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Deutsche Corona-Flüchtlinge wandern nach Schweden aus

Lesezeit: 7 min
05.09.2021 10:19
In Zeiten von Corona hat es viele Deutsche nach Schweden gezogen. Dort können sie ein Leben führen, wie es hierzulande für die meisten schon lange nicht mehr möglich ist.
 Deutsche Corona-Flüchtlinge wandern nach Schweden aus
Die Schnellfähre «Skane Jet» der Flensburger Reederei FRS verlässt den Hafen Sassnitz-Mukran in Richtung Ystad in Südschweden. (Foto: dpa)
Foto: Bernd Wüstneck

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Über viele Jahrzehnte hat es eine starke Bewegung vom Land in die Städte gegeben. So waren noch um das Jahr 1900 im Deutschen Reich 38,2 Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft tätig, und selbst 1950 waren es in der Bundesrepublik noch 24,3 Prozent. Heute hingegen sind es hierzulande nur noch etwa 1,4 Prozent. Dieser Umbruch ist auf die starken Produktivitätssteigerungen zurückzuführen, etwa den Einsatz von höchst leistungsfähigen Traktoren und Mähdreschern. Im Schnitt kann ein deutscher Landwirt heute 135 Menschen ernähren – gegenüber nur etwa zehn Menschen im Jahr 1950.

In den Städten boten sich für die Menschen, die in der Landwirtschaft nicht mehr gebraucht wurden, viel mehr berufliche Möglichkeiten, weshalb die ländlichen Räume über die letzten Jahrzehnte Bevölkerung verloren. Doch dieser Trend scheint sich bereits seit einigen Jahren umzukehren. Und die Corona-Krise hat die Flucht auf das Land offenbar noch erheblich beschleunigt. Laut einer Umfrage des Münchner Ifo-Instituts wollen derzeit 12,9 Prozent der Bewohner von deutschen Millionenstädten im Verlauf der nächsten zwölf Monate auf das Land ziehen oder zumindest in eine kleinere Stadt. Fast die Hälfte der Millionenstädter nennt dabei Corona als wichtigen Grund für ihre Pläne.

Weitere 18,5 Prozent von ihnen wollen zwar nicht binnen Jahresfrist, wohl aber in den kommenden zwei bis fünf Jahren raus aus der Millionenstadt. Zudem ist derzeit auffällig, dass umgekehrt kaum ein Zuzug vom Land in die großen Städte absehbar ist. Im ländlichen Raum lehnen mehr als zwei Drittel einen Wegzug ab. Der einstige Sehnsuchtsort Stadt scheint nicht mehr zu ziehen. Besonders Familien mit Kindern und Menschen in der Familiengründungsphase streben laut Ifo-Institut ins Umland oder in kleinere Städte.

Die entscheidende Voraussetzung für der Bewegung aus den Städten hinaus auf das Land ist – wie einst bei der Flucht vom Land in die Städte – der technologische Fortschritt. So sind heute auch weit abgelegene Orte relativ schnell erreichbar geworden. Pendeln ist für Berufstätige eine fast selbstverständliche Option geworden. Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte und andere Dinge sind näher gerückt.

Das Internet hat diese Entwicklung noch weiter beschleunigt. Denn selbst Banking, das Einkaufen und zunehmend sogar das Arbeiten sind nun von zuhause aus möglich. Aber auch wenn der technologische Fortschritt nun für viele eine Rückkehr auf das Land möglich gemacht hat, so fragt man sich doch, warum die Menschen diese neue Möglichkeit auch tatsächlich nutzen. Was versprechen sie sich vom Leben auf dem Land für Vorteile gegenüber dem Stadtleben?

Die Liebe zum Landleben gibt es seit der Antike. So schwärmte die römische Elite vom Leben auf dem Landgut und in der Natur, wo sie die Sommer verbrachte, wenn die Stadt Rom, die wahrscheinlich schon im 1. Jahrhundert mehr als eine Million Einwohner zählte, zu heiß wurde. Zwar blieb der Hauptwohnsitz der römischen Elite natürlich in der Stadt, denn hier fand das soziale, kulturelle und politische Leben statt, das man nicht missen wollte, doch der Landsitz war Ort der Ruhe und Entspannung. Zudem galt das einfache Landleben, wie es einst die verehrten Vorfahren geführt hatten, als ein Ideal.

