Deutschland

Verbände warnen eindringlich vor Energie-Embargo gegen Russland

Die durch „Klima-Maßnahmen“ sturmreif geschossene deutsche Wirtschaft könnte infolge des Ukraine-Kriegs vollends unter die Räder geraten.
11.03.2022 11:58
Aktualisiert: 11.03.2022 11:58
Lesezeit: 3 min
Verbände warnen eindringlich vor Energie-Embargo gegen Russland
Auf einem Smartphone-Monitor ist die App «MarineTraffic» zu sehen, die die Position des russischen Verlegeschiffs Fortuna vor der Ostseeinsel Bornholm (Dänemark) anzeigt. Das Spezialschiff soll für Bauarbeiten an der inzwischen auf Eis gelegten deutsch-russischen Ostsee-Gaspipeline Nord Stream 2 eingesetzt werden. (Foto: dpa) Foto: Jens Büttner

Mit Blick auf schon spürbare Beeinträchtigungen der deutschen Wirtschaft hat der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) vor den Folgen weiterer Sanktionen gegen Russland - etwa eines Gas-Embargos - gewarnt. „In der deutschen Wirtschaft gibt es eine breite Zustimmung für die harten Sanktionen. Denn Krieg ist keine Basis für Geschäfte“, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben der Rheinischen Post (Freitag). Die bisherigen Sanktionen begännen Schritt für Schritt zu wirken.

Aber: „Aufgrund konkreter Hinweise aus den Unternehmen wissen wir, dass die Rückwirkungen auf die deutsche Wirtschaft in den kommenden Monaten nicht unterschätzt werden dürfen“, sagte Wansleben. „Das gilt nicht nur für weiter steigende Energiepreise, sondern gerade auch für Verwerfungen in den Lieferketten mit großer Breitenwirkung in der Wirtschaft“, warnte er.

Sturmreif geschossen

Immer mehr mittelständische Industriebetriebe könnten sich bei diesen Preisen die Produktion in Deutschland nicht mehr leisten. „Hinzu kommt die Sorge, die eigenen Anlagen wegen Energieengpässen zumindest vorübergehend abschalten zu müssen. Diese wirtschaftliche Situation sollte jede Politikerin und jeder Politiker in Europa berücksichtigen“, sagte Wansleben.

Die von der Bundesregierung verfolgte Strategie der Energiewende und sogenannte „Klimaschutzmaßnahmen“ - die sich konkret in zahlreichen Sondersteuern und Abgaben, die die Bürger bezahlen müssen, äußern - hat dazu geführt, dass die Deutschen inzwischen die höchsten Strompreise der Welt bezahlen und dass immer mehr Unternehmen den Betrieb einstellen müssen.

Lesen Sie dazu: Erstes deutsches Stahlwerk bricht unter Last der exorbitanten Strompreise zusammen

Auch die Metall- und Elektroindustrie warnte vor dramatischen Folgen. „Wenn Deutschland sich dazu entschließen sollte, kein Gas oder Öl aus Russland mehr zu importieren, würde sich das dramatisch auf unsere Industrie, aber auch auf die Privathaushalte auswirken“, sagte der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Stefan Wolf, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Freitag). „Die Inflation wäre zweistellig. Die Versorgungssicherheit wäre ernsthaft gefährdet.“

Die Chemie-Industrie verwies auf den großen Verbrauch von Öl und Gas in der Branche. Sollte es wegen eines Energie-Embargos zu längeren Ausfällen von Anlagen kommen, hätte das massive Folgen für die Wertschöpfungsketten in Deutschland, erklärte der Verband der Chemischen Industrie (VCI) am Freitag. Etwa 95 Prozent aller Industrieerzeugnisse benötigten Chemieprodukte, vom Auto über Computerchips und Dämmmaterialien bis hin zu Fernsehern, Arzneien sowie Waschmitteln. „Wer die Energie- und Rohstoffversorgung für die chemische Industrie kurzfristig abschaltet, lähmt auch die gesamte Industrieproduktion am Wirtschaftsstandort Deutschland“, sagte Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup der dpa.

Lesen Sie dazu: Deutschlands Industrie: Ohne fossile Energiequellen gehen alle Lichter aus

Die Folgen der russischen Invasion in der Ukraine treffen auch die deutschen Baustellen. Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) warnte am Freitag vor gravierenden Preissteigerungen und drohenden Lieferschwierigkeiten. "Die Materialpreise steigen täglich, teilweise im Stundentakt", sagte Hauptgeschäftsführer Tim-Oliver Müller. Allerdings sei dies bisher noch kein Anzeichen von Knappheit, sondern eher von Angst vor drohenden Lieferausfällen. Inwieweit es dann tatsächlich zu Engpässen kommen werde, lasse sich noch nicht beurteilen. "Die Gefahr ist aber sehr reell", sagte Müller.

