Politik

NATO-Reform: Saluschnyj erklärt das mächtigste Militärbündnis der Welt für überholt

Die Ukraine wollte jahrelang von der NATO lernen. Nun erklärt ihr früherer Oberbefehlshaber das Bündnis für militärisch überholt und stellt damit eine unbequeme Machtfrage. Walerij Saluschnyjs Kritik zeigt, wie weit kampferprobte Armeen den schwerfälligen Strukturen des Westens inzwischen voraus sein könnten.
13.08.2026 14:37
Lesezeit: 8 min
NATO-Reform: Saluschnyj erklärt das mächtigste Militärbündnis der Welt für überholt
Saluschnyj hält die NATO für überholt. (Foto: dpa/Ukrainian Presidency) Foto: -

NATO-Reform wird nach Saluschnyjs Kritik zum Sicherheitsrisiko

Der frühere ukrainische Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj bezweifelt, dass sein Land jemals der NATO beitreten wird. Nach seiner Einschätzung hält das Bündnis an überholten Militärdoktrinen fest, während die Ukraine und Russland ihre Streitkräfte grundlegend an den modernen Drohnenkrieg angepasst haben. Das berichten unsere Kollegen von Verslo žinios.

Saluschnyj, der inzwischen als ukrainischer Botschafter im Vereinigten Königreich tätig ist, äußerte seine Kritik am 3. August bei einem nicht öffentlichen Treffen ukrainischer Botschafter in Kiew. Ukrainische Medien veröffentlichten anschließend Auszüge seiner Aussagen. "Zwölf Jahre lang habe ich persönlich daran gearbeitet, dass wir die NATO-Standards übernehmen, und jedes Jahr hörte ich Erzählungen darüber, dass wir bald der NATO beitreten würden. Leider werden wir ihr niemals beitreten", sagte Saluschnyj.

Die Ukraine benötige weiterhin militärische Technologien, über die NATO-Staaten verfügten. Dazu zähle insbesondere die Abwehr ballistischer Raketen. Ein Beitritt zu einer Organisation, die sich nach Saluschnyjs Worten noch immer an Doktrinen aus dem Zweiten Weltkrieg orientiere, sei angesichts des inzwischen erreichten Entwicklungsstands der ukrainischen Streitkräfte jedoch kaum vorstellbar.

Russland hat seine Armee unter dem Druck des Krieges umfassend umgebaut. Zahlreiche Politiker und Nachrichtendienstvertreter befürchten, dass Moskau bis zum Ende des Jahrzehnts in der Lage sein könnte, einen NATO-Staat militärisch anzugreifen. Saluschnyj geht noch weiter. Seiner Einschätzung nach hat Russland seine militärischen Strukturen schneller an die Bedingungen moderner Kriegsführung angepasst als viele westliche Staaten.

Ukraine zwingt die NATO zur Anpassung ihrer Militärdoktrin

Die ungewöhnlich deutliche Kritik zeigt, wie stark sich das Verhältnis zwischen der NATO und der Ukraine verändert hat. Zu Beginn des russischen Großangriffs war Kiew auf Waffenlieferungen, Munition und finanzielle Unterstützung aus Europa und Nordamerika angewiesen. Inzwischen verfügt die Ukraine über eine der kampferfahrensten und technologisch fortschrittlichsten Armeen Europas.

Besonders bei der Entwicklung und massenhaften Produktion von Drohnen, Raketen und elektronischen Systemen liegt die Ukraine vor zahlreichen westlichen Staaten. Ukrainische Einheiten passen ihre Technik und Taktik häufig innerhalb weniger Wochen an neue Bedingungen auf dem Schlachtfeld an. Klassische Beschaffungsprogramme westlicher Armeen benötigen dagegen oft mehrere Jahre.

Bei gemeinsamen Manövern sollen NATO-Soldaten wiederholt von der Taktik der ukrainischen Einheiten und deren Einsatz von Drohnen überrascht worden sein. Die Erfahrungen aus dem Krieg verändern damit auch die Rollenverteilung. Die Ukraine übernimmt nicht mehr nur westliche Standards, sondern vermittelt den NATO-Staaten zunehmend eigene militärische Erkenntnisse.

