Deutschland

Konjunkturelle Trendwende: Ifo-Index sinkt zum dritten Mal in Folge

Glaubt man den Untersuchungen des Ifo-Instituts vollzieht sich derzeit eine Wende hin zum Wirtschaftsabschwung.
24.09.2021 10:00
Aktualisiert: 24.09.2021 10:22
Lesezeit: 2 min
Konjunkturelle Trendwende: Ifo-Index sinkt zum dritten Mal in Folge
Ein Containerschiff wird am Containerterminal Tollerort der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) entladen. (Foto: dpa) Foto: Christian Charisius

Die Stimmung in den Chefetagen der deutschen Unternehmen hat sich im September zum dritten Mal in Folge verschlechtert. Der Ifo-Geschäftsklimaindex sank auf 98,8 Punkte von 99,6 Zählern im August, wie das Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut am Freitag zu seiner Umfrage unter 9000 Managern mitteilte.

Beim dritten Rückgang in Folge sprechen Fachleute von einer konjunkturellen Trendwende. "Die Probleme bei der Beschaffung von Rohstoffen und Vorprodukten bremsen die deutsche Konjunktur", sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Die Manager beurteilten ihre Lage und die Geschäftsaussichten für die kommenden sechs Monate skeptischer als zuletzt.

Im Verarbeitenden Gewerbe trübte sich die Stimmung deutlich ein. Die Unternehmen schätzten ihre aktuelle Lage merklich weniger gut ein. "Ein stärkerer Rückgang war zuletzt im Mai 2020 beobachtet worden", erklärte Fuest. Auch der große Optimismus bei den Erwartungen aus dem Frühjahr sei fast verschwunden. Die Auftragsbücher seien noch immer gut gefüllt, aber die Neubestellungen flachten ab. "Fast 80 Prozent der Industriebetriebe klagen über Engpässe bei Vorprodukten, nach 70 Prozent im Vormonat", sagte Ifo-Konjunkturexperte Klaus Wohlrabe im Reuters-Interview. "Die Lager in der Industrie sind leergefegt." Diese Knappheit werde zumindest teilweise über Produkte an Kunden weitergegeben und dürfte Preiserhöhungen zur Foge haben.

Im Dienstleistungssektor hellte sich das Klima auf - wegen besserer Erwartungen. "Im Gastgewerbe und Tourismus ist nach der großen Skepsis im Vormonat eine gewisse Zuversicht zurückgekehrt", betonte Fuest. In der Logistik jedoch trübten sich die Aussichten ein, im Gleichklang mit der Industrie. Im Handel stagnierte die Stimmung weitgehend. "Eine große Mehrheit der Händler berichtete von Lieferproblemen bei der Beschaffung." Im Bauhauptgewerbe verbesserte sich das Geschäftsklima deutlich. Die Beurteilung der Lage stieg laut Ifo auf den höchsten Stand seit März 2020. Auch die Erwartungen hellten sich merklich auf.

Die deutsche Wirtschaft war wegen der Corona-Krise Anfang des Jahres um zwei Prozent geschrumpft, dann aber im Zuge der Lockdown-Lockerungen im Frühjahr um 1,6 Prozent gewachsen. Trotz Lieferengpässen bei wichtigen Vorprodukten gehen viele Ökonomen davon aus, dass sich das Wachstum im laufenden Sommer-Quartal beschleunigt haben dürfte. Das Kieler IfW-Institut etwa erwartet, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 2,2 Prozent zum Vorquartal zulegt.

Das sagen Ökonomen zum Rückgang

JENS-OLIVER NIKLASCH, LANDESBAND BADEN-WÜRTTEMBERG

"Der Rückgang für den Gesamtindex war in etwa zu erwarten. Das Ergebnis wäre aber besser zu verkraften, wenn nicht gerade der Lageindex vergleichsweise deutlich gesunken wäre. Es dürfte uns damit ein schwieriges viertes Quartals ins Haus stehen, in dem die Lieferkettenthematik Corona als Hauptrisiko sogar ablösen könnte. Und Corona ist ja keineswegs vorbei. Alles in allem also eher unerfreuliche Neuigkeiten aus München."

