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Krise der deutschen Ostsee-Fischerei spitzt sich zu

Lesezeit: 3 min
09.10.2021 10:46
Es steht nicht gut um die deutsche Ostseefischerei. Über Jahre sind die wichtigsten Bestände eingebrochen und mit ihnen die zulässigen Fangmengen. Anfang der Woche stehen den Fischern die nächsten Hiobsbotschaften ins Haus.
Krise der deutschen Ostsee-Fischerei spitzt sich zu
Frisch gefangene Heringe. (Foto: dpa)
Foto: Jens Büttner

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Es steht nicht gut um die deutsche Ostseefischerei. Über Jahre sind die wichtigsten Bestände eingebrochen und mit ihnen die zulässigen Fangmengen. Anfang der Woche stehen den Fischern die nächsten Hiobsbotschaften ins Haus - dann wollen die zuständigen EU-Minister über die Fangmengen für das kommende Jahr entscheiden.

«Für die deutsche Fischerei ist es katastrophal», sagt Christopher Zimmermann. Er leitet das Thünen-Institut für Ostseefischerei in Rostock und berät im Rahmen des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) auch die EU-Kommission. «Wir haben in diesem Jahr zum vierten Mal in Folge empfohlen, die Heringsfischerei einzustellen.» Erstmals habe man zudem empfohlen, die Dorschfischerei in der westlichen Ostsee soweit zu verringern, dass es nur noch für Beifang, aber nicht mehr für eine zielgerichtete Dorschfischerei reicht.

«Das ist für unsere deutsche Ostseefischerei zweifellos eine extreme Belastung», erklärte Bundesagrarministerin Julia Klöckner am Freitag mit. Hering und Dorsch in der westlichen Ostsee - diese Bestände sind die Brotfische der deutschen Ostseefischer. Beim Hering der westlichen Ostsee wurde die erlaubte Fangmenge laut Zimmermann von 2017 bis 2021 um 94 Prozent verringert. Sollten die EU-Agrar- und Fischereiminister der ICES-Empfehlung folgen, käme es beim Dorsch der westlichen Ostsee zu einer Reduzierung seit 2017 um mehr als 95 Prozent.

Die Folgen für die Fischer sind verheerend. Nach Angaben der Anrainerländer Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein wurden zuletzt etwas über 400 Berufsfischer an der Ostsee gezählt. 2010 waren es 650, Anfang der 90er Jahre mehr als 1300. Beide Länder bieten bereits Abwrackprämien für Fischkutter. Fischereigenossenschaften werden abgewickelt.

«Wir haben natürlich einen deutlich rückläufigen Trend», sagt Peter Breckling, Generalsekretär des Deutschen Fischerei-Verbandes. Man wolle im Küstenbereich wenigstens noch ein bisschen örtliche Fischerei und Versorgung aufrechterhalten. Von der Politik fordert er einen Plan, wie etwa die Infrastruktur in den Häfen künftig aussehen soll: Wer beliefert etwa die wenigen verbliebenen Fischer mit Eis zur Kühlung, wenn es vor Ort keine genossenschaftliche Eismaschine mehr gibt.

Geht es nach Stella Nemecky, gibt es vorerst so gut wie gar keine deutsche Ostseefischerei mehr. «Wir haben seit über 20 Jahren eine legalisierte Überfischung in der Ostsee», kritisiert die Fischereiexpertin der Umweltorganisation WWF. Der Klimawandel und Überdüngung durch die Landwirtschaft spielten eine Rolle. «Aber die Überfischung ist primärer Treiber.» Man könne auch nicht auf Sprotte oder Plattfische wie Scholle umsteigen, denen es vergleichsweise gut geht. «Weil in allen Fällen auch Dorsch und Hering rausgenommen werden.»

Selbst die von der EU-Kommission vorgeschlagene Herabsetzung der maximalen Tagesfangmenge für Angler von fünf auf einen Dorsch pro Tag reicht ihrer Meinung nach nicht aus. «Wir brauchen jeden Fisch.»

Zimmermann ist nicht wie Nemecky der Meinung, dass der Dorsch davon bedroht sei zu verschwinden. Daher könne man auch eine Beifangmenge für den Plattfischfang festlegen. Allerdings müsse die auch überwacht werden und bei Erreichen des maximalen Beifangs auch die Plattfischfischerei geschlossen werden. «Das wird aber nicht kontrolliert und nicht umgesetzt.» Es sei zu befürchten, dass bei knappen Fangmengen tote Dorsche aus der Schleppnetzfischerei einfach über Bord geworfen werden.

Es gebe Netze, die etwa 80 Prozent der Dorschbeifänge verhinderten. Allerdings sei deren Nutzung immer noch nicht verpflichtend. Zudem sei die deutsche Schollenquote sehr niedrig. «Und deswegen ist es finanziell und von der Masse her keine Alternative für das, was da bei Dorsch und Hering wegbricht», sagt Zimmermann. Die Dänen hingegen könnten ihre Quote gar nicht ausschöpfen.

Auch an anderer Stelle hakt es bei der Regulierung, wie Breckling vom Fischerei-Verband erklärt. Während deutschen Fischern beim Hering der westlichen Ostsee immer geringere Fangmengen zugestanden würden, fischten etwa Norweger in deutlich größerem Umfang vom selben Bestand - nur an anderer Stelle. Der Hering wandert, unter anderem auch in den Skagerrak zwischen Dänemark und Norwegen. Daher sei ein Fangstopp deutschen Fischern nicht zu vermitteln.

Das Problem scheint bei der Politik angekommen zu sein. Klöckner forderte am Freitag auch für den Kattegat zwischen Dänemark und Schweden sowie den Skagerrak entschlossene Schutzmaßnahmen. «Die drastischen Kürzungen für die Ostseefischer bleiben ansonsten wirkungslos.» Sie setze sich deshalb dafür ein, die Entscheidung über den westlichen Hering erst auf dem Dezemberrat zu treffen, wenn auch die Beschlüsse zum Heringsfang in der Nordsee und im Skagerrak auf der Tagesordnung stehen. Zudem könnten so die Ergebnisse der Fischereikonsultationen mit Großbritannien und Norwegen in die Entscheidung einfließen.

Bisher fand die Festlegung der Fangmengen in der westlichen Ostsee im Oktober und für für Kattegat und Skagerrak im Dezember statt. Auch Experte Zimmermann würde eine Zusammenlegung begrüßen. «Weil sonst die westliche Ostsee immer in Vorleistung geht und sich die anderen dann darauf ausruhen.» Selbst wenn man jetzt an einem Punkt sei, an dem man idealerweise nicht angelangt wäre, warnt er davor, die Fischerei pauschal zu verbieten. «Fisch essen ist umweltfreundlicher als alles, was wir so an Proteinen an Land erzeugen.»


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