Deutschland

Stimmung im Keller: Mehrere Umfragen deuten auf Konjunktureinbruch hin

Glaubt man mehreren aktuellen Umfragen, findet derzeit ein Wirtschaftsabschwung statt.
04.10.2021 10:49
Aktualisiert: 04.10.2021 10:49
Lesezeit: 3 min

Die immer schneller steigenden Preise drücken dem Einzelhandelsverband HDE zufolge die Stimmung der deutschen Verbraucher. Das Konsumbarometer für die kommenden drei Monate sei im Oktober bereits zum dritten Mal in Folge gesunken, wie der HDE am Montag zu der Umfrage unter 1600 Personen mitteilte. „Dass sich die Verbraucherstimmung insgesamt erneut eintrübt, liegt vor allem in den gestiegenen Preiserwartungen“, hieß es. „Insbesondere das weiterhin hohe Niveau der Inflationsrate scheint sich auf die Preiserwartungen auszuwirken und die Stimmung zu dämpfen.“ Die Teuerungsrate ist im September vor allem wegen höherer Energiepreise mit 4,1 Prozent auf den höchsten Stand seit 1993 geklettert.

In den nächsten Monaten dürfte die Entwicklung der Corona-Pandemie der zentrale Impulsgeber für die Konsumlaune bleiben, so der HDE. Zudem würden die Verbraucherinnen und Verbraucher kurz nach der Bundestagswahl eine eher abwartende Haltung einnehmen. „Somit wird auch der Start einer neuen Bundesregierung Einfluss auf die Stimmung haben“, hieß es. Aktuell lasse sich daher keine klare Entwicklungsrichtung für den privaten Konsum feststellen. „Große Ausschläge nach oben oder unten sind daher erst einmal nicht zu erwarten“, erwartet der Branchenverband.

Die Stimmung im deutschen Mittelstand hat sich im September bereits den dritten Monat in Folge eingetrübt. Das Barometer fiel um 1,7 auf 5,3 Punkte, wie die staatliche Förderbank KfW am Montag zu der Unternehmensumfrage des Ifo-Instituts unter Tausenden Mittelständlern mitteilte. Dabei trübten sich sowohl die Geschäftserwartungen als auch die Beurteilung der aktuellen Lage ein - letztere zum ersten Mal seit Januar. „Die letzten Meter sind die schwersten - das gilt wohl auch für den Weg des deutschen Mittelstands aus der Corona-Krise“, sagte KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib. „Vor allem Engpässe bei Materialien, Vorprodukten und Frachtkapazitäten bremsen die Produktion schon seit Monaten und könnten auch zunehmend den Handel belasten.“ Wann es hier zu einer Besserung komme, sei nur schwer abzuschätzen.

Vor allem das Verarbeitende Gewerbe zieht derzeit die Stimmung in der Wirtschaft nach unten. Dabei sind deren Exporterwartungen nach wie vor gut, ebenso die Nachfrage nach deutschen Industrieprodukten. Allerdings kommt die Produktion nicht hinterher. Hemmschuh seien dabei die zahlreichen Engpässe bei Materialien, Vorprodukten und Lieferkapazitäten, so die KfW.

Stimmung in der Autobranche im Keller

Nach einem kurzen Sommerhoch wird die Stimmung in der deutschen Autoindustrie immer schlechter. Im September stürzte der Teilindex des Münchner Ifo-Instituts für die aktuelle Lage den zweiten Monat in Folge deutlich ab. Inzwischen liegt er bei nun noch 13,2 Punkten, wie die Wirtschaftsforscher am Montag mitteilten. Das sind 18,8 Punkte weniger als im August und 39,7 weniger als im Juli, als der Index ein Mehrjahreshoch erklommen hatte.

«Aktuelle Zahlen zeigen, dass die Autobranche die am stärksten von Lieferengpässen mit Vorprodukten betroffene Branche ist», erklärte Oliver Falck vom Ifo-Institut die Entwicklung. Zudem fielen im Inland der Auftragsbestand und Nachfrage.

Positive Impulse sieht man beim Ifo einzig aus dem Ausland: Die Exporterwartungen zogen an. Allerdings warnt Falck, «dass die Unsicherheit vieler Konsumenten in China durch die Krise des Immobilienentwicklers Evergrande auf die Stimmung der deutschen Autobauer drückt». Diese produzierten inzwischen mehr Autos in China als in Deutschland.