Auch das Bündnis erkennt diese Entwicklung an. In der Erklärung des NATO-Gipfels vom 8. Juli in Ankara stellten die Staats- und Regierungschefs der 32 Mitgliedstaaten fest, dass die Ukraine zur transatlantischen Sicherheit beitrage. Zugleich kündigte die NATO Investitionen in unbemannte Systeme, Luftverteidigung, Präzisionswaffen, KI-Modelle und eine gemeinsame digitale Infrastruktur für die Kriegsführung an.

Saluschnyj hält das Tempo dieser NATO-Reform dennoch für unzureichend. "Am wahrscheinlichsten ist, dass die NATO so bleibt, wie sie heute ist, und ähnlich wie einst die Ukraine weitere zwölf Jahre braucht, um die Standards zu erreichen, mit denen sie wenigstens auf die Hälfte des Niveaus der Russischen Föderation kommt", sagte der General außer Dienst.

Seine Aussagen sind auch vor dem Hintergrund seiner möglichen politischen Ambitionen von Bedeutung. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj löste Saluschnyj 2024 als Oberbefehlshaber ab. Seither wird der frühere General regelmäßig als möglicher künftiger Präsidentschaftskandidat genannt. Die Äußerungen spiegeln zugleich die langjährige Enttäuschung der Ukraine über das ausbleibende Beitrittsangebot wider. Beim Gipfel in Vilnius erklärte die NATO 2023, die Zukunft der Ukraine liege im Bündnis und das Land werde Mitglied werden. Ein konkreter Zeitpunkt wurde nicht genannt.

Beim Washingtoner Gipfel 2024 bezeichneten die Mitgliedstaaten den Weg der Ukraine zur vollständigen euroatlantischen Integration einschließlich einer NATO-Mitgliedschaft als "unumkehrbar". Für eine Einladung fehlt innerhalb des Bündnisses jedoch weiterhin die notwendige Einstimmigkeit. NATO-Generalsekretär Mark Rutte bestätigte diese politische und praktische Diskrepanz erneut am 3. Juni 2026.

NATO-Reform erhöht den Handlungsdruck auf Deutschland

Saluschnyj erwartet daher, dass sich die Ukraine künftig enger an neue oder bereits bestehende regionale Sicherheitsbündnisse bindet. Als Beispiel nannte er die von Großbritannien geführte Joint Expeditionary Force. Die Gruppe umfasst zehn Staaten und konzentriert sich vor allem auf Nordeuropa, den Nordatlantik und den Ostseeraum.

Die ersten sieben Teilnehmerstaaten unterzeichneten 2014 die Gründungsvereinbarung. Heute gehören Dänemark, Estland, Finnland, Island, Lettland, Litauen, die Niederlande, Norwegen, Schweden und das Vereinigte Königreich der Kooperation an. Alle zehn Staaten sind zugleich Mitglieder der NATO. Die Joint Expeditionary Force ergänzt das Bündnis durch schnell verfügbare Truppen und flexiblere politische Entscheidungsstrukturen. "Wir werden höchstwahrscheinlich über einen europäischen militärischen Sicherheitsblock sprechen", sagte Saluschnyj. Ein solcher Zusammenschluss könnte vor allem dann an Bedeutung gewinnen, wenn die NATO ihre Entscheidungsprozesse, ihre Rüstungsproduktion und ihre militärischen Strukturen nicht schnell genug modernisiert.

Für Deutschland ergibt sich daraus erheblicher Handlungsdruck. Die Bundeswehr soll eine zentrale Rolle bei der Verteidigung der NATO-Ostflanke übernehmen und zugleich ihre konventionellen Fähigkeiten, ihre Luftverteidigung und ihre Munitionsbestände ausbauen. Die ukrainischen Kriegserfahrungen zeigen jedoch, dass hohe Verteidigungsausgaben allein nicht ausreichen. Notwendig sind kürzere Beschaffungszeiten, eine leistungsfähige Drohnenproduktion, belastbare digitale Führungsstrukturen und eine engere Zusammenarbeit zwischen Streitkräften, Forschung und Rüstungsindustrie.

Deutschland könnte außerdem stärker von ukrainischen Erfahrungen profitieren. Kooperationen bei Drohnen, elektronischer Kampfführung, Sensorik und Flugabwehr würden nicht nur die Ukraine unterstützen, sondern auch die technologische Leistungsfähigkeit der Bundeswehr verbessern. Die Debatte über eine NATO-Reform betrifft damit unmittelbar die deutsche Sicherheits- und Industriepolitik.

