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Ist die Physik tot?

Lesezeit: 5 min
23.01.2022 09:23  Aktualisiert: 23.01.2022 09:23
In seinem neuen Buch „Einsteins Albtraum“ erläutert der Physiker und Autor Alexander Unzicker, warum es in der Physik seit Langem zu keinen bahnbrechenden Erkenntnissen mehr gekommen ist – und erkennt darin nicht nur eine Forschungs-, sondern auch eine Gesellschaftskrise.
Ist die Physik tot?
Seit fast einem Jahrhundert hat sich in der Physik nicht mehr viel getan. (Foto: pixabay)

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Deutsche Wirtschaftsnachrichten: In Ihrem Buch „Einsteins Albtraum“ schreiben Sie, dass es in der Physik seit etwa 1930 zu keinen bahnbrechenden Erkenntnissen mehr gekommen ist. Das ist kaum vorstellbar.

Alexander Unzicker: Nun, zunächst haben um 1930 praktisch alle führenden Physiker selbst gesagt, dass sie kaum mehr weiterkommen.

Zu dieser Krise der Physik kam der große Einschnitt: Zerstörung der europäischen Wissenschaftslandschaft durch die Nationalsozialisten und den Krieg.

Darüber hinaus veränderte die Atombombe die Art und Weise, wie Physik betrieben wurde - die Physiker selbst waren erschrocken über die Konsequenzen ihrer Forschung.

Und schließlich wurden seit den 1950er Jahren immer größere Teilchenbeschleuniger gebaut wie der „Large Hadron Collider“ am CERN, mit denen man alle möglichen Teilchen fand. Aber wenn man deren Resultate mit den offenen Fragen von früher abgleicht, stellt man fest: da wurde überhaupt nichts beantwortet. Das ist bis heute so.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welche großen Fragen der Physik sind denn bisher unbeantwortet?

Alexander Unzicker: Ein sehr unterschätztes Thema sind Naturkonstanten. Warum ist zum Beispiel die Gravitationskraft so stark, wie wir sie beobachten? Die Physiker tun heute so, als sei das ein gottgegebenes Gesetz, aber eigentlich fehlt eine Erklärung. Oder, warum ist das Proton im Atomkern 1836-mal schwerer als ein Elektron? Heute kümmert sich praktisch niemand mehr um solche Fragen, obwohl es eigentlich der Job von theoretischen Physikern wäre, so etwas zu berechnen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Woran liegt das - und warum der Buchtitel „Einsteins Albtraum“?

Alexander Unzicker: Offensichtlich liegt eine große Tragik darin, dass der überzeugte Pazifist Einstein mit seinen Erkenntnissen dazu beigetragen hat, dass die Physik die schlimmsten Zerstörungswaffen entwickelt hat. Wobei Technik dabei eine größere Rolle gespielt hat als fundamentale

Erkenntnisse. Aber ich denke, Einstein wäre auch aus einer allgemeineren Sicht heraus heute unglücklich: er suchte unentwegt nach elementaren Naturgesetzen, während die Forscher von heute sich mit oberflächlichen Modellbildungen zufriedengeben. Jeder, der nachliest, wie Einstein, aber auch Dirac oder Schrödinger über Naturgesetze dachten, merkt, dass sie die heutigen Konzepte für ziemlich lächerlich gehalten hätten.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Woraus schließen Sie das?

Alexander Unzicker: Einstein sagte explizit, eine gute Theorie kann keine willkürliche Zahl enthalten, die nicht weiter hergeleitet wird. Die heutigen Modelle enthalten über hundert solche willkürlichen Zahlen. Es mag ja normal sein, dass man Experimente macht und diese beschreibt. Aber die Kultur, die Ergebnisse zu hinterfragen, ist verlorengegangen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: In Ihrem Buch unterscheiden Sie zwischen einer europäischen und einer amerikanischen Physik-Kultur. Was sind die Unterschiede?

Alexander Unzicker: Die Europäer kamen aus einer philosophischen Tradition: Erklären und Verstehen war das oberste Ziel. In Amerika war man stets zufrieden, wenn man ein funktionierendes Modell hatte und konzentrierte sich auf Erfindungen und Anwendungen. Mit ihrer Stärke in der Organisation realisierten die Amerikaner dabei Projekte, die Europa nicht geschafft hätte. Aber das Nachdenken über die grundlegenden Gesetze kam dabei zu kurz. Nicht zuletzt infolge des Krieges - nach dem die USA ja nun mal die weltweit dominierende Nation waren - setzte sich diese amerikanische Kultur eben durch.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Mancher wird sagen, die grundlegenden Gesetze seien egal, Hauptsache ist, die Forschung liefert für die Praxis nützliche Erkenntnisse und Ergebnisse.

Alexander Unzicker: Selbst, wenn man mit der Technik allein glücklich ist, darf man nicht vergessen, dass erst der menschliche Wissensdurst zu unserer Zivilisation geführt hat. Eine Welt mit Telekommunikation existiert heute nicht, weil man das mit Gewalt erschaffen wollte, sondern weil um 1860 jemand neugierig war, wie elektromagnetische Wellen mit Licht zusammenhängen. Und man darf nicht vergessen: Ein Kepler ist im Mittelalter nicht einfach so aufgetaucht, sondern weil es um 1580 in Württemberg kostenlose Schulen gab.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Behindert unser Wissenschaftsbetrieb aufgrund zu starker Spezialisierungen kreatives und visionäres Denken?