Börsenanleger skeptischer

Auch Börsenspekulanten blicken zunehmend skeptischer auf die Konjunktur im Euro-Raum. Das von der Investment-Beratungsfirma Sentix ermittelte Barometer fiel im Oktober um 2,7 auf 16,9 Zähler. Dies ist der dritte Rückgang in Folge und zugleich der tiefste Wert seit April. Zum einen verschlechterte sich die Lagebeurteilung der 1067 befragten Anleger und Investoren, wie aus der am Montag veröffentlichten monatlichen Umfrage hervorgeht. Zudem anderen fiel das Barometer für die Aussichten den fünften Monat in Folge und sackte auf den tiefsten Stand seit Mai 2020.

Die Dynamik der Wirtschaftserholung verlangsame sich weiter, erklärte Sentix die Entwicklung. Dies gelte nicht nur für die Eurozone, sondern auch für andere große Regionen wie die USA oder Asien. Der Erholungsprozess gerate ins Stocken, wobei unklar sei, ob es sich um eine Trendwende oder eine konjunkturelle Verlangsamung handele. Allerdings verliere einer der wesentlichsten Faktoren für die bisherige Konjunkturbelebung an Kraft: die Geldpolitik großer Notenbanken. Steigende Inflationsdaten setzten die Währungshüter zunehmend unter Druck, ihre Unterstützungsmaßnahmen auslaufen zu lassen oder zu reduzieren.

„Damit signalisiert der anhaltende Momentum-Verlust keinerlei Herbstbelebung, die typischerweise in dieser Jahreszeit einsetzt“, lautet das Fazit von Sentix-Geschäftsführer Patrick Hussy. Offen bleibe, ob es sich um eine Trendwende oder nur um ein langsameres Wachstum handele. Sollten die Erwartungswerte unter die Nulllinie fallen, „dann wäre ein stärkerer Einbruch der Wirtschaftsleistung zu erwarten.“

Mit Blick auf Deutschland verschlechterte sich der Gesamtindex nur leicht um 0,9 auf 20,0 Punkte. Die Lage trübte sich zwar ein. „Die Erwartungswerte senden aber mit einem Plus von 2,7 Punkten sogar ein kleines Hoffnungssignal.“ Dies sei als erste Reaktion nach der Bundestagswahl zu werten - „nachdem das 'Schreckgespenst' einer möglichen rot-rot-grünen Koalitionsregierung vom Tisch ist“, betonte Hussy. Die Parteien sollten nun eine Hängepartie vermeiden und rasch eine Regierung bilden, um bei den Bremseffekten der Konjunktur gegenzusteuern.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Politik
Politik NATO unter Druck: USA drängen auf Ende der Irak-Mission und Truppenabbau im Kosovo
20.02.2026

Die USA drängen in der NATO auf einen Kurswechsel und stellen Auslandseinsätze zunehmend infrage. Steht das Bündnis vor einer...

DWN
Finanzen
Finanzen EZB verhängt Millionenstrafe gegen US-Großbank J.P. Morgan
20.02.2026

Die EZB nimmt das amerikanische Geldhaus ins Visier, weil es den Aufsehern über Jahre falsche Zahlen gemeldet habe. Damit hat J.P. Morgan...

DWN
Politik
Politik KEF-Bericht: Kommt eine neue Empfehlung zum Rundfunkbeitrag?
20.02.2026

Eine Expertenkommission legt einen neuen Bericht zum Rundfunkbeitrag vor. Diesmal könnte auch eine aktualisierte Empfehlung zur...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Breite Allianz für faire Bezahlung: Mehrheit fordert Tarifpflicht bei Staatsaufträgen
20.02.2026

In der Debatte um die Verwendung öffentlicher Gelder zeichnet sich ein deutlicher Stimmungsumschwung ab: Eine große Mehrheit der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Konjunktureller Frühling: Unternehmensstimmung in der Eurozone überrascht positiv
20.02.2026

Die Wirtschaft in der Eurozone startet mit unerwartetem Rückenwind in das Frühjahr, da sich die Stimmung in den Unternehmen im Februar...

DWN
Politik
Politik Pakt für den Sozialstaat: Grüne signalisieren Union und SPD Reformbereitschaft
20.02.2026

Die Fraktionsspitze der Grünen zeigt sich offen für einen parteiübergreifenden Schulterschluss, um den deutschen Sozialstaat grundlegend...

DWN
Politik
Politik Ressourcenimperialismus im 21. Jahrhundert: USA gegen Europa
20.02.2026

Der Wettlauf um seltene Erden, Öl und digitale Vorherrschaft bestimmt längst globale Machtspiele. Wer strategische Ressourcen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Standortgarantie: Schneider fordert Entlastung der Chemieindustrie durch CO2-Zertifikate
20.02.2026

Umweltminister Carsten Schneider (SPD) setzt sich in Brüssel für eine Atempause der heimischen Chemiebranche ein, um deren internationale...