Finanzen

Deutscher Widerstand innerhalb der EZB findet kaum Verbündete

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hat im EZB-Rat die inflationäre Geldpolitik der Notenbank kritisiert. Doch die Kritik ist verhallt, nur wenige andere Zentralbanker der Eurozone unterstützen ihn.
23.07.2021 11:00
Aktualisiert: 23.07.2021 11:43
Lesezeit: 2 min
Deutscher Widerstand innerhalb der EZB findet kaum Verbündete
Bundesbank-Chef Jens Weidmann hatte im EZB-Rat mit seiner Position keine Chance. (Foto: dpa) Foto: Michele Tantussi

Nach ihrer Sitzung zur Festlegung der Geldpolitik am Donnerstag sagte die Europäische Zentralbank, dass sie weiterhin Anleihen kaufen wird und dass sie ihre stark negativen Zinssätze länger beibehalten wird. Die Notenbank fügte hinzu, dass sie bereit sei, eine moderate und vorübergehende Überschreitung ihres Inflationsziels zu tolerieren.

Diese Entscheidung im 25-köpfigen EZB-Rat ist unter anderem bei Jens Weidmann auf Widerstand gestoßen. Der Präsident der Deutschen Bundesbank kritisierte, dass das angekündigte Vorgehen der EZB zu aggressiv sei. Auf diese Weise erhöhe man das Risiko, dass die Inflation über das angestrebte Ziel hinausschießt, das vor zwei Wochen nach der Vorstellung einer neuen EZB-Strategie offiziell auf 2 Prozent angehoben wurde.

Lagarde: Weitere Absenkung der Zinsen wäre kaum noch effektiv

In einer Pressekonferenz nach der Sitzung am Donnerstag sagte Christine Lagarde, die Präsidentin der EZB, dass es "kleinere Divergenzen" bezüglich der Leitlinie gegeben habe, dass diese aber immer noch die Unterstützung einer "überwältigenden Mehrheit" erhalten habe. Weidmann wurde also von der Mehrheit "überwältigt".

Einige EZB-Zinssetzer haben eine Reduzierung des Corona-Anleihekaufprogramms PEPP gefordert, das einen Gesamtumfang von 1,85 Milliarden Euro hat, berichtet die Financial Times. Doch die Zentralbank ließ ihre Leitlinien für die Ankäufe von Vermögenswerten unverändert. Lagarde sagte zudem, es sei "völlig verfrüht", über eine Reduzierung des Programms zu diskutieren.

Lagarde sagte, es sei noch "ein weiter Weg zu gehen, bevor die Auswirkungen der Pandemie auf die Inflation beseitigt sind", was darauf hindeutet, dass es unwahrscheinlich ist, dass die EZB ihre Anleihekäufe bald zurückfahren wird. Sie bestritt jedoch, dass die neue Formulierung niedrige Zinssätze für längere Zeit impliziert.

Der mittelfristige Ausblick für die Inflation in der Eurozone sei trotz des erwarteten starken Wachstums im dritten Quartal gedämpft, so Lagarde. Die Delta-Variante sei "eine wachsende Quelle der Unsicherheit". Die EZB sei bereit, ein vorübergehendes moderates Überschreiten ihres Inflationsziels zu tolerieren. Eine "beharrliche" Politik sei notwendig, da die Zinssätze nahe dem niedrigsten Punkt seien, an dem Senkungen noch effektiv sind.

Die Zentralbank verpflichtete sich, ihren Einlagensatz von minus 0,5 Prozent nicht anzuheben, bis die Inflation ihr 2-Prozent-Ziel "deutlich vor dem Ende ihres Projektionshorizonts und dauerhaft für den Rest des Projektionshorizonts" erreicht. Die EZB fügte hinzu: "Dies kann auch eine vorübergehende Periode implizieren, in der die Inflation moderat über dem Zielwert liegt."