Alexander Unzicker: Man muss sich bewusst machen, dass das heutige Zeitalter von Big Science nichts mehr mit der Physik zu tun hat, die Anfang des vorigen Jahrhunderts ihre Blütezeit hatte. Und das liegt nicht daran, dass alles schwieriger geworden ist, wie so oft behauptet wird. Tatsache ist: Je größer die Institutionen, desto enger der Forschungskorridor und desto weniger Raum für Kreativität. Ich sehe auch darin eine kulturelle Fehlentwicklung: die Vorstellung, durch Geldmittel, Einsatz von genügend Personal und guter Organisation alles erreichen zu können, so als seien Erkenntnisse Waren, die man am Fließband produziert. Und dieses System hat eben auch seine Schattenseiten…

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Können Sie die näher erläutern?

Alexander Unzicker: Wenn Sie sich ansehen, wie heute Großprojekte beworben werden wie der Future Circular Collider, gibt das schon zu denken. Die Modelle seien so toll, nur leider wisse man immer noch immer nicht, was dunkle Materie ist, aber das neue Milliardenprojekt werde bestimmt in irgendeinem Energiebereich irgendwelche Hinweise darauf liefern … es steckt aber keine neue Idee dahinter, außer: wir brauchen unbedingt etwas Größeres. Das lässt schon zweifeln an der Redlichkeit derer, die seit Jahrzehnten bewusst schwammige Versprechungen machen. Genau besehen, sagen sie nämlich gar nichts vorher. Und das ist im Sinne von Karl Popper ein Todesurteil, weil Wissenschaft falsifizierbare Aussagen machen muss.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Aber war nicht Wissenschaft oft gerade dann erfolgreich, wenn sie darauf los experimentiert hat?

Alexander Unzicker: Da haben Sie schon Recht. Das setzt aber ergebnisoffenes und transparentes Herangehen voraus. Im CERN werden aber beispielsweise durch das sogenannte „Triggern“ über 99,99 Prozent der Rohdaten weggeworfen, weil man sie im Sinne des Modells nicht für interessant hält. Wirkliche Entdeckungen werden also schon durch die eigenen Scheuklappen verhindert. Ganz abgesehen davon, dass es ziemlich absurd ist, um ein Vielfaches mehr an Daten zu produzieren, als man speichern kann und es bisher nicht geschafft hat, die Daten der vergangenen Experimente vernünftig verfügbar zu machen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Ist der Zustand unserer aktuellen Physik-Kultur auch ein Abbild gesellschaftlicher Entwicklungen?

Alexander Unzicker: Ich würde sagen, da besteht eine Wechselwirkung. Die Gesellschaft wird in hohem Maße von der Technologie dominiert, die sich aus der Wissenschaft speist. Diese benötigt wiederum einen Zustand der Gesellschaft, in der Freiheit und Kreativität gedeihen können. Im Moment erleben wir in beiden Gebieten eine oberflächliche Denkkultur. Jeder erlebt, dass die derzeitige Zivilisation nicht nachhaltig ist. Natürlich kann die bekannte Physik hier zu Verbesserungen beitragen. Aber was elementare Naturgesetze betrifft, hat auch sie das gründliche Nachdenken verlernt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Was müsste getan werden, um ein stärkeres Interesse an der Physik zu wecken?

Alexander Unzicker: Die Forschung selbst ist heute sehr bürokratisiert und hat, wenn man ehrlich ist, oft sehr wenig Output. Anstatt Geld in Institutionen und Projekte zu buttern, sollte man eher begabte Individuen fördern und ihnen ein Leben als „Forschungsmönche“ ermöglichen. Ansonsten muss Grundlagenforschung keine Massenbewegung sein. Ihr ist am besten gedient, wenn die Gesellschaft die Freiheit der Forschung akzeptiert und sich ansonsten an Evidenz und Vernunft hält.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Kann die Physik erklären, was die „Welt im Innersten zusammenhält“? Und welche Tore müsste sie aufstoßen, um der Beantwortung dieser Frage näher zu kommen?

Alexander Unzicker: Ich persönlich halte sehr viel von den Versuchen Einsteins mit einer variablen Lichtgeschwindigkeit und von den kosmologischen Gedanken Paul Diracs und habe darüber auch Bücher geschrieben. Aber es geht, glaube ich, weniger darum, eine bestimmte Theorie zu propagieren. Mich hat immer verwundert, wie sehr zeitgenössische Physiker auf die Gegenwart fixiert sind. Man kann aber eine Naturwissenschaft nur in ihrer historischen Entwicklung wirklich verstehen, und daher habe ich ihre Geschichte näher betrachtet. Im Ergebnis ist es wohl so, dass wir tatsächlich etwa hundert Jahre zurückgehen müssen, wenn wir grundlegende Fortschritte erzielen wollen. Denn alles deutet darauf hin, dass man zu dieser Zeit, auch in der Art der Fragestellungen, falsch abgebogen ist.

Info zur Person: Dr. Alexander Unzicker ist sowohl theoretischer Physiker als auch Jurist und promovierte in der kognitiven Psychologie. Sein Buch "Vom Urknall zum Durchknall" (Springer Verlag) über den Zustand der modernen Physik wurde als "Wissenschaftsbuch des Jahres 2010" gekürt und erschien in den USA unter dem Titel "Bankrupting Physics" (Macmillan). Neben seiner Vortrags- und Forschungstätigkeit betreibt Unzicker auch den YouTube-Kanal "Real Physics", der der Diskussion grundlegender Fragen gewidmet ist, unter anderem auch mit Interviews von Nobelpreisträgern.


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