Deutschland

Bund und Länder empfehlen Booster-Impfung für alle, verschärfen 2G-Regeln

Bund und Länder forcieren die Verabreichung einer Drittimpfung. Zudem soll die 2G-Regel verstärkt zur Anwendung kommen.
05.11.2021 15:49
Aktualisiert: 05.11.2021 15:49
Lesezeit: 3 min

Bund und Länder empfehlen generell eine Auffrischungsimpfung nach sechs Monaten. Dies gelte vor allem für ältere Menschen und medizinisches Personal, aber letztlich für alle, sagte Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek nach den Beratungen der Ressortchefs von Bund und Ländern am Freitag. "Die Lage ist teilweise dramatisch, besorgniserregend und alles andere als entwarnend." Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mahnte mit Blick auf das sogenannte Boostern: "Wir brauchen mehr Tempo."

Insbesondere die Erfahrungen in Israel haben gezeigt, dass eine Welle mit konsequenter dritter Impfung sechs Monate nach der Zweitimpfung gebrochen werden kann. Spahn wies darauf hin, dass diese Erkenntnis noch relativ neu sei. Jetzt gelte es umsomehr, nach sechs Monaten die dritte Impfung zu verabreichen. Dazu seien die Hausarztpraxen in der Pflicht, es müsse aber auch öffentliche Angebote wie Impfstellen und -busse geben. Holetschek sagte, es sei jetzt wichtig, die vierte Welle entschlossen und geschlossen zu brechen.

Deutschland stehe "vor sehr schwierigen Wochen" in der Pandemie, sagte Spahn mit Blick auf die aktuellen Zahlen. Man wisse, dass etwa 0,8 Prozent der Neuinfizierten nach zehn bis 14 Tagen auf den Intensivstationen landeten. Das bedeute bei einer Neuinfektionszahl von 40.000, dass von diesen nach einigen Tagen 350 bis 400 Menschen neu auf Intensivstationen versorgt werden müssten.

Das Robert-Koch-Institut meldete am Freitag 37.120 neue Corona-Fälle - so viele wie nie zuvor an einem Tag. Das waren 12.452 Positiv-Tests mehr als am Freitag vor einer Woche. Die Sieben-Tage-Inzidenz sprang auf 169,9 von 154,5 am Vortag. Der Wert gibt an, wie viele Menschen je 100.000 Einwohner sich in den vergangenen sieben Tagen mit dem Coronavirus angesteckt haben. 154 weitere Menschen starben im Zusammenhang mit dem Virus. Die Lage sei "sehr besorgniserregend", schrieb das RKI in seinem Wochenbericht.

Die Hospitalisierungsrate, die angibt, wie viele Corona-Infizierte pro 100.000 Einwohner in einer Woche ins Krankenhaus eingeliefert werden, stieg laut RKI auf 3,91. Sie liegt allerdings noch weit unter dem Höhepunkt von Ende Dezember 2020, als sie fast 16 erreicht hatte. Die Zahl der Corona-Intensivpatienten stieg am Freitag auf 2411 gestiegen. Der Höchstwert lag hier am 4. Januar bei 5723. Allerdings weisen Intensivmediziner darauf hin, dass derzeit weniger Intensivbetten zur Verfügung stehen als im letzten Winter. Krankenhäuser sollen künftig wieder Zuschüsse erhalten, wenn sie zusätzliche Betten für Corona-Patienten freimachen.

WACHSENDER DRUCK AUF UNGEIMPFTE

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) wies im Deutschlandfunk auf die große Kluft zwischen Geimpften und Ungeimpften hin. In Sachsen liege die Inzidenz für Ungeimpfte zwischen 700 und 800, die für Geimpfte aber nur zwischen 70 und 80, sagte er. In dem Bundesland sind nur 56,9 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, in Thüringen sind es 60,9. Mit einer Gesamt-Inzidenz von 386,9 ist Thüringen Spitzenreiter, dahinter folgen Sachsen mit 385,7 und Bayern mit 256,8. Schleswig-Holstein verzeichnet mit 73 den niedrigsten Wert. Vor allem die Landkreise im Grenzgebiet zu Tschechien und Österreich weisen besonders viele Corona-Infektionen auf. Im bayerischen Landkreis Miesbach liegt der Wert bei 715,7.

