Deutschland

Erzeugerpreise steigen so stark wie seit 1975 nicht mehr

Rohstoffmangel, Lieferprobleme, große Nachfrage: Die deutschen Hersteller haben ihre Preise im Juli angesichts von Engpässen so stark angehoben wie seit über 46 Jahren nicht mehr.
20.08.2021 10:42
Aktualisiert: 20.08.2021 10:42
Lesezeit: 1 min

Rohstoffmangel, Lieferprobleme, große Nachfrage: Die deutschen Hersteller haben ihre Preise im Juli angesichts von Engpässen so stark angehoben wie seit über 46 Jahren nicht mehr. Die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte stiegen um 10,4 Prozent zum Vorjahresmonat, teilte das Statistische Bundesamt am Freitag mit. Ein größeres Plus gab es zuletzt im Januar 1975, als die Preise im Zusammenhang mit der ersten Ölkrise stark gestiegen waren. Von Reuters befragte Ökonomen hatten lediglich 9,2 Prozent erwartet, nachdem die Steigerungsrate im Juni noch 8,5 Prozent betragen hatte. Neben Energie verteuerten sich vor allem Vorprodukte wie Holz und Stahl.

„Die Preiskapriolen bei den Grundstoffen für die deutsche Wirtschaft werden immer heftiger“, sagte Ökonom Elmar Völker von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). „Der Preisdruck auf den vorgelagerten Stufen der Wirtschaft wird somit immer eklatanter und rüttelt zunehmend an der von Finanzmärkten und Notenbanken weithin akzeptierten Erzählung, dass ansteigende Inflationsraten lediglich ein temporäres Phänomen darstellen.“

Die Produzentenpreise gelten als Frühindikator für die Entwicklung der Inflation. In der Statistik werden die Preise ab Fabrik geführt - also bevor die Produkte weiterverarbeitet werden oder in den Handel kommen. Sie können damit einen frühen Hinweis auf die Entwicklung der Verbraucherpreise geben. „Je länger der Preisdruck auf den vorgelagerten Stufen derart hoch bleibt, desto mehr steigt die Gefahr, dass dieser auch nachhaltig auf die Konsumentenpreisebene überspringt“, sagte Völker. Die Inflationsrate liegt mit 3,8 Prozent aktuell bereits so hoch wie seit 1993 nicht mehr und könnte sich Ökonomen zufolge nun Richtung fünf Prozent bewegen.

Von A wie Aluminium bis Z wie Zellstoffvlies: Materialengpässe und höhere Beschaffungskosten belasten inzwischen die große Mehrheit der Unternehmen. Daher haben 88 Prozent mit höheren Einkaufspreisen zu kämpfen, wie der Deutsche Industrie- und Handelskammertages (DIHK) bei seiner Umfrage unter fast 3000 Betrieben herausfand. Die Folge: Zwei Drittel sehen sich gezwungen, gestiegene Kosten an ihre Kunden weiterzugeben. „Rohstoffmangel und Lieferkettenprobleme treffen die deutsche Wirtschaft in ihrer ganzen Breite“, sagte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier.

Energie verteuerte sich im Juli um durchschnittlich 20,4 Prozent. Grund dafür sei vor allem ein Basiseffekt aufgrund der im Frühjahr 2020 im Zuge der Pandemie stark gefallenen Preise, hieß es. Auch die seit Januar teilweise zusätzlich anfallende deutsche CO2-Bepreisung auf Brennstoffe wie Mineralölerzeugnisse und Erdgas hatte einen Einfluss. Vorleistungsgüter wurden 15,6 Prozent teurer. Nadelschnittholz kostete 111 Prozent mehr als im Juli 2020. Metallische Sekundärrohstoffe aus Eisen-, Stahl- und Aluminiumschrott (+100 Prozent), aber auch Betonstahl in Stäben (+82 Prozent) kosteten erheblich mehr. Bei Roheisen, Stahl und Ferrolegierungen lag der Aufschlag bei 52,3 Prozent.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Unternehmen
Unternehmen Remote-Jobs werden knapper: Der Kampf ums Homeoffice nimmt zu
03.04.2026

Der Arbeitsmarkt für Remote-Arbeit verändert sich spürbar, während Unternehmen ihre Strategien neu ausrichten und die Nachfrage nach...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Wochenrückblick KW 14: Die wichtigsten Analysen der Woche
02.04.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 14 aus dem Jahr 2026 fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...

DWN
Politik
Politik Orbán oder von der Leyen: Wahlen in Ungarn werden Europa verändern - steht die EU vor einem Machtverlust?
02.04.2026

Die Parlamentswahl am 12. April in Ungarn rückt nicht nur die Zukunft von Viktor Orbáns politischem System sondern auch die Zukunft der...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street gibt nach
02.04.2026

Ein nervenaufreibender Handelstag an den Märkten: Erfahren Sie, welche überraschenden Faktoren die Kurse jetzt in Bewegung halten.

DWN
Politik
Politik BlackRock: Investmentpläne vor Iran-Angriff? Pete Hegseths BlackRock-Investition im Fokus
02.04.2026

Während des Iran-Krieges rücken mögliche frühere Verbindungen zwischen US-Verteidigungsminister Pete Hegseth, BlackRock und den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Russland stoppt Benzinexporte: Angriffe auf Raffinerien führen zu Exportstopp
02.04.2026

Drohnenangriffe treffen Energiesektor: Das russische Gastankschiff "Arctic Mategaz" war Anfang März vor der Küste Libyens nach...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kfz-Steuer-Prämie aufs Konto geplant: Bundesregierung prüft Entlastung für Autofahrer
02.04.2026

Die Bundesregierung prüft neue Wege, um Bürger angesichts hoher Kraftstoffpreise schneller finanziell zu entlasten, und setzt dabei auf...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europa vor neuer Belastungsprobe: Energiepreise steigen weiter
02.04.2026

Die globale Energiekrise verschärft sich durch geopolitische Spannungen im Nahen Osten und setzt die Energiemärkte zunehmend unter Druck....