Politik

Ronald Barazon: Warum ich Russland liebe

Lesezeit: 11 min
25.12.2021 11:00
Ronald Barazon ist Österreicher und lebt in Wien. Doch er hat Heimweh nach Russland – dem Land, das er so sehr liebt.
Ronald Barazon: Warum ich Russland liebe
Wer sich eine der wundervolle Aufführungen des "Nußknackers" am Bolschoi-Theater ansieht, kann leicht nachvollziehen, warum Ronald Barazon sein Herz an Russland verloren hat. (Foto: dpa)

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Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Sie sagen immer wieder, dass Sie Russland lieben. Können Sie uns das näher erläutern?

Ronald Barazon: Das ist schwer. Liebe kann man nicht erklären, weder die Liebe zu einer Person noch zu einem Land. Es handelt sich um eben um eine tiefe Empfindung, um eine Sache des Herzens. Wenn ich in Russland bin, habe ich das Gefühl, zu Hause zu sein. Ich habe tatsächlich oft Heimweh nach Russland – obwohl ich Österreicher bin und in Wien lebe.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Viele sagen, sie seien fasziniert, ja nahezu ergriffen von den unendlichen Weiten des Landes. Hat es damit zu tun?

Ronald Barazon: Ja, auch – die unendliche Weite ist großartig. Bei stundenlangen Spaziergängen spürt man etwas von der viel zitierten „russischen Seele“, die schwer zu beschreiben, schwer zu fassen ist. Am nähesten kommt man ihr vielleicht, wenn man durch die weite Ebene Richtung Moskau spaziert und sich fragt, was denn die Franzosen 1812 und die Deutschen 1941 hier verloren hatten. Es ist eine eigene Welt, die Respekt gebietet, gebieten sollte.

Die Russen zitieren gerne das Sprichwort „In Russland gibt es keine Straßen, nur Richtungen“ – dabei soll der Satz vom verhassten Napoleon stammen. Was dieser Ausspruch bedeutet, spürte man beispielsweise, wenn man im fernen Sibirien durch die Dörfer in der Nähe des Baikal-Sees streift. Da gibt es keine strenge Ordnung, die Häuser stehen mehr oder minder im Irgendwo, ihr Platz wurde scheinbar willkürlich ausgewählt. Wobei man bei näherer Betrachtung dann doch erkennt, dass bei der Suche nach dem richtigen Standort Schnee, Regen und Überschwemmungen berücksichtigt wurden. Dennoch bleibt das Gefühl, dass bei der Errichtung der Dörfer ein gewisses Maß an Beliebigkeit herrschte, vielleicht sogar Fatalismus.

Wenn man sich durch den meterhohen Schnee kämpft, begreift man, dass sich in den langen Wintermonaten eine für Diktatoren willkommene Ruhe und Abgeschiedenheit entwickelt. Das dürfte sich jetzt ändern – künftige Diktatoren werden es schwerer haben, weil der Klimawandel den Schnee in Russland reduziert.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Das sind sehr interessante Erklärungsmuster – die Bereitschaft der Russen, Diktatoren zu akzeptieren, von Iwan dem Schrecklichen bis hin zu Stalin, ist ja auch schwer nachzuvollziehen.

Ronald Barazon: Den entsprechenden Einfluss des Klimas und der unendlichen Weite habe ich bereits erwähnt. Eine wichtige Rolle spielt auch die Religion. Die Orthodoxie hat ein besonderes Charakteristikum: Der Priester ist keine Autorität, sondern ein Begleiter des Gläubigen auf dessen Weg zu Gott. Man könnte also meinen, dass die Eigenständigkeit des Individuums durch diesen Grundsatz gestärkt wird. Doch weit gefehlt: Die Geistlichen betonen immer wieder, dass die Gläubigen zu kurz, zu wenig intensiv beten. Sie werden ständig angehalten, sich beim Beten möglichst in eine Ekstase zu steigern. Eine Ekstase, deren Intensität jedoch niemals ausreicht, weil sie ja – zumindest in der Theorie – immer weiter gesteigert werden könnte. Der Gläubige erreicht also nie eine Stufe, die ausreichend ist, um Gott zu gefallen – folglich bleibt er immer ein Sünder. Die Konstruktion der russischen Kirchen unterstreicht diese Situation. Das Gebäude ist stets durch eine Wand geteilt, die so genannte Ikonostase, auf der sich zahllose Ikonen befinden. Vor dieser Wand drängen sich die Gläubigen, während hinter der Wand die heiligen Handlungen durch den Priester stattfinden. Einer nach dem anderen küssen die Gläubigen im Rahmen des Gottesdiensts eine bestimmte Ikone, die jeweils prominent an der Ikonostase angebracht ist. Dieses System impliziert und ergibt eine Bereitschaft zur Unterwerfung. Nicht zufällig haben schon die Zaren die Kirche als politisches Machtinstrument eingesetzt, und auch der aktuelle Präsident, Wladimir Putin, fördert die Kirche als Partner der Regierung. Eine Randbemerkung: Das Küssen der Ikone ist kaum zu unterbinden, ergibt aber einen katastrophalen Treiber der Corona-Pandemie.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Als erklärter Liberaler, der Sie sind, können Sie solch ein System doch nicht akzeptieren und schon gar nicht lieben.