Das RKI stufte in seinem Wochenbericht die Gefährdung für nicht oder nur einmal Geimpfte als "sehr hoch" ein. Die Gefahr für vollständig Geimpfte sei "moderat, aber aufgrund der steigenden Infektionszahlen ansteigend".

Die deutschen Landkreise forderten eine Impfpflicht für das Personal in der Altenpflege. "Wir erachten mittlerweile eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen, gerade in der Pflege, für unausweichlich", sagte der Präsident des Deutschen Landkreistags, Reinhard Sager, der Funke-Mediengruppe. Dagegen lehnten die privaten Pflege- und Altenheime wie auch die Bundesregierung eine Impfpflicht für Pflegekräfte ab.

Sie zeigte sich zudem skeptisch gegenüber einer neuen Ministerpräsidentenkonferenz, die etwa Sachsens Landeschef Kretschmer einforderte. "Wir wissen doch, dass wir in zehn Tagen in manchen Krankenhäusern ein absolutes 'Land unter' haben", sagte der CDU-Politiker im Deutschlandfunk. "Wir haben keine Zeit. Wenn wir uns jetzt zu viel Zeit lassen, endet das wie im vergangenen Jahr mit einem Lockdown." Er forderte einen Bund-Länder-Beschluss, wieder kostenlose Tests einzuführen, Wirtschaftshilfen bis 2022 zu verlängern und Krankenhäusern zu helfen, damit sie mehr Patienten aufnehmen können.

Die Gesundheitsminister beschlossen am Freitag, dass 2G-Regeln, also der Zugang nur für Geimpfte und Genesese, künftig in besonders betroffenen Gegenden angewendet werden. Gesundheitsminister Spahn bezeichnete dies als wichtigen Schritt für ein einheitliches Vorgehen in Deutschland. Auch Sachsens Kabinett will am Freitag verschärfte 2G-Regeln beschließen, die Ungeimpfte dann ausschließen würden. Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern beschlossen, dass in Pflegeeinrichtungen wegen der sogenannte Impfdurchbrüche künftig auch geimpfte und genesene Besucher getestet werden sollen.

STREIT ÜBER EPIDEMISCHE LAGE

Kretschmer warf den Ampel-Parteien SPD, Grüne und FDP vor, mit dem angestrebten Auslaufen der epidemischen Lage von nationaler Tragweite ein "verheerendes Signal" an die Bevölkerung zu senden. Es handele sich um eine "krasse Fehleinschätzung", sagte der sächsische Ministerpräsident mit Blick auf die steigenden Infektionszahlen. Er kritisierte die Pläne der Ampel-Parteien, das Infektionsschutzgesetz so zu ändern, dass bestimmte einschneidende Maßnahmen nicht mehr möglich sind. "Die Lage ist teilweise dramatisch, besorgniserregend und alles andere als entwarnend", sagte auch Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU).

Die Ampel-Parteien wollen aber an dem Plan festhalten, die epidemische Lage am 25. November auslaufen zu lassen. Der Bundestag solle in einer Sondersitzung am 18. November über Änderungen des Infektionsschutzgesetzes abschließend entscheiden, hieß es aus Fraktionskreisen. Der Beschluss des Bundesrats soll dann am 19. November ebenfalls in einer Sondersitzung folgen. Kommende Woche wollen die drei Ampel-Fraktionen den Gesetzentwurf ins Parlament einbringen und einen Ausschuss zur Anhörung von Experten einsetzen. Vertreter von SPD, Grünen und FDP haben mehrfach betont, mit dem Auslaufen der epidemischen Lage von nationaler Tragweite solle nicht der Eindruck erweckt werden, dass die Pandemie vorbei sei.

Unterdessen teilte der US-Pharmakonzern Pfizer mit, dass sich ein Corona-Medikament als sehr effektiv erweisen habe. Das Risiko, wegen Corona nach einer Infektion ins Krankenhaus zu müssen oder zu sterben, habe sich durch die Einnahme des Mittels bei Erwachsenen mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit einer ernsthaften Covid-19-Erkrankung um 89 Prozent verringert, teilte Pfizer mit.

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