima-Politiker machen? Den Strom rationieren, den Haushalten das Licht abdrehen oder die Clouds lahmlegen? Oder nach dem Bau von Atomkraftwerken rufen?

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Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.


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