Finanzen

Südostasien verringert seine Abhängigkeit vom US-Dollar

Die Staaten Ost- und Südostasiens wollen ihre Handelsgeschäfte künftig vermehrt in lokalen Währungen abwickeln.
09.03.2022 16:00
Lesezeit: 5 min
Südostasien verringert seine Abhängigkeit vom US-Dollar
Ein Mann hält verschiedene Banknoten der indonesischen Rupiah in den Händen. (Foto: dpa) Foto: Ivan Damanik

Mehrere Länder in Ost- und Südostasien fahren die Nutzung des US-Dollars im grenzüberschreitenden Handel kontrolliert zurück und wickeln stattdessen mehr Geschäfte in regionalen Währungen ab. Finanztechnische und politische Faktoren spielen bei der schrittweisen Hinwendung zu den eigenen Landeswährungen eine entscheidende Rolle.

Regionalisierung des Zahlungsverkehrs

In den vergangenen Jahren war die Zahl einschlägiger „Local Currency Settlements“ (LCS), also jener Handelsgeschäfte, die ausschließlich in den Landeswährungen der beteiligten Länder abgewickelt werden, in der Region deutlich gestiegen.

Die schrittweise Regionalisierung der Zahlungsabwicklung unter Umgehung der amerikanischen Weltleitwährung macht sich inzwischen in Form institutioneller Neuerungen bemerkbar: So hatte Japans Finanzministerium im August 2020 mit der Zentralbank Indonesiens erstmals einen Vertrag zur Aufwertung der Landeswährungen Yen und Rupiah im bilateralen Handel geschlossen, welcher ein Jahr später in Kraft trat und der die „makroökonomische Stabilität stärken soll, indem die Nutzung der Landeswährungen bei der Abwicklung von Handel und Direktinvestitionen zwischen Indonesien und Japan gefördert wird“, wie es in einem offiziellen Dokument heißt.

Bereits 2016 hatten Thailand und Malaysia ein vergleichbares Abkommen zur Stärkung des Baht und des Ringgit geschlossen, welchem sich Indonesien im Folgejahr und die Philippinen im Frühjahr 2019 anschlossen.

Im Zuge der Aufnahme Indonesiens zum thailändisch-malaysischen Währungsabkommen hielt der Gouverneur der Zentralbank von Malaysia im Dezember 2017 eine Rede, aus der der strategische Charakter der Lokalisierungsbestrebungen sowie das dadurch erhoffte wirtschaftliche Potenzial deutlich hervorgeht:

„Die Partnerschaft innerhalb von ASEAN entscheidet über die regionale Integration und über die Unterstützung unserer Volkswirtschaften und Finanzsysteme. (...) Die Daten sehen sehr vielversprechend aus: Im Jahr 2016 belief sich der intra-regionale Handel auf 521 Milliarden US-Dollar oder 23,5 Prozent des gesamten Handels. Innerhalb der ASEAN-Gruppe getätigte Investitionen stiegen auf einen Rekordwert von 24 Milliarden Dollar - was 25 Prozent aller in die Region fließenden ausländischen Direktinvestitionen ausmachte. (...) Im Jahr 2016 teilte sich Malaysia ein bilaterales Handelsvolumen mit Indonesien von 13,8 Milliarden Dollar und mit Thailand von 13 Milliarden Dollar. Doch nur 5,8 Prozent beziehungsweise 11,4 Prozent des wirtschaftlichen Austausches wurden in lokalen Währungen abgerechnet. Hier warten enorme Geschäftschancen für den Finanzsektor, die noch realisiert werden können.“

Grundlage der Entwicklung ist eine von der Association of Southeast Asian Nations (Asean) konzipierte Strategie, im Rahmen derer die Mitgliedsstaaten aufgefordert werden, bei der Bezahlung von Transaktionen verstärkt auf ihre Landeswährungen zurückzugreifen - und nicht mehr so stark auf den weiterhin dominierenden Dollar.

Asean versteht sich demnach als Schrittmacher im Bereich der verstärkten Nutzung regionaler Währungen. Aber nicht nur das - die Ambitionen gehen weit über diesen Teilaspekt hinaus und zielen auf eine verstärkte wirtschaftliche und politische Integration der Region insgesamt ab. Offenbar will Asean dem Vorbild der Europäischen Union folgend zur Erreichung dieses Ziels auch gemeinsam verwaltete Strukturen etablieren.

In einer im Jahr 2010 im Auftrag der Organisation erstellten Studie werden unter anderem folgende Maßnahmen empfohlen: „Die Abschaffung von Restriktionen im Kapitalverkehr, um ein sicheres Handelssystem aufzubauen; die Förderung von bilateralem und regionalem Handel und Investitionen zwischen den Asean-Ländern; die Etablierung von Regeln zum Devisenmanagement, um die Verwendung lokaler und regionaler Währungen zu stärken; die Einführung neuartiger Zahlungssysteme, um den Rückgriff auf eigene Währungen auf Ebene der Unternehmen, des Landes und der ganzen Region zu erleichtern; die Entwicklung gesunder Finanzmärkte; die Förderung strategischer inner-regionaler Produktions- und Handelsnetzwerke in großen Exportindustrien und den Aufbau finanzieller Kooperationsplattformen und geldpolitischer Koordination der Zentralbanken.“

Kein anderes Land der Region verfolgt das Ziel, den Dollar verstärkt aus den eigenen Handelsgeschäften mit den Nachbarn auszuklammern, aber so nachhaltig wie China.