Ronald Barazon: Natürlich nicht. Es ist auch wirklich nicht angenehm, als Ausländer, als nicht-Orthodoxer in einer russischen Kirche am Gottesdienst teilzunehmen. Man muss aber Religionen stets differenziert betrachten und analysieren. Das Prinzip des Priesters als Begleiter hat auf jeden Fall seinen Wert und trägt in nicht geringem Maße zum Wesen der Russen bei, zum Wesen, das ich kennen und schätzen gelernt habe. Wenn ich von der Liebe zu Russland spreche, dann meine ich zwei besondere Perioden, in denen sich der Geist und die Kreativität dieser Menschen besonders gezeigt hat. Das war in den Jahren von 1881 bis 1922, also bis Stalin sein Schreckensregime errichtete. Und das war in der Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ab 1990.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wieso heben Sie das Jahr 1881 besonders hervor? Und dann die Zeit bis 1922? In diese Periode fällt doch die Oktober-Revolution von 1917, die die kommunistische Diktatur erst ermöglicht hat?

Ronald Barazon: Sie haben Recht: Den Beginn einer Periode auf ein ungerades Jahr wie 1881 zu datieren, ist ungewöhnlich. Der Grund, dass ich das getan habe, ist der, dass in diesem Jahr Tolstois große Sinnkrise begann und er sich gegen das gesellschaftliche, religiöse und wirtschaftliche System seiner Zeit auflehnte und damit in der russischen Öffentlichkeit gewaltige Bewegungen auslöste, die letztlich zum Zusammenbruch des Zarenreichs führten. Ich persönlich fand den Zugang zu dieser Zeit über meine Liebe zum Ballett, die mich zur Geschichte der „Ballets Russes“ führte (das 1909 gegründete und in Paris und später Monte Carlo ansässige „Ballets Russes“ gilt als das vielleicht größte Ballett-Ensemble des 20. Jahrhunderts – Anm. d. Red.). Unter der Leitung des genialen Kunst-Managers Sergei Djagilew erschloss die russische Kunst vom Tanz über die Malerei bis zur Musik neue, bislang unbekannte Dimensionen. Unter dem Eindruck dieser atemberaubenden Leistungen bekam meine Tochter den russischen Namen Tatjana.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Warum wurde diese Bewegung nicht durch den Zaren und anschließend von den Kommunisten unterdrückt und erstickt?

Ronald Barazon: Das war erfreulicherweise nicht möglich. Djagilew brachte die Ballets Russes nach Paris, wo er ab 1910 zwanzig Spielzeiten organisierte. Die Stars, Anna Pawlowa und Vaslaw Nijinsky, prägen bis heute die Ballettgeschichte. Die Choreographen bestimmen nach wie vor das moderne Ballett, beispielsweise Michel Fokine, Serge Lifar, George Balanchine, der später das New York City Ballet gründete, sowie Leonid Massine, der die Ballets Russes de Monte Carlo zu einer Weltklasse-Truppe formte. Die wunderbaren Maler Matisse, Braque und Picasso arbeiteten gemeinsam mit Léon Bakst und Alexandre Benois an den Bühnenbildern. Die Komponisten haben mit ihren Werken für die Balletts Russes die Musik erneuert. An erster Stelle ist Igor Strawinsky zu nennen, der seine großen Werke „Der Feuervogel“, „Petruschka“ und „Le sacre du printemps“ für das Ballett geschrieben hat, doch auch die anderen Großen kamen bei Diaghilew zum Einsatz: Debussy, Ravel, Satie, Poulenc, Richard Strauss. Es würde zu weit führen, hier das gesamte Spektrum zu beschreiben. Ich erzähle allerdings viel und gern von den Ballets Russes, weil ich durch sie den Zugang zu Russland gefunden habe. Vergessen darf man aber auch nicht die anderen großen russischen Komponisten dieser Zeit, allen voran Peter Iljitsch Tschaikowski, der unter anderem die Musik zu den erfolgreichen Ballett-Stücken „Schwanensee“ und „Nussknacker“ schrieb, die von Marius Petipa choreographiert wurden.

