Politik

Deutschland braucht einen Volks-Kapitalismus – Schweden hat es vorgemacht

Der „Volks-Kapitalismus“ könnte eine wirklich gerechte Sozialpolitik herbeiführen. Also weg mit den ideologischen Scheuklappen. Schweden hat es vorgemacht.
19.11.2021 14:00
Lesezeit: 3 min
Deutschland braucht einen Volks-Kapitalismus – Schweden hat es vorgemacht
Die Ampelblume, die im Innenhof der Stadtwerke München steht, leuchtet in allen Phasen Rot, Gelb und Grün. (Foto: dpa)

Das globale Nettovermögen hat sich seit 2000 auf über 500 Bio. US-Dollar verdreifacht. Ca. 75 Prozent dieser Vermögenspreisinflation gehen auf den zinsseitigen Anlagenotstand zurück, der die Immobilien- und Aktienpreise wie Unkraut sprießen ließ. Und der Inflationsdruck gab diesen Sachkapitalanlagen noch mehr Auftrieb. Längst sind die Umverteilungspropheten unterwegs, die diesen Wohlstand unter das Volk bringen wollen. Dabei gäbe es eine viel sinnvollere Sozial- bzw. Altersvorsorgepolitik.

Niemand hat etwas gegen Steuern und Abgaben zur Finanzierung eines funktionierenden Sozialstaats als wesentlichem Bestandteil einer humanen Gesellschaft.

Doch verlangt Deutschland seinen Bürgern und Unternehmen schon heute mit die höchsten Steuersätze weltweit ab und zahlt mittlerweile Sozialleistungen von über einer Bio. Euro jährlich. Dennoch sprechen geneigte Kreise immer noch von Raubtierkapitalismus. Welcher Begriff passt dann erst für Großbritannien oder die USA? Will man noch mehr Unternehmen samt Jobs aus Deutschland verjagen? Will man den Bürgern noch mehr finanzpolitische Repression antun? Ist das sozial?

Ich verstehe auch nicht diejenigen, die förmlich darum bitten, höher besteuert zu werden. Was hält sie davon ab, alternativ gemeinnützige Stiftungen zu gründen oder einfach großzügig und regelmäßig zu spenden?

Warum wird Sozialpolitik nicht innovativer gestaltet? Wann entschärft man eine besonders große tickende Zeitbombe, die Altersarmut? Diese droht, weite Bevölkerungsteile ins finanzielle Unglück zu stürzen. Und dabei geht es nicht nur um die gesetzliche Rente, die mit Blick auf Demographie und Finanzmathematik immer mehr zu einer besseren Armenspeisung wird.

Es geht vor allem um die anhaltende Zins-Magerkost. Bisher schaute die Politik einfach nur zu, wie wir uns arm sparen. Das ist Beihilfe zur Altersarmut. Denn immer noch fußen 70 Prozent der Bevölkerung ihre Altersvorsorge auf Zinspapieren.

Attraktive Zinsen wird es nicht mehr geben (können)

Die Damen und Herren Notenbanker müssen weiter auf Vollkaskoversicherung setzen. Sie werden die Schuldenblase - die größte Anlageblase aller Zeiten - über klare Liquiditätsverknappungen und Zinserhöhungen nicht platzen lassen. Schon die Immobilienblase 2008 hatte unser Finanzsystem an die Klippe geführt. Platzte die Schuldenblase, käme es zum freien Fall und einem auch sozialpolitisch harten Aufprall.

Und während Europa seine museumsreife Infrastruktur in die Neuzeit überführen und seinen Seelenfrieden zinsgünstig finanzieren muss, ist in Amerika immer mehr Verschuldungs-Doping nötig, um die Wirtschaft noch irgendwie zu berauschen. Nicht zuletzt werden Klimaschutz und geostrategische Stärke geldpolitisch bezahlt. Dazu reicht die Finanzkraft der Staaten nicht mehr aus.

Big Government braucht auch einen Big Spender

Grundsätzlich sind die Notenbanken heutzutage gemäß Modern Monetary Theory politisiert, zu willfährigen Erfüllungsgehilfen der Regierungen geworden. Und die achten pingelig darauf, bloß keine Zins-Falken an die geldpolitischen Schalthebel zu lassen. Insofern droht, dass auch Jens Weidmann durch eine Taube ersetzt wird.

Und so wehren sich US-Notenbank und EZB gegen harte restriktive Maßnahmen wie Kinder gegen das Aufräumen ihrer Zimmer. Um dennoch den stabilitätspolitischen Heiligenschein leuchten zu lassen, wird gebetsmühlenartig die Geschichte von der nur vorübergehenden Inflation erzählt. Kürzlich hat EZB-Chefin Lagarde erneut bekräftigt, dass die Inflation mittelfristig wieder unter dem Zielwert von zwei Prozent liegen wird. Das ist kein Wink mit dem Zaunpfahl, das ist klarster Klartext: Der akute Inflationsdruck wird ignoriert. Die tatsächlich höhere Preisentwicklung wird sowieso als Dreck unter den Teppich der EZB gekehrt. Stabilitätspolitisch sechs. Warum sechs? Weil es keine sieben gibt.

Insgesamt, wenn Zinssparen auch zukünftig nicht nur keine Rendite erbringt, sondern nach Inflation sogar zum Groschengrab wird, ist die zinsseitige Altersarmut nicht aufzuhalten. Gleichzeitig spricht dies für eine fortgesetzte Vermögenspreisinflation in inflationsgeschütztem Sachkapital wie Aktien und Immobilien.

Wohlstand für alle

Statt sich jetzt - vielfach auch sozialneidisch - zu beschweren, dass die Reichen über Aktien und Immobilien noch reicher werden, sollte man möglichst viele Bürger an dieser Wohlstandsmehrung „volkskapitalistisch“ beteiligen. Es ist doch viel besser, sie zu Aktionären und Immobilienbesitzern zu machen, als sie später zum Sozialamt zu schicken oder Pfandflaschen sammeln zu lassen. Demokratie wird ja auch an der Wohlstandsfront verteidigt.

Das schreit förmlich nach staatlich geförderten, regelmäßigen Aktiensparplänen. Die Leute müssen raus aus ihrer dunklen Zins-Ecke.

Tatsächlich sind die Megathemen auch abseits des zinsseitigen Anlagenotstands überzeugend. So bringen Dividendenausschüttungen bei Wiederanlage die entgangenen Freuden des Zinseszinseffektes alternativ zurück. Daneben profitieren zyklische Aktien von der anstehenden Konjunkturerholung 2022. Und Digitalisierung, High-Tech und Klimaschutz sind ohnehin zeitlose Geschäftsmodelle.

Beim Immobilienerwerb sollte man den bürokratischen und teuren Hemmnissen die Hälse abschneiden. U.a. müssen staatliche Kosten wie Grunderwerbsteuern kräftig sinken. Übrigens, wer etwas besitzt, zeigt sich finanziell disziplinierter. Man hat ja was zu verlieren.

Dagegen erreicht man mit einem nicht-sozialen, anlagepolitischen „Weiter so“ ähnlich wenig wie mit Globuli gegen Armbrüche.

All das sollte den Politikerinnen und Politikern, die sich uns gegenüber doch gerne als Muttis und Vatis verkaufen, einiges wert sein.

Dieser „Volks-Kapitalismus“ ist eine wirklich gerechte Sozialpolitik. Also weg mit den ideologischen Scheuklappen. Schweden hat es vorgemacht.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen So bleiben deine Online-Finanzdaten geschützt

Heutzutage wird jede deiner Aktivitäten online nachverfolgt. Es fühlt sich an, als würde immer jemand deine Einkäufe im Internet...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Globale Staatsverschuldung auf Rekordniveau: Was Anleger jetzt wissen sollten
12.04.2026

Die globale Verschuldung nimmt weiter zu und übertrifft zunehmend das Wachstum der Weltwirtschaft, während steigende Zinsen die...

DWN
Panorama
Panorama A leader is a dealer in hope: Warum wir Führung heute neu denken müssen
12.04.2026

Leadership gilt als moralischer Kompass unserer Zeit: empathisch, inklusiv, kontrolliert. Doch passt dieses Ideal zur Realität...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Arbeitsverträge als Risiko: So vermeiden Unternehmen teure Fehler
12.04.2026

Arbeitsverträge gelten in vielen Unternehmen als Formalität, doch fehlerhafte oder veraltete Vereinbarungen können schnell rechtliche...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Geely Cityray im Test: Was stimmt eigentlich nicht mit dem günstigen Chinesen?
12.04.2026

Der Geely Cityray gehört zu den vernünftigsten Familien-SUV auf dem Markt. Für einen Preis von 27.000 Euro, der eher dem Segment...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Rüstungsprojekte unter Druck: Milliardeninvestitionen geraten ins Stocken
12.04.2026

Europa investiert Milliarden in neue Verteidigungssysteme, doch zentrale Projekte geraten durch Konflikte, Verzögerungen und steigende...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU-Richtlinien im E-Commerce: One-Click-Return setzt neue Standards
12.04.2026

Neue EU-Vorgaben setzen den Onlinehandel unter Druck, da Rückgaben künftig genauso einfach funktionieren müssen wie der Kaufprozess...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Inflation und Wachstum unter Druck: EZB warnt vor Risiken durch Energiepreise
12.04.2026

Die wirtschaftlichen Risiken im Euroraum nehmen durch steigende Energiepreise und geopolitische Spannungen spürbar zu, während die EZB...

DWN
Politik
Politik Waffenruhe im Iran-Krieg: Trumps riskante Atempause – Probleme im Iran-Konflikt bleiben ungelöst
11.04.2026

Donald Trump feiert die Waffenruhe als Erfolg im Iran-Krieg. Doch entscheidende Fragen bleiben offen, während geopolitische Spannungen...