Eine Alternative zur NATO ist für Deutschland derzeit nicht erkennbar. Regionale Bündnisse können bestehende Strukturen ergänzen, ersetzen aber weder die integrierte Kommandostruktur noch die nukleare Abschreckung und die Beistandsverpflichtung des Bündnisses. Saluschnyjs Kritik macht dennoch deutlich, dass Europas Verteidigung künftig stärker von Geschwindigkeit, Innovationsfähigkeit und industrieller Kapazität abhängen wird.

Die NATO kommentierte seine Aussagen zunächst nicht und verwies auf Ruttes frühere Erklärung zum unumkehrbaren Beitrittsweg der Ukraine. Saluschnyj und die ukrainische Vertretung bei der NATO reagierten zunächst ebenfalls nicht auf Anfragen. Das ukrainische Außenministerium erklärte später, Saluschnyjs Äußerungen seien teilweise aus dem Zusammenhang gerissen worden. Seine Antwort habe sich vor allem auf die mögliche Rolle der Joint Expeditionary Force und künftiger europäischer Sicherheitsstrukturen bezogen. An der offiziellen ukrainischen Ausrichtung auf eine NATO-Mitgliedschaft habe sich nichts geändert.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
avtor1
Miglė Valaitienė

***

Miglė Valaitienė ist Tagesredakteurin bei Verslo žinios, dem litauischen Schwesterunternehmen der Deutschen Wirtschafts Nachrichten im Bonnier-Konzern, und schreibt für die DWN einen Gastbeitrag mit litauischer Perspektive auf Innen- und Außenpolitik. Sie hat Journalismus und vergleichende Politik an der Universität Vilnius studiert, arbeitete zuvor unter anderem bei Delfi und ist seit 2023 Teil der Redaktion von Verslo žinios.

DWN
Politik
Politik „Gen Z regelt“ mobilisiert: Das ist für Samstag geplant
29.10.2026

In knapp 30 Städten sind Proteste angekündigt, organisiert von einer noch jungen Gruppierung. Nach den Ausschreitungen in Frankreich...

DWN
Finanzen
Finanzen EZB-Zinsentscheid: Notenbanker belassen Leitzins der Eurozone bei 2,5 Prozent
29.10.2026

Die Europäische Zentralbank lässt die Leitzinsen am 29. Oktober 2026 unverändert. Der Einlagenzins bleibt bei 2,50 Prozent. Zugleich...

DWN
Politik
Politik Merz warnt vor Nordkoreas Rolle im Ukraine-Krieg
29.10.2026

Zum Abschluss seiner Asienreise besucht Bundeskanzler Friedrich Merz am Freitag die Grenze zwischen Süd- und Nordkorea. Bereits zuvor...

DWN
Politik
Politik Steinmeier in China: Appell für Regeln, Frieden und freien Handel
29.10.2026

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat bei einer Rede an der renommierten Peking Universität für eine stärkere regelbasierte...

DWN
Panorama
Panorama Arbeitspausen: Darf der Chef den Zeitpunkt bestimmen?
29.10.2026

Kurz durchatmen, etwas essen oder einen Kaffee trinken: Arbeitspausen gehören zum Alltag. Wann sie stattfinden, entscheiden Beschäftigte...

DWN
Finanzen
Finanzen Lagarde tritt vorzeitig ab: Rennen um die EZB-Spitze beginnt früher
29.10.2026

Christine Lagarde verlässt die Spitze der Europäischen Zentralbank früher als geplant. Damit müssen die Eurostaaten ihre Nachfolge...

DWN
Finanzen
Finanzen Vonovia-Aktie rutscht ab: Vonovia muss Sparen und senkt Erwartungen für 2026 und 2028
29.10.2026

Die Vonovia-Aktie steht am Donnerstag mächtig unter Druck. Der Immobilienkonzern nimmt seine Wachstumsziele zurück und will Investitionen...

DWN
Politik
Politik Spritpreisdeckel lässt auf sich warten: SPD drängt Reiche zur Eile
29.10.2026

Im September hatte sich die schwarz-rote Koalition auf einen erneuten Tankrabatt und einen Spritpreisdeckel verständigt. Während der...