Nach der Oktober-Revolution 1917 und dem Ende des Ersten Weltkriegs erlebte die russische Kunst dann eine weitere Blütezeit – bis Stalin das Land in ein Gefängnis verwandelte.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Würden Sie uns das bitte schildern?

Ronald Barazon: Wir verdanken dieser Periode die Werke des ersten – und aus meiner Sicht nach wie vor größten – abstrakten Malers, Wassily Kandinsky, der erfreulicherweise nicht im Dunkel des Sowjetregimes untergegangen ist. Dieses Schicksal ereilte allerdings Kasimir Malewitsch, der für die Dauer von Jahrzehnten beinahe in Vergessenheit geriet, und dessen Bilder erst wieder seit einigen Jahren zu sehen sind, und zwar in Amsterdam. Durch die Vielfalt seiner Werke und durch seinen persönlichen Stil gehört Malewitsch für mich zu den wichtigsten Malern der Moderne. Ohne die Bekämpfung der Moderne durch die Kommunisten, wäre Russland weiterhin ein Zentrum der kreativen Erneuerung geblieben. Man darf nicht vergessen, dass in dieser Zeit ein mörderischer Bürgerkrieg zwischen den Bolschewiken und den westlich orientierten Weißen tobte und die neu gegründete Rote Armee Russlands Nachbarstaaten eroberte. Lenin dominierte die Partei; Trotzki, der schon den Oktoberaufstand organisiert hatte, steuerte die Armee; und Stalin bereitete die Übernahme der Macht vor. In diesem Umfeld blühte die Kunst – trotz oder vielleicht sogar wegen des Chaos, das überall herrschte.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Als zweite Periode, die Ihre Liebe zu Russland vertieft hat, nannten Sie die Zeit nach dem Untergang der Sowjetunion.

Ronald Barazon: Ich war als Journalist mehrmals in der Sowjetunion und musste meine Termine stets unter der aufmerksamen Begleitung von KGB-Offizieren absolvieren – völlig unabhängig davon, ob es sich um eine Papierfabrik in Sibirien, eine politische Veranstaltung in Moskau oder ein Museum in St. Petersburg handelte. Fuhr man mit einem Kollegen im Taxi, lief – mehr oder weniger heimlich – ein Tonbandgerät mit, damit auch nur jedes im Ansatz verdächtige Wort registriert werden konnte. Fragte man in einem Dorf nach dem Weg, rannte die befragte Person ins Haus, um nur ja nicht mit einem Ausländer gesehen zu werden.

Und wie war es nach der Wende? Da wurde man überall freundlich aufgenommen. Einmal hatte ich mich irgendwo bei Tula (Großstadt knapp 200 Kilometer südlich von Moskau – Anm. d. Red.) mit dem Auto verfahren, als auch schon die Dorfbewohner herbeieilten, bereitwillig Auskunft gaben und sich ein Bursche in seinen Wagen setzte und mich – vor mir herfahrend – bis zu meinem Ziel geleitete.

Ich erinnere mich auch nur zu gut an den gewaltigen Unterschied zwischen einem Markt vor und nach 1990. Während des Kommunismus herrschte entsetzliche Öde; in meinem Gedächtnis eingebrannt ist das Bild eines Lastwagens, der auf einem leeren Platz einen Haufen Kohl ablud, woraufhin die Bewohner des scheinbar menschenleeren Dorfes auf einmal wie aus dem Nichts scharenweise auftauchten, um sich ihren Teil der seltenen Gabe zu sichern. Als dann die UdSSR nicht mehr existierte, hätte man glauben können, sich in einer anderen Welt zu befinden: Ein fröhliches Marktleben mit ordentlichem Angebot und freundlichen Verkäufern, die alle Kunden zuvorkommend bedienten. Und überall, sowohl in den Städten als auch auf dem Land, junge Menschen, die mit Begeisterung Englisch lernten.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Uns fällt auf, dass Sie auch von der Zeit nach der Wende in der Vergangenheit sprechen.