Investoren erwarten weitere Lockerung der Geldpolitik

Investoren glauben, dass die neuen Leitlinien es nun wahrscheinlicher machten, dass die EZB ihre ultralockere Politik länger beibehalten wird. Nach Ansicht von Martin Wolburg, Ökonom bei Generali Investments, gibt es "nun Spielraum für die EZB, die erste Zinserhöhung über 2024 hinaus zu verschieben", was ein Jahrzehnt nach der ersten Zinssenkung unter Null wäre.

Einige Investoren erwarten sogar eine Erhöhung der Wertpapierkäufe durch die EZB. Nach Ansicht von Elga Bartsch, der Leiterin des Makro-Research beim BlackRock Investment Institute, hat die EZB im Hinblick auf ihre Geldpolitik eine "lockere Überraschung" geliefert. Es sei nun wahrscheinlich, dass die EZB ihre Pläne zum Ankauf von Vermögenswerten noch in diesem Jahr "nach oben anpasst".

Manche Investoren zeigen sich weniger überrascht von der EZB-Entscheidung. "Dies war ein bisschen wie alter Wein in einer neuen Flasche", sagte Carsten Brzeski, Leiter der Makroforschung bei ING. "Die Kommunikation hat sich etwas geändert, aber in Bezug auf die Substanz bleibt die EZB sehr locker und setzt damit jeglichen Straffungsspekulationen einen Riegel vor."

Einige der anderen großen Zentralbanken der Welt, wie die von Kanada und Australien, haben bereits beschlossen, ihre Wertpapierkäufe zu verlangsamen. Andere Zentralbanken, wie die US-Notenbank Federal Reserve, debattieren derzeit noch darüber, wann sie ihre Wertpapierkäufe auslaufen lassen wollen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

 

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Aus für Bohai-Automotive: Werksschließung in Harzgerode
30.09.2026

Der Autozulieferer Bohai Automotive schließt sein Werk im Harz endgültig. Rund 550 Arbeitsplätze verschwinden an dem traditionsreichen...

DWN
Politik
Politik Neuordnung Pflegeversicherung beschlossen: Regierung bringt Pflegereform auf den Weg
30.09.2026

Die Bundesregierung gibt nach langem Ringen von Union und SPD grünes Licht für die geplante Pflegereform. Das Kabinett beschließt den...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Immobilienberatung: ChatGPT wählt einen Immobilienkredit – sinnvoll oder nicht?
30.09.2026

Ein Wohnungskauf für rund 803.000 Euro, eine hohe Eigenleistung und der Wunsch nach Kindern: Kann ChatGPT bei der Wahl des passenden...

DWN
Finanzen
Finanzen LPKF-Aktie bricht nach Prognosesenkung ein: Verzögerte Aufträge belasten Ausblick
30.09.2026

Die LPKF-Aktie ist am Mittwoch kräftig unter Druck geraten. Der Laserspezialist hat seine Prognose für 2026 deutlich gesenkt, weil sich...

DWN
Politik
Politik Russland erhöht Militärausgaben um 27 Prozent. Putin: Krieg mit Europa wäre kurz
30.09.2026

Medwedew spricht von Angriffen auf deutsche Fabriken. Russland beschlagnahmt deutsches Vermögen. Russische Fluggeräte sorgen an der...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin-Kurs aktuell: Rally verliert an Schwung vor US-Inflationsdaten
30.09.2026

Der Bitcoin-Kurs hält sich am Mittwochmorgen über 83.000 US-Dollar, doch unter der Oberfläche verliert die jüngste Rally an Kraft....

DWN
Unternehmen
Unternehmen 1627 gegründet: Traditionsbrauerei Wolters wird geschlossen
30.09.2026

Das Brauerei-Sterben geht weiter: Die Wolters-Brauerei in Braunschweig schließt die Tore. Für die Produktionsstätte mit 90 Mitarbeitern...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Steigende Kerosin-Kosten: Lufthansa-Chef erwartet noch höhere Ticketpreise
30.09.2026

Nicht nur den Autofahrern machen die gestiegenen Ölpreise an den Tankstellen zu schaffen. Auch die Lufthansa muss mehr Geld für Kerosin...