Wirtschaft

„Lippenbekenntnisse“: Firmen werden Produktion nicht nach Deutschland zurückholen

Der weltgrößte Kreditversicherer Euler Hermes rechnet nicht mit einer Abkehr vom „Just in Time"-Prinzip.
28.12.2021 10:09
Lesezeit: 2 min

Die Industrie dürfte trotz Materialengpässe und gestörter Lieferketten langfristig nicht auf das kostensparende, aber empfindliche Logistikkonzept „Just in Time“ verzichten. Zu dieser Einschätzung kommen die Volkswirte des Kreditversicherers Euler Hermes in ihrer jüngsten Welthandelsstudie. „Die meisten Unternehmen werden allein wegen der Kosteneffizienz schrittweise zur ‚Just in time'-Lagerhaltung zurückkehren“, sagt der neue Deutschlandchef der Allianz-Tochter, Milo Bogaerts. „Hamstern ist auf Dauer schlicht zu teuer.“

Bei „Just in Time“ wird die Lagerhaltung praktisch auf Schiffe, Bahnen oder Lkw verlagert. Statt eventuell benötigtes Material länger auf Lager zu halten, werden dabei genau die benötigten Teile zeitlich passgenau angeliefert. Das spart Kosten und erhöht die Flexibilität, kann aber schnell die Produktion lahmlegen, sobald die Lieferungen ausbleiben.

Weil das zum Beispiel bei Halbleitern während der Corona-Pandemie zu einem großen Problem wurde, wird auch immer wieder eine größere heimische Fertigung von wichtigen Zulieferteilen diskutiert. Dies werde allerdings „weiterhin eher ein Lippenbekenntnis als eine Selbstverständlichkeit sein“, heißt es in der Euler-Hermes-Studie. „Über Reshoring oder Nearshoring wird aktuell zwar viel geredet, aber konkrete Projekte sehen wir nur wenige“, sagt Bogaerts.

Eine Umfrage unter Firmen zum Thema Lieferkette habe gezeigt, „dass die Unternehmen in den USA und in Europa nicht sehr häufig die Absicht haben, ihre Produktion zu verlagern“, schreiben die Ökonomen des Kreditversicherers. Auch bei der Analyse von „entfernungsgewichteten Importen“ zeige sich kein eindeutiger Trend zum Warenbezug von näher gelegenen Standorten. Als einzige Ausnahme nennen die Autoren Großbritannien, „das möglicherweise von Störungen im Zusammenhang mit dem Brexit betroffen war.“

Logistikbranche fordert Notfallmaßnahmen für Lieferketten

Die deutsche Logistikbranche schlägt Notfallmaßnahmen vor, um Lieferketten in einer befürchteten fünften Corona-Welle aufrechtzuerhalten. Er könne sich vorstellen, dass kurzfristig der im März 2020 geschlossene „Pakt zur Versorgung Deutschlands“ neu aufgelegt werde, sagte Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), dem Fachdienst Tagesspiegel Background. „Wir müssen alle die Luft anhalten und hoffen, dass es nicht so eng wird wie befürchtet.“

Im Frühjahr 2020 hatten mehrere Branchenverbände in der ersten Corona-Welle versprochen, die „Funktionsfähigkeit der Lieferketten flächendeckend und zu jeder Zeit“ sicherzustellen. In Abstimmung mit dem Bundesverkehrsministerium wolle man Anfang Januar über einen neuen Gütertransportpakt sprechen, sagte Engelhardt. „Es darf sich nicht wiederholen, dass in den Supermärkten die Regale leer bleiben oder Industrieunternehmen nicht mit Teilen versorgt werden.“

Weil im Frühjahr 2020 viele Fahrer aus Osteuropa wegen Corona in ihre Heimatländer zurückgekehrt waren, brachen manche Lieferketten zusammen. Spediteure sprangen ein, Lkw wurden umgerüstet und umgeleitet, die Versorgung wieder aufgenommen. „Das geht aber nur punktuell“, sagte Engelhardt. Der Verband setzt nun vor allem darauf, dass die Impflücke in der Branche geschlossen wird. Drei Viertel der Fahrer sind laut Engelhardt geimpft.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energie-Aktien: KI-Boom treibt Strompreise und lockt Investoren
01.02.2026

Der Boom der Datenzentren verändert den Energiemarkt rasant. Während KI-Anwendungen den Strombedarf explodieren lassen, geraten Politik...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Globaler Cybersecurity-Ausblick für 2026: Geopolitik und KI prägen neue Cyberrisiken
01.02.2026

Digitale Angriffe betreffen Unternehmen und Staaten an zentralen wirtschaftlichen Schnittstellen. Wie verändern sich Risiken und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Arbeitgeber-Umfrage zeigt: Generation Z ist arbeitsbereiter als gedacht
01.02.2026

Die Generation Z gilt oft als wenig leistungsbereit und stark auf Freizeit fokussiert. Doch eine neue Umfrage aus Norddeutschland zeichnet...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäische Startups: Deutschland dominiert den Kampf um die nächsten Einhörner
01.02.2026

Milliarden fließen, aber nicht mehr in schnelle App-Ideen. Europas Startup-Szene verlagert ihren Schwerpunkt auf Deep-Tech,...

DWN
Finanzen
Finanzen Finanzmärkte 2026: Welche Risiken Anleger beachten müssen
31.01.2026

Die Kapitalmärkte treten in eine Phase erhöhter Unsicherheit, geprägt von Technologieumbrüchen, geopolitischen Spannungen und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI-Welthandel: Wie Datenzentren den globalen Handel neu beleben
31.01.2026

Zölle bremsen, doch Technologie beschleunigt. Während protektionistische Maßnahmen den Welthandel belasten, entwickelt sich künstliche...

DWN
Finanzen
Finanzen Finanzabteilungen vor dem Kollaps? Warum 2026 alles ändert
31.01.2026

2026 wird zum Schicksalsjahr für Finanzabteilungen: KI verspricht Effizienz, Regulierung droht mit Sanktionen – und beides trifft jetzt...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Volvo EX60: Schwedens Antwort auf den BMW iX3 und den Mercedes GLC
31.01.2026

Volvo will sich mit einem neuen Elektro-SUV im Premiumsegment strategisch neu ausrichten. Gelingt es dem Hersteller damit erstmals,...