Ronald Barazon: Ja, leider. Von 1990 bis etwa 2010 erlebte Russland eine beglückende Aufbruchsstimmung, in der sich die unendliche Kreativität und Intelligenz der Menschen in eindrucksvoller Weise zeigten. Egal, wo man hinkam, ob an die Universität, in das Marijinsky-Theater, wo die Ballets Russes vor über hundert Jahren begonnen haben, in Seminare über Unternehmensführung oder in Hotels und Restaurants: Überall spürte man das pulsierende Leben. Und zwar nicht nur in den alles überragenden Städten Moskau und St. Petersburg, sondern auch an weniger glanzvollen Orten, denn nach der Wende hatten die Regionen ein hohes Maß an Autonomie erlangt, und jeder Chef eines Oblasts wollte sein Gebiet zum schönsten des Landes machen, in jeder Schule sollte der beste Unterricht stattfinden, jedes Unternehmen war auf Innovationskurs und jeder landwirtschaftliche Betrieb, der aus einer bankrotten Kolchose hervorgegangen war, versuchte zu glänzen. Allerdings, und das darf man eben nicht verschweigen, herrschte das pure Chaos, nichts funktionierte, die Preise stiegen um tausend und mehr Prozent, alle Sparguthaben und die Renten wurden wertlos. Da erwies sich die Übernahme der Regierung durch Wladimir Putin als segensreich, weil unter ihm das Chaos beseitigt und die Inflation gebremst wurde und das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben in geordnete Bahnen zurückfand.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Sie zeichnen ein extrem positives Bild von Putin. So etwas hört man heute fast gar nicht mehr.

Ronald Barazon: Nun, er hat ja auch sehr viel für Russland erreicht. Aber das ist lange her – das Bild des Putins von heute kann ich in keiner Weise mehr positiv zeichnen. Aus mehreren Gründen. Zunächst einmal ist Putin nach zwanzig Jahren immer noch nicht bereit, abzutreten – im Gegenteil, er unternimmt alles, um an der Macht zu bleiben. Zwanzig Jahre sind für einen Staats-Chef immer zu viel – man denke an Merkel, die nach 16 Jahren völlig verschlissen ist.

Weiterhin hat Putin in den vergangenen Jahren den Freiraum der Russen extrem eingeschränkt, die Autonomie der Oblasts wieder abgeschafft, kritische Medien geknebelt und die Opposition verfolgt. Mittlerweile halten viele wieder den Mund und gehen in Deckung, um Schwierigkeiten zu vermeiden. Das Land ist in Ansätzen auf dem Weg zurück in einen politischen Zustand, wie er in der Sowjetunion herrschte, wenn auch in einer gemilderten Form. „Gemildert“ sage ich, weil man eben aus- und einreisen, sich frei bewegen, als Unternehmer tätig sein und ein Geschäft betreiben kann (wenn auch mit der Einschränkung, dass man – vor allem in den Großstädten – gezwungen ist, einer Mafia-Organisation Schutzgelder zu zahlen). Aber jede regierungskritische Aktivität wird von den Behörden brutal verfolgt, wie das Schicksal des prominentesten Beispiels, des Oppositionspolitikers Nawalny, zeigt. Und das erinnert eben sehr stark an die Herrschaft der Kommunisten. Unter diesen Umständen kann sich das enorme Potenzial, das in der Bevölkerung steckt, nicht entfalten. Menschen, die Russland lieben, bleibt nur mehr die Hoffnung auf bessere Zeiten.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie wurde aus dem guten Putin der böse Putin?

