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Politik verweigert Afghanistan-Veteranen den Großen Zapfenstreich

Lesezeit: 3 min
26.08.2021 13:38  Aktualisiert: 26.08.2021 13:38
Ursprünglich sollte der Große Zapfenstreich für die Afghanistan-Veteranen am 31. August stattfinden. Jetzt ist der Termin verschoben worden - auf unbestimmte Zeit.
Politik verweigert Afghanistan-Veteranen den Großen Zapfenstreich
Der Große Zapfenstreich ist die höchste Form der militärischen Ehrenbezeugung. Hier wird die Zeremonie am 11. November 2015 vor dem Reichstagsgebäude in Berlin begangen. (Foto: dpa)

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Damit eröffnete Klaus Kleber gestern das HEUTE JOURNAL: „Guten Abend, der Lauf der Welt unterbrach die Sommerpause des Bundestages. 700 plus Abgeordnete wurden nach Berlin gerufen für eine Sondersitzung über gleich drei Katastrophen. Die Pandemie, die Fluten an Ahr und Erft und - das Wichtigste und Dringendste von allem - der Kollaps der Afghanistan-Politik. Man könnte die Hilflosigkeit der westlichen Allianz inklusive Berlins dabei als vierte Katastrophe mitzählen. Die Kanzlerin hatte einiges zu erklären … .“

Wer geglaubt hatte, Berlin hätte aus der geballten Kraft der Katastrophen dazugelernt, wurde in der Sendung eines Besseren belehrt – was zugegebenermaßen den jahrelangen Beobachter nicht überrascht, da sich schon in den zurückliegenden Katastrophen wie der NSA-Affäre, der Abgas-Affäre, dem Berliner Flughafenausbau, dem Wirecard-Skandal und den diversen Korruptionsaffären im Zuge der Corona-Pandemie gezeigt hat, wie sehr Verdrängung inzwischen gesellschaftsübergreifend in unser Erbgut vorgedrungen ist. Aus ihr quillt nicht nur die beständige Bereitschaft hervor, wegzuschauen und sich jeder neuen Idee zu versagen. Sie ist durchaus auch Quelle für „kreativ-schöpferische“ Leistungen, mit denen Verdrängung immer wieder auf vollkommen neue Niveaus gehoben wird ... so wie gestern Abend.

Nachdem das HEUTE JOURNAL in einem ersten Beitrag eine konfliktreiche Komödie aus dem Deutschen Bundestag gezeigt hatte, die wie jede Komödie in einem Happy End mündete – in trauter Eintracht wurde die Afghanistan-Mission nachträglich abgesegnet –, interviewte Klaus Kleber die deutsche Verteidigungsministerin, Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). Sie demonstrierte in großer Perfektion, was deutschen Politikern von PR-Experten verordnet worden ist, um das Versagen in Afghanistan so zu kommunizieren, dass die deutsche Bevölkerung nicht den Eindruck

gewinnt, sie müsse dieses bei der Bundestagswahl berücksichtigen: Mit fast bebender und demütiger Stimme – „meine Frau meinte, sie würde fast weinen" – beschwor die Ministerin die Gefahr terroristischer Anschläge, sprach von der größten Evakuierungsmission in der deutschen Geschichte und ließ die Zuhörer erneut wissen, dass sie für diese Mission Verantwortung übernehme. Doch wie jede gute Komödie, die als Serie ausgelegt ist, hielt sie die Spannung aufrecht bezüglich der Frage, ob das dann auch ihren Rücktritt bedeuten könnte.

Zuweilen ist es schwer, in Komödien den tieferen Sinn zu entdecken als den, der über die Unterhaltung hinausgeht. Zu sehr konzentriert man sich auf das Schauspiel statt auf das einzelne Wort. Doch die Beständigkeit, mit der die Ministerin das Versagen wie auch das Interview dazu nutzte, eine Steigerung der militärischen Kampfkraft von einer Steigerung der Rüstungsausgaben abhängig zu machen, war überaus auffällig. Bei derartigen Diskussionen bleibt vollkommen unreflektiert, was mit all den jährlichen Milliardenausgaben passiert ist, und ich argumentiere schon seit Jahren, dass unsere Streitkräfte - neben der Bildung - eine der größten Leidtragenden fehlgeleiteter Politik in unserem Lande sind.

Statt dass die deutsche Politik dem Volk erklärt,

was sie im Interesse der Lobbyisten durchsetzt,

sollte sie Lobbyist der Interessen des Volkes sein

und dazu auch die Lobbyisten auffordern,

ihre Interessen so auf die Interessen des Volkes abzustimmen,

dass beide Seiten bestmöglich dem Volk dienen

und alle Seiten ihre gemeinsame Zukunft in Deutschland sichern.

Die Bundeswehr wie auch die wehrtechnische Industrie müssen gestärkt werden, weil die Welt eben so ist, wie sie ist. Es bedarf jedoch einer Sicherheitspolitik entlang von Lage- statt von Feindbildern, in der das Staatswohl und der Schutz der Soldaten oberste Prioritäten sind. Wie sehr es gerade auch an letzterem mangelt, wird schon deutlich, wenn man sich allein den Umgang mit den Veteranen der Bundeswehr ansieht.

Doch das Interview der Verteidigungsministerin hatte noch mehr zu bieten. Höhepunkt der Komödie war, wie im letzten Akt die Ministerin und Klaus Kleber den Großen Zapfenstreich bejubelten, von dem die deutsche Politik sagt, sie wolle mit ihm ihre Achtung gegenüber den Afghanistan-Veteranen ausdrücken und der gefallenen Soldaten gedenken. Das Interview endete dann allerdings - ohne jede Nachfrage von Kleber – mit Kramp-Karrenbauers Aussage, dass vor der Bundestagswahl dafür kein Platz sei.

Worte beschreiben Werte.

Ihr Gewicht entblößt sich durch Handlung.

Dazu muss man wissen, dass man sich bereits Mitte Juli eigentlich parteiübergreifend darauf verständigt hatte, den Großen Zapfenstreich am 31. August stattfinden zu lassen. Dieses Beispiel zeigt auf eindringlichste Weise, wie sehr sich der Einsatz von Soldaten und Politikern unterscheidet: Während die Soldaten in der Regel kämpfen müssen und sich nur zurückziehen, wenn die Übermacht des Feindes das erzwingt, ziehen sich Politiker bei Gegenwind fast immer zurück und kämpfen nur, wenn kein Feind zu sehen ist. „Die Stimmung unter den Veteranen ist grottenschlecht“, hat der Vorsitzende des Bundes Deutscher Einsatzveteranen, Bernhard Drescher, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) gesagt. Da kann man dann schon verstehen, dass man einen solchen Termin auf die lange Bank schiebt und den Auftritt dem Nachfolger überlässt.

Bernd Liske (Jg. 1956 / studierter Mathematiker) ist Inhaber von "Bernd Liske Informationsmanagementsysteme". In seinen Büchern und Artikeln setzt er sich mit sozialen, politischen und wirtschaftlichen Problemen unserer Gesellschaft auseinander. Unter anderem stellt er Wege zur Diskussion, wie die westlichen Demokratien eine nachhaltige Zukunft gestalten können.


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