Finanzen

Kurseinbrüche an den Börsen: Warum ist die Liquidität versiegt?

Der Einbruch der Meta-Aktie am Donnerstag um mehr als 25 Prozent zeigt, mit welcher Wucht die Volatilität zurückgekehrt ist. Dahinter steckt ein massiver Rückgang der Liquidität.
04.02.2022 11:00
Lesezeit: 3 min

Innerhalt nur eines Tages ist Facebook-Chef Mark Zuckerberg 29 Milliarden Dollar ärmer und Amazon-Chef Jeff Bezos 22 Milliarden Dollar reicher geworden. Denn die Aktie Facebook-Eigner Meta ist um mehr als ein Viertel eingebrochen und die Amazon-Aktie schoss um rund 15 Prozent in die Höhe. Diese hohe Volatilität zeigt sich in dieser Woche überall an den US-Börsen, etwa auch bei PayPal und Snap.

Der enorme Anstieg Liquidität spiegelt nicht nur die überraschenden Finanzergebnisse dieser Unternehmen wider, sondern ist vor allem eine eine Folge fehlender Liquidität im Markt. Investoren sind in letzter Zeit kaum noch in der Lage, mit großen Aktienpaketen zu handeln. Denn aufgrund fehlender Liquidität führen größere Käufe oder Verkäufe zu großen Kursschwüngen.

In den letzten zwei Wochen haben Vermögensverwalter eine Verschlechterung der Liquidität beobachtet, was einige sogar dazu veranlasst hat, große Geschäfte ganz zu vermeiden. "Die Innertages-Liquidität ist stark zurückgegangen", zitiert die Financial Times Patrick Murphy, Partner beim Marktmacher GTS. "So etwas habe ich seit März 2020 nicht mehr gesehen."

Das Ausmaß der fehlenden Liquidität

Rocky Fishman, Stratege bei Goldman Sachs, stellte fest, dass die Liquidität "so stark nachgelassen hat", dass die Differenz zwischen den Preisen, zu denen Händler e-mini S&P 500 Index-Futures, eines der beliebtesten Instrumente für Wetten auf die Richtung des US-Aktienmarktes, kaufen oder verkaufen können, in den letzten zwei Wochen häufig 50 Cent erreichte. Das ist doppelt so viel wie der übliche Abstand von 25 Cent.

Schwache Liquidität kann offensichtlich extreme Marktbewegungen nach sich ziehen. Und solche Schwankungen waren nun tatsächlich zu beobachten. Nachdem einige der größten Unternehmen in den USA mit ihren Ergebnisse hinter den Schätzungen der Wall Street zurückgeblieben waren, brachen ihre Aktienkurse in einem Ausmaß ein, wie man es eigentlich nur in Krisenzeiten verzeichnet.

Die Aktien des Facebook-Eigentümers Meta fielen am Donnerstag um mehr als ein Viertel und erlebten damit ihren schlimmsten Tag in der Geschichte des Unternehmens, dessen Marktkapitalisierung um mehr als 230 Milliarden Dollar sank. PayPal stürzte um fast 25 Prozent ab, nachdem es die Prognosen verfehlt hatte. Im vergangenen Monat verzeichnete Netflix den stärksten Kurseinbruch seit fast einem Jahrzehnt.

Der Aktienkurs des Social-Media-Unternehmens Snap hingegen schnellte um mehr als 50 Prozent in die Höhe, und die Aktien von Amazon stiegen im nachbörslichen Handel nach den Quartalsergebnissen am späten Donnerstag um rund 15 Prozent.

Händler sprachen von "Luftlöchern" auf dem Markt, wenn Kurse schnell ansteigen oder einbrechen. Der Leiter einer der größten Handelsabteilungen an der Wall Street sagte, dass der so genannte Blockmarkt, wo große Aktiengeschäfte zwischen 10 Millionen Dollar und mehr als 1 Milliarde Dollar getätigt werden, während der schlimmsten Marktturbulenzen größtenteils zum Erliegen kam.

"Aufgrund der erhöhten Volatilität ist die Preisgestaltung für die Durchführung von Geschäften jeglicher Art so groß geworden, dass es sehr schwierig ist, Verkäufer und Käufer zusammenzubringen, da die Käufer Abschläge verlangen, die das Risiko widerspiegeln", sagte die Person gegenüber der FT und bezog sich dabei auf den Unterschied zwischen Angebots- und Nachfragepreisen für bestimmte Aktien.

Die turbulenten Bedingungen kommen offenbar dadurch zustande, dass die Anleger ihre Portfolios neu positionieren, um sich auf die straffere Geldpolitik der Federal Reserve einzustellen, welche die Inflation bändigen will. Allerdings erwartet der führende Hedgefonds-Manager Kyle Bass, dass die US-Notenbank die erwarteten Zinserhöhungen nicht umsetzen wird, da sie damit den Markt zum Crash bringen würde.

Können ETFs Abhilfe gegen Volatilität schaffen?

"An der Wall Street hat die große Mehrheit der Händler, Strategen und Portfoliomanager eine solche Inflation noch nicht erlebt", sagte Ron Temple, Leiter der US-Aktienabteilung bei Lazard Asset Management. "Die Volatilität wird durch die Berichtsaison verschärft, aber ich denke, sie wird das ganze Jahr über bestehen bleiben, da die Leute versuchen werden, herauszufinden, wo sich das einpendeln wird."

Der Anstieg der Volatilität und das schlechte Funktionieren des Marktes haben viele Anleger dazu veranlasst, auf börsengehandelte Fonds umzusteigen, von denen sie glauben, dass sie große Aktienpakete schnell kaufen oder veräußern können, ohne den Fondspreis so stark zu beeinflussen, wie sie es tun würden, wenn sie mit Aktien eines börsennotierten Unternehmens handeln würden.

Das Handelsvolumen der in den USA börsennotierten ETFs erreichte am 24. Januar einen Rekord von 475 Milliarden Dollar und lag damit weit über dem bisherigen Höchststand, der im Februar 2020 erreicht wurde, als Corona die US-Finanzmärkte erstmals erschütterte, so Daten der iShares-Einheit von BlackRock.

Hochgeschwindigkeits-Handelsunternehmen und traditionelle Makler haben begonnen, mehr Appetit zu zeigen, um den Markt mit Liquidität zu versorgen, wenn auch auf sehr niedrigem Niveau. Daten von Goldman zufolge können Händler in dieser Woche e-mini S&P 500-Futures im Wert von etwa 3 Millionen Dollar zum aktuellen Marktpreis abschließen, ein Anstieg gegenüber dem Tiefstand von 2,2 Millionen Dollar im Januar, aber dennoch nur ein Bruchteil des Durchschnitts der letzten zwei Jahre.

Wegen der anhaltend schwachen Marktbedingungen erwarten Händler weitere Volatilität. "Die größte Erkenntnis ist, wie extrem diese Schwankungen waren", sagt Chris Murphy, Co-Leiter für Derivatstrategien bei der Susquehanna Investment Group. "Es gibt so etwas wie eine Rückkopplungsschleife: Wenn die Volatilität zunimmt, nimmt die Liquidität ab, und wenn die Liquidität abnimmt, nimmt die Volatilität zu."

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