Im 21. Jahrhundert reicht das soziale, kulturelle und politische Leben nun mithilfe des Internets bis in das abgelegenste deutsche Dorf. Damit ist einer der letzten Nachteile des Landlebens verschwunden, während zugleich die Vorteile gegenüber der Stadt bestehen bleiben. Allerdings sind die Immobilienpreise hierzulande inzwischen auch auf dem Land enorm. Sicherlich spielt die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank dabei eine erhebliche Rolle. Immobilien gelten auch nach vielen Jahren mit erheblichen Preisanstiegen weiterhin als gute Geldanlage oder zumindest als guter Schutz gegen Inflation.

Doch ein Grund für die hohen deutschen Immobilienpreise ist daneben auch schlicht die Tatsache, dass Deutschland trotz seiner extrem niedrigen Geburtenraten ein vergleichsweise volles Land ist. Die Einwohnerdichte hierzulande liegt bei 235 Einwohnern pro Quadratkilometer. Das ist mehr als doppelt so viel wie der Durchschnitt in der Europäischen Union von 109 Einwohnern pro Quadratkilometer. Es ist also kaum verwunderlich, dass die Immobilienpreise hierzulande vergleichsweise hoch sind. Noch dichter besiedelt als Deutschland sind in der EU nur Belgien (377), die Niederlande (507) und Malta (1595).

Am dünnsten besiedelt sind Finnland mit 18 Einwohnern pro Quadratkilometer und Schweden mit 25. Selbst das am dünnsten besiedelte deutsche Bundesland Mecklenburg-Vorpommern ist mit 69 Einwohnern pro Quadratkilometer um ein Vielfaches voller mit Menschen. In der Folge sind die Immobilien in Schweden und Finnland nicht nur günstiger, sondern sie sind in der Regel auch deutlich größer, werden sozusagen in Hektar gemessen statt in Quadratmetern.

Schweden ist seit vielen Jahren ein beliebtes Ziel für deutsche Auswanderer. Auch im vergangenen Jahr wanderten offiziell 1.804 Deutsche dorthin aus, während 972 Deutsche wieder nach Deutschland zurückkehrten. In den zehn Jahren zuvor gingen offiziell 17.747 Deutsche nach Schweden, während nur 10.147 zurückkehrten. In keinem anderen Auswanderungsziel ist der Anteil der deutschen Auswanderer, denen es in der neuen Heimat gefällt und die folglich nicht wieder nach Deutschland zurückkommen, so hoch wie in Schweden, wie der Ratgeber Auswandern Info berichtet.

Im vergangenen Jahr wanderten nach offiziellen Zahlen mehr Deutsche nach Schweden aus, als im Schnitt der zehn vorangehenden Jahre, und weniger Deutsche kehrten in ihre alte Heimat zurück. Die Corona-Krise hat Schweden offenbar zusätzlich attraktiv gemacht. Denn die Einschränkungen waren hier von Anfang an deutlich gemäßigter als in Deutschland und den meisten anderen Staaten der Welt. Zwar verhängte die schwedische Regierung unter anderem Abstandsregeln in den Geschäften sowie eine Obergrenze von acht Teilnehmern bei Veranstaltungen. Zudem mussten Restaurants vorübergehend schon 20:30 Uhr schließen. Aber zum Beispiel hat es bis auf einige Ausnahmen keine Maskenpflicht gegeben.

Inzwischen scheint Corona in Schweden vorbei zu sein. Zwar wird zum Beispiel bei Ikea weiterhin empfohlen, dass sich die Kunden nicht näher als 1,50 Meter kommen, aber eine Gesichtsmaske ist nicht vorgeschrieben und Corona-Tests oder Impfnachweise sind dort auch nicht nötig. Diese gemäßigten Corona-Maßnahmen erklären die gewachsene Attraktivität Schwedens für jene zahlreichen Deutschen, die mit der deutschen Corona-Politik nicht einverstanden sind.

Im Übrigen könnten die tatsächlichen Zahlen zur deutschen Einwanderung nach Schweden um ein Vielfaches höher ausfallen. Denn als Deutscher kann man in Schweden eine lange Zeit legal leben, ohne sich bei den Behörden anzumelden. Erst wenn man länger als ein Jahr am Stück im Land bleiben möchte, ist man rechtlich verpflichtet, sich bei der Steuerbehörde anzumelden. Ein erheblicher Teil der deutschen Corona-Flüchtlinge ist daher in den letzten Zahlen wohl (noch) nicht erfasst.

Offiziell leben heute 29.505 Deutsche in Schweden, und wie auch die bereits erwähnte geringe Zahl der Rückkehrer nahelegt, sind sie in Schweden zufrieden und gut integriert. Ausländer werden in Schweden traditionell mit offenen Armen empfangen. Die Einwanderer kamen in den 60er Jahren vor allem aus Europa und der Türkei, später aus dem Irak, Iran, Libanon und Eritrea, ab der Jahrtausendwende auch aus Afghanistan und Somalia und mit der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 in großen Zahlen aus Syrien.

Während die im Rahmen der Corona-Krise neu in Schweden ankommenden Deutschen davon profitieren, dass sich deutsche Auswanderer in der Vergangenheit gut in Schweden integriert haben und dass die Schweden daher in der Regel eher positiv gegenüber den Deutschen eingestellt sind, zeigt sich bei den schon länger in Schweden lebenden Deutschen oft weniger Begeisterung über die neu ankommenden Corona-Flüchtlinge.

Denn auch wenn die Corona-Maßnahmen in Schweden gemäßigter waren, so wird doch auch dort Corona als gefährliche Krankheit angesehen, was sich zum Beispiel in den hohen Impfquoten niederschlägt. Auch die schon länger in Schweden lebenden Deutschen sind in der Regel weniger kritisch gegenüber dem Corona-Kurs der deutschen Bundesregierung als die neu ankommenden, die zu großen Teilen starke Gegner der deutschen Corona-Politik sind. Denn wer Angst vor Corona hat, der wird eine Auswanderung nicht ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Pandemie vollziehen, wie die letzten deutschen Auswanderungszahlen in die meisten anderen Länder der Welt zeigen.

Als Faustregel gilt, dass die Häuserpreise in Schweden umso billiger werden, je weiter man nach Norden fährt. Auffällig ist zudem, wie stark die Preise innerhalb einer Region variieren können. Sehr ähnliche, nicht weit voneinander entfernte Grundstücke können zu sehr verschiedenen Preisen den Besitzer wechseln. Ein Grund dafür besteht darin, dass Schwedens Immobilienmarkt extrem gewachsen ist. Die Preise für Häuser und Wohnungen sind in den letzten Jahren um ein Vielfaches gestiegen, mitunter um den Faktor 10 oder mehr. Oft wissen weder Verkäufer noch Käufer, wie viel eine Immobilie für den jeweils anderen inzwischen wert sein könnte.

Laut Zahlen der OECD aus dem ersten Quartal ist Schweden hinter Neuseeland und Kanada einer der weltweit am stärksten überhitzten Immobilienmärkte. Innerhalb von nur zwölf Monaten sind die Immobilienpreise dort nominal um 13 Prozent gestiegen, in Deutschland im selben Zeitraum hingegen "nur" um 8,1 Prozent.

Der Ansturm der Corona-Flüchtlinge – nicht nur aus Deutschland – dürfte seinen Teil zum anhaltenden Immobilienboom in Schweden beigetragen haben. Doch auch wenn der schwedische Häusermarkt stark überhitzt ist, so sind die Preise gerade im Norden des Landes aus den oben genannten Gründen immer noch um ein Vielfaches niedriger als in Deutschland. Während hierzulande viele junge Familien nur davon träumen können, vielleicht irgendwann einmal ein Haus im Grünen zu erwerben, so ist dies in Schweden noch immer gut möglich – auch für Deutsche.

Zudem ist der Hauskauf in Schweden viel einfacher als in Deutschland. Der Vorgang ähnelt dem Gebrauchtwagenkauf. Im Wesentlichen unterzeichnen Käufer und Verkäufer im Beisein von zwei selbst gewählten Zeugen den Kaufvertrag und laden ihn zusammen mit einem Scan des Reisepasses auf der Webseite der zuständigen Behörde hoch. Eine schriftliche Bestätigung kommt wenig später per Post. Ein Notar ist dafür nicht erforderlich, die vom Käufer zu zahlende Stempelsteuer ist vergleichsweise gering.

Im Übrigen kann man die Immobilien in der schwedischen Einöde nicht nur vergleichsweise günstig und leicht erwerben, sondern auch das Wohnen zur Miete ist für viele Deutsche eine gute Option. In vielen ländlichen Gegenden stehen auch aufgrund der Stadtflucht der letzten Jahrzehnte zahlreiche Häuser leer. Sicherlich ist der Standard meist nicht mit Deutschland zu vergleichen. So muss man zum Beispiel oft mit Holz heizen, was im kalten schwedischen Winter durchaus eine Herausforderung sein kann. Doch wie die Zahlen zeigen, gewöhnen sich die meisten Deutschen schnell an das schwedische Landleben und wollen es bald nicht mehr missen.


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