US-Börsen: Anleger setzen trotz Iran-Krieg auf Aktien
In der vergangenen Woche haben die Aktienmärkte die durch den Iran-Krieg ausgelösten Verluste wieder aufgeholt und sind auf neue Rekordstände gestiegen, obwohl zwischen den USA und Iran noch keine endgültige Einigung erzielt wurde. An der Wall Street verschiebt sich der Fokus zunehmend weg vom Krieg hin zur laufenden Berichtssaison der Unternehmen und zur wirtschaftlichen Entwicklung.
Der viel beachtete Marktstratege Ed Yardeni, Leiter von Yardeni Research, stellt fest, dass Investoren über den Krieg hinausblicken und sich auf die Lage der Unternehmen und der Wirtschaft konzentrieren. „Die Geschichte zeigt, dass geopolitische Krisen sich als hervorragende Kaufgelegenheiten erweisen. Genau in einer solchen Situation befinden wir uns jetzt, da Investoren über den Krieg hinausblicken“, sagte der Wall-Street-Veteran im Interview mit Bloomberg Television.
Yardeni erwartet zudem, dass sich die US-Wirtschaft im Frühjahr nach einer wetterbedingten Abschwächung wieder deutlich erholt, gestützt durch starke Bankgewinne und eine stabile Konsumnachfrage. „Die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft zeigt, dass unser Kapitalmarkt viel Stress absorbieren kann, ohne dass die wirtschaftliche Aktivität wesentlich leidet“, so Yardeni.
Optimismus an den US-Börsen trotz Risiken
Auch Strategen von Wells Fargo Securities sehen trotz ungelöstem Nahostkonflikt zahlreiche positive Faktoren für die US-Börsen in den kommenden Monaten. Sie erwarten, dass der S&P 500, der in dieser Woche erstmals die Marke von 7.000 Punkten überschritten hat, auf rund 7.300 Punkte steigen wird.
Als Treiber nennen sie steuerpolitische Maßnahmen der Regierung Trump, die steigende Lebenshaltungskosten teilweise kompensieren sollen, sowie eine Belebung der Industrie durch niedrigere Zölle. Zusätzlich dürften die hohen Investitionen der Technologieunternehmen in KI-Anwendungen zunehmend in steigende Gewinne umschlagen. Auch Großereignisse wie die Fußball-Weltmeisterschaft, die teilweise in den USA stattfindet, könnten den Konsum ankurbeln.
„Strukturell bleiben wir optimistisch, und der Aufruf zu taktischer Vorsicht hat sich nicht bewährt“, schreiben die Strategen. Gleichzeitig verweisen sie auf Risiken, insbesondere eine mögliche höhere Inflation in der zweiten Jahreshälfte infolge steigender Energiepreise.
Hohe Aktienquote als Strategie
Strategen der HSBC gewichten Aktien derzeit so stark wie seit längerer Zeit nicht mehr. Ihrer Ansicht nach ist keine schnelle Lösung des Nahostkonflikts erforderlich, damit die Kurse weiter steigen. „Aus unserer Sicht ist weniger schlechte Nachrichten bereits gut genug“, so HSBC.
Entscheidend für die Märkte seien vor allem die Gewinnperspektiven der Unternehmen und weniger der geopolitische Hintergrund. HSBC empfiehlt eine maximale Aktienquote, insbesondere mit Fokus auf asiatische Schwellenländer, Japan und Europa, wobei Bankaktien hervorgehoben werden. Zudem sehen die Strategen Potenzial für eine Rückkehr von Kapital in US-Technologieaktien, was eine V-förmige Erholung auslösen könnte.
Warnungen vor geopolitischen und strukturellen Risiken
Trotz des Optimismus gibt es auch warnende Stimmen. Ken Griffin, Chef des Hedgefonds Citadel, sieht erhebliche Risiken, sollte die Straße von Hormus blockiert werden. „Stellen wir uns vor, die Meerenge bleibt für die nächsten 6 bis 12 Monate geschlossen – die Welt wird in eine Rezession geraten. Es gibt keinen Weg, das zu vermeiden“, sagte Griffin auf einer Wirtschaftskonferenz.
Auch Carson Block, Gründer von Muddy Waters, warnt vor langfristigen Risiken durch den Einsatz von KI. „Mittelfristig stehen schwere wirtschaftliche und marktbezogene Folgen sowie Probleme bei den Staatsfinanzen bevor, im Vergleich dazu verblasst die globale Finanzkrise“, sagte Block im Interview mit Financial Times. Er sieht insbesondere Risiken durch Arbeitsplatzverluste und sinkende Beiträge zu Altersvorsorgesystemen, was sich negativ auf die Aktienmärkte auswirken könnte.
Kapitalmärkte bleiben dennoch im Fokus
BlackRock hebt insbesondere südkoreanische Aktien hervor und begründet dies mit stark steigenden Unternehmensgewinnen und der Rolle des Landes in globalen Technologie-Lieferketten. Der Vermögensverwalter hat sowohl US-Aktien als auch Titel aus Schwellenländern auf „übergewichten“ gesetzt, da er weiteres Gewinnwachstum erwartet.
Die Entwicklung zeigt, dass sich die Dynamik an den globalen Kapitalmärkten zunehmend von geopolitischen Ereignissen entkoppelt. Für exportorientierte Volkswirtschaften entstehen daraus Chancen, aber auch Risiken, da Kapitalströme und Nachfrageimpulse stärker von den US-Börsen und globalen Technologietrends beeinflusst werden.