Besonders betroffene Produktgruppen sind demnach erdölbasierte Stoffe wie Bitumen als wichtiger Bestandteil von Asphalt für den Straßenbau sowie Stahl und Aluminium, die zu großen Teilen aus Russland und der Ukraine bezogen werden. Gleichzeitig werde es für die Unternehmen zunehmend schwieriger, Spundwände und Epoxidharze oder Abdeckfolie und Hartholz am Markt einzukaufen. "Bereits jetzt garantieren einzelne Baustofflieferanten keine Preise mehr, teilweise nehmen Lieferanten sogar keine Anfragen mehr entgegen", sagte Müller. In laufenden Verträgen sei es für die Unternehmen kaum möglich, höhere Kosten weiterzureichen. Für neue Projekte könne dies sogar dazu führen, dass die Unternehmen keine Angebote mehr abgeben können.

"Wir setzen auf einen direkten Dialog mit den Bundesministerien, den Kommunen und größeren Auftraggeberorganisationen, wie der Autobahn GmbH und der Deutschen Bahn", sagte der HDB-Hauptgeschäftsführer. Helfen würde hier die durchgängige Vereinbarung von Stoffpreisgleitklauseln. So könnte das Risiko zumindest teilweise abgeschwächt und die Bautätigkeit aufrechterhalten werden.

Scholz geht kein Risiko ein

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) setzt deshalb auch weiter auf Energieimporte aus Russland. In der EU sind die Positionen aber gespalten, wie sich beim Sondergipfel am Donnerstag in Versailles zeigte. Die US-Regierung hat bereits einen Importstopp für russisches Öl verhängt. Befürworter eines Energie-Embargos kritisieren, dass deutsche Energieimporte aus Russland den Ukraine-Krieg letztlich mitfinanzieren würden. Die Unionsfraktion im Bundestag hatte zuletzt einen Stopp des Gasbezugs über die Pipeline Nord Stream 1 gefordert.

Russlands Präsident Wladimir Putin zeigt sich indes überzeugt, dass die Sanktionen letzten Endes dem Westen schaden und Russland gestärkt aus dem Wirtschaftskonflikt herauskommen wird. Den westlichen Staaten drohten höhere Nahrungsmittel- und Energiepreise, sagte Putin am Donnerstag während einer Sitzung des russischen Kabinetts. Russland aber werde seine Probleme lösen. Das Staatsoberhaupt bezeichnete den Einsatz russischer Truppen in der Ukraine als unvermeidlich und betonte, Russland sei kein Land, das irgendwelche Kompromisse zu Lasten seiner Souveränität für kurzfristige wirtschaftliche Vorteile eingehe. „Am Ende wird dies alles dazu führen, dass unsere Unabhängigkeit, Selbst-Versorgung und unsere Souveränität gestärkt wird.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kennzeichnung im Produktionstempo: Wie Brady die Industrie neu taktet

Produktionslinien laufen schneller denn je, doch die Rückverfolgbarkeit hinkt oft hinterher. Brady setzt genau hier an und zeigt, wie sich...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Anthropic-Manager Guillaume Princen über den Wettbewerb mit OpenAI und den Konflikt mit Trump
14.04.2026

Der Wettbewerb im KI-Markt spitzt sich zu: Anthropic, das Unternehmen hinter dem populären KI-Assistenten Claude, fordert den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Debatte um den Bitcoin-Erfinder: Steckt Adam Back hinter Satoshi Nakamoto?
14.04.2026

Die Debatte um die Identität des Bitcoin-Erfinders gewinnt neue Dynamik, nachdem eine umfassende Recherche einen konkreten Namen in den...

DWN
Immobilien
Immobilien Immobilienmarkt: Bau-Reform mit Vorkaufsrecht der Kommunen für Grundstücke geplant
14.04.2026

Die Bundesregierung plant eine Reform des Baurechts, das den Kommunen deutlich mehr Eingriffsmöglichkeiten auf dem Immobilienmarkt...

DWN
Politik
Politik Debatte um EU-Wettbewerbsfonds: Milliarden für Schlüsselindustrien geplant
14.04.2026

Die EU plant mit dem EU-Wettbewerbsfonds einen milliardenschweren Fonds, um ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den USA und China zu...

DWN
Politik
Politik Entlastungsprämie: Warum viele bei der Prämie leer ausgehen
14.04.2026

Günstigeres Tanken und eine 1.000-Euro-Prämie: Doch die Entlastungen kommen noch längst nicht bei den Bürgern an. Auch werden viele bei...

DWN
Politik
Politik Teuer und ineffizient: CDU-Generalsekretär Linnemann will Krankenkassen streichen
14.04.2026

CDU-Generalsekretär Linnemann fordert weniger Krankenkassen. Warum er weniger Kassen für ausreichend hält und welche Reformen er noch...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Krankenstatistik im Unternehmen: Wie Sie Fehlzeiten auswerten – mit und ohne Software
14.04.2026

Fehlzeiten sind eine betriebswirtschaftliche Größe und keine bloße HR-Kennzahl. Wer Fehlzeiten korrekt definiert, strukturell auswertet...

DWN
Unternehmen
Unternehmen BMW-Aktie: BMW verkauft weniger Autos - Es geht wieder bergab
14.04.2026

China und das Geschäft mit Elektroautos haben BMW ausgebremst. Der Elektroabsatz ist um