Ronald Barazon: Entscheidend ist die schon erwähnte Gier, an der Macht zu bleiben, die mit der ständigen Angst vor einem Umsturz gekoppelt ist. Negativ geprägt haben Putin zwei Ereignisse. Er kam an die Macht mit Hilfe der Oligarchen, die unter seinem Vorgänger Boris Jelzin die bis dahin staatseigenen großen Betriebe übernommen hatten und nun Milliardäre waren. Diese Gruppe meinte in Putin eine willfährige Marionette zu haben. Als wenige Monate nach seinem Amtsantritt der Stolz der russischen Marine, das Atom-U-Boot Kursk, sank und die gesamte Besatzung in den Tod riss, weigerte sich Putin zunächst, dem Ort des Unglücks einen Besuch abzustatten. Die Medien des Oligarchen Boris Beresowski kritisierten den Präsidenten dafür tagelang auf das Schärfste. Die Folge war ein tiefer Hass Putins gegen Beresowski, der zu dessen permanenten Verfolgung führte. Beresowski starb 2013 in London unter mysteriösen Umständen. Putin – den die Reichen und Mächtigen offensichtlich vollkommen unterschätzt hatten – entmachtete mit Hilfe von zweifelhaften Gerichtsverfahren auch die anderen Oligarchen, allen voran Michail Chodorkowski, der selbst Präsident hatte werden wollen und nach einem Aufenthalt in einem sibirischen Straflager heute in der Schweiz lebt.

Das zweite große Schlüsselerlebnis ist die unsinnige Anti-Russland- und Pro-Ukraine-Politik der NATO, die Putin zur Annexion der Krim trieb und sein Bemühen um eine Partnerschaft im Rahmen der G7 unmöglich machte. Das Ende der kurzzeitig bestehenden G8 schmerzt Putin bis heute.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Und wie ist das gegenwärtig, im Jahr 2021, mit Ihrer Liebe zu Russland?

Ronald Barazon: Die ist ungebrochen. Sie manifestiert sich derzeit zum einen als Heimweh und zum anderen in der nicht endenden Hoffnung, bald wieder unbekümmert in das Theater „Fontanka“ in St. Petersburg gehen und eine der wunderbaren Inszenierungen von Semyon Spivak sehen zu können.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Sie zeichnen ein sehr sympathisches Bild von Russland. Die Bevölkerung im Osten Deutschlands und Österreichs hat nach 1945 jedoch eine brutale Besatzungsmacht kennen gelernt. Und wenn man heute Mitarbeiter aus der Tourismus-Branche fragt, so berichten die von rücksichtslosen russischen Gästen, die mit ihrem Reichtum protzen und ständig nur fordern, oder von primitiven russischen Touristen, die sich ständig danebenbenehmen und von denen sich Reisende aus anderen Ländern fernhalten.

Ronald Barazon: Sie haben mich gefragt, wieso und warum ich Russland liebe. So, wie es den hässlichen Deutschen und den hässlichen Österreicher gibt, so gibt es auch den hässlichen Russen. Ich verachte jene Angeber, die in Moskau rund um das Kaufhaus Gum mit ihren Bentleys die Straße versperren oder in Salzburger Luxushotels im Suff die Einrichtung zertrümmern. Ich bin entsetzt, dass in Moskau kritische Journalisten auf der Straße erschossen werden und in der Folge irgendwelche Privatpersonen als angebliche Täter verurteilt werden. Mir bleibt auch im Gedächtnis, dass man von 1945 bis 1955 in Wien das Hotel Imperial – damals das sowjetische Hauptquartier – meiden musste, weil man als völlig harmloser, aber aus irgendeinem Grund verdächtiger Mensch in ein Lager in Sibirien verschleppt werden konnte. Ich vergesse auch nicht, dass Stalin in jedem Bezirk der Sowjetunion ohne Grund eine bestimmte Zahl von Menschen ermorden ließ, um jeden potenziellen Widerstand im Keim zu ersticken. Und ich komme schwer darüber hinweg, dass einige mit den Morden beauftragte Kommissare Stalin ersuchten, zusätzliche Morde begehen zu dürfen, um ihr Plansoll überzuerfüllen. Nur: Das alles bringt mich nicht davon ab, Russland zu lieben. Dieses Land ist wunderschön, gab der Welt unendlich viel – und hat der Welt immer noch viel zu geben. Ich bin, wie schon gesagt, Österreicher und Wiener – und dennoch ist das Gefühl, das mein Verhältnis zu Russland am besten beschreibt, das des „Heimwehs“.

                                                                            ***

Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.


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