Mit dem milliardenschweren und auf 30 Jahre angelegte Gasvertrag, den Chinas Präsident Xi Jinping und Russlands Staatsoberhaupt Wladimir Putin zu Beginn der Olympischen Winterspiele unterzeichneten, nimmt die strategische Abkehr vom „Greenback“ an Fahrt auf - denn die Chinesen werden das sibirische Gas ausschließlich in Euro bezahlen. Unklar ist bislang, ob eine parallel zum Gas-Deal vereinbarte Verlängerung eines großen Ölvertrags im Umfang von rund 80 Milliarden Dollar und einer Laufzeit von 10 Jahren ebenfalls in der europäischen Gemeinschaftswährung, in Dollar oder in eigenen Währungen abgewickelt werden wird.

Das auch diese Option auf dem Tisch liegt zeigte sich im September des vergangenen Jahres, als der russische Ölkonzern Gazprom Neft bekanntgab, bestimmte in China erbrachte Dienstleistungen künftig nur noch in Rubel oder Renminbi und nicht mehr in Dollar abzuwickeln. Inzwischen ist der Anteil des Dollars im chinesisch-russischen Handel auf unter 50 Prozent des Geschäftsvolumens gesunken, wovon vor allem der Euro als Alternativwährung profitieren konnte.

Die zunehmende Berücksichtigung lokaler Währungen habe das „finanzielle Sicherungsnetz“ der Region gegen externe Schocks verstärkt, sagte der Gouverneur der chinesischen Volksbank, Yi Gang, zuletzt Mitte Februar. Hinter der demonstrativen Unterstützung Pekings steht nicht zuletzt das Ziel, den Renminbi zu einer international akzeptierten Handelswährung - und mit Blick auf die ferne Zukunft zu einer Reservewährung und echten Alternative zum Dollar - weiterzuentwickeln.

Das die Länder des pazifischen Asiens verstärkt auf ihre eigenen Währungen setzen, lässt sich auch am wachsenden Volumen sogenannter Währungstauschmechanismen („Currency Swap Agreements“) ablesen, im Rahmen derer die Asean-Länder, China, Südkorea und Japan sich gegenseitig Zugang zu ihren jeweiligen Landeswährungen gewähren. Wie die South China Morning Post berichtet, haben diese Abkommen im vergangenen Jahr einen historischen Höchststand von umgerechnet 380 Milliarden Dollar erreicht.

Das anschwellende Gesamtvolumen der Währungstausch-Abkommen lässt einerseits Rückschlüsse auf den expandierenden Handelsverkehr innerhalb der Region zu - ist darüber hinaus aber auch als eine Funktion der schrittweisen Abkehr vom Dollar zu verstehen. Zuletzt hatte die chinesische Zentralbank ihren auf umgerechnet 40 Milliarden US-Dollar taxierten Währungstauschrahmen mit der Notenbank Indonesiens im Januar um weitere drei Jahre verlängert.

Während China die „De-Dollarisierung“ vornehmlich aus finanzstrategischen und geopolitischen Gründen - konkret als Abschirmmaßnahme gegen mögliche Sanktionen der US-Regierung - vorantreibt, sorgen sich in Südostasien viele Beobachter eher vor möglicherweise bevorstehenden Gewichtsverlagerungen im internationalen Finanzsystem und die Umkehr bedeutender Kapitalströme.

Vorsorge gegen Kapitalflucht

Die Vorsorge für den Fall eines signifikanten Abflusses von Dollar-Liquidität in Richtung USA, wie er in der Vergangenheit mehrfach im zeitlichen Umfeld von Leitzinsanhebungen der Federal Reserve aufgetreten war, dürfte derzeit der Hauptgrund für die in Südostasien propagierte Regionalisierung der Handelsabwicklung sein.

Mit Unbehagen blicken viele Schwellenländer auf Mitte März, wenn die US-Zentralbank ihre Geldpolitik aller Wahrscheinlichkeit nach mit den ersten Leitzinsanhebungen seit Jahren normalisieren wird. In der Vergangenheit war eine Straffung der amerikanischen Geldpolitik mit umfangreichen globalen Kapitalumschichtungen einhergegangen, in deren Zuge große institutionelle Anleger und Gesellschaften Gelder aus Entwicklungsländern abzogen und im Dollarraum investierten, weil sich das Risiko-Rendite-Verhältnis angesichts der steigenden Zinsen zu Gunsten der USA verschob und das in vielen Entwicklungsländern vorherrschende höhere (politische Währungs-)Risiko dadurch stärker ins Gewicht fiel.

Glaubt man offiziellen Stellungnahmen, erwarten asiatische Geldpolitiker eine Kapitalflucht auch im nun anbrechenden Normalisierungszyklus. Mit Blick auf die Zinswende in den USA sprechen sich indonesische Spitzen-Beamte öffentlich für eine Ausweitung der LCS aus. Finanzministerin Sri Mulyani Indrawati erkennt in diesen ein probates Mittel für Schwellenländer auf der ganzen Welt, drohenden Kapitalabflüssen entgegenzuwirken. „LCS sind Teil der globalen Agenda, weil sie einem Sicherheitsnetz in den Finanztransaktionen der Staaten gleichen und die Anfälligkeit für Risiken reduzieren, die aus wirtschaftlichen Schocks und finanzieller Instabilität erwachsen“, wird die Finanzministerin von der South China Morning Post zitiert.

Es gehe jetzt vor allem darum, dass die Abkehr der reichen Länder von ihrer Nullzinspolitik „gut kalibriert, gut geplant und gut kommuniziert wird“ um negative Effekte auf die Entwicklungsländer zu minimieren. Die Hinwendung heimischer Unternehmen zu regionalen Währungen habe die Abhängigkeit Indonesiens vom Dollar im Jahr 2021 um mehr als 2,5 Milliarden Dollar gesenkt - für das laufende Jahr erwartet die Zentralbank in Jakarta, dass der Umfang von in lokalen Währungen abgewickelten Geschäften um weitere 10 Prozent zunehmen wird.

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