BASTIAN HEPPERLE, BANKHAUS LAMPE

"Weiterhin beeinträchtigen insbesondere hartnäckige Beschaffungsprobleme, die sich im September nochmals verschärft haben, die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe und sorgen für lange Lieferzeiten. Die Auftragsbücher sind jedoch weiterhin gut gefüllt und die noch offenen Aufträge auf Rekordstand. Zu einer spürbaren Entspannung bei den Lieferkettenproblemen wird es aber wohl erst im kommenden Jahr kommen. Der Produktion und der Stimmung dürfte dies dann einen neuen Schub verleihen."

FRITZI KÖHLER-GEIB, KFW

"Die letzten Meter sind die schwersten. Das gilt wohl auch für den Weg der deutschen Wirtschaft zurück zum Vorkrisenniveau, wie die aktuelle Eintrübung beim Ifo-Index unterstreicht. Vor allem Engpässe bei Materialien, Vorprodukten und Frachtkapazitäten bremsen die Produktion schon seit Monaten und belasten zunehmend auch den Handel. Aufgrund der Vielfalt der Störfaktoren ist es derzeit leider sehr schwer abzuschätzen, wann es angebotsseitig zu einer Besserung kommt."

ANDREAS SCHEUERLE, DEKA

"Alles hat ein Ende – auch der Höhenflug des Ifo-Geschäftsklimas. Nach drei Rückgängen in Folge ist es nun offiziell auf einen Abwärtstrend eingeschwenkt. Zwei Faktoren spielen dabei eine wesentliche Rolle: Zum einen die Liefer- und Transportengpässe, die der Industrie Fesseln anlegten. Die Hoffnung, die man noch vor einem halben Jahr hatte, dass sich die Fesseln im zweiten Halbjahr lockern, sind verflogen. Zum anderen läuft der Aufholboom nach dem Ende des Lockdowns aus, weshalb die Unterstützung durch die Dienstleistungsbranchen geringer wird."

*****

Zur aktuellen Umfrage des Ifo-Instituts gelangen Sie hier.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gold als strategischer Anker: Warum physische Substanz zählt

Wo sich die wirtschaftlichen Gewichte grundlegend verschieben, suchen Unternehmen sowie Privatanlegerinnen und Privatanleger nach...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: „Blaue Welle“ lässt Aktienmärkte steigen – Ölpreise auf Talfahrt
04.11.2026

Erfahren Sie, wie die neuesten politischen Entwicklungen in den USA die Finanzmärkte bewegen und welche Branchen jetzt im Fokus stehen.

DWN
Politik
Politik Stromumlage ab 2031 geplant: Stromverbraucher sollen neue Gaskraftwerke finanzieren
04.11.2026

Elf Kraftwerksprojekte erhalten Geld dafür, Strom für Dunkelflauten bereitzuhalten. Die Kosten sollen auf alle Stromverbraucher umgelegt...

DWN
Technologie
Technologie Digitale Souveränität: Wie Trump Europas Cloud-Abhängigkeit offenlegt
04.11.2026

Europäische Unternehmen speichern ihre Daten in heimischen Rechenzentren und verlassen sich auf deren Sicherheit. Doch der...

DWN
Technologie
Technologie Dacia Duster im Test: Wenn die Reichweite an der Grenze zur Unwahrscheinlichkeit liegt
04.11.2026

1.410 Kilometer Reichweite, Allradantrieb und drei Antriebstechnologien in einem Auto: Der Dacia Duster Hybrid 4x4 verspricht erstaunlich...

DWN
Politik
Politik Die Amerikaner haben uns bislang erfolgreich gespalten
04.11.2026

Russland gilt seit Jahren als Meister der Einflussnahme auf Europa. Doch inzwischen richtet sich der Blick zunehmend auf Washington. Auch...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Maschinenbau: 14 Prozent mehr Aufträge im September
04.11.2026

14 Prozent mehr Aufträge im September, vor allem aus dem Inland: Für den Maschinenbau ist das ein Hoffnungsschimmer. Doch der starke...

DWN
Politik
Politik Pleitewelle erwartet: Krankenhäuser fürchten neue Milliardenlöcher und Insolvenzen
04.11.2026

Die Finanzlöcher deutscher Krankenhäuser werden immer tiefer: Eine Welle von Klinik-Insolvenzen wird erwartet. Um gegenzusteuern, wollen...

DWN
Finanzen
Finanzen Wie reagiert die EZB? Inflationsrate in Eurozone steigt im Oktober auf 4,0 Prozent
04.11.2026

Die Inflation in der Eurozone ist im Oktober auf den höchsten Stand seit über drei Jahren gestiegen. Damit entfernt sich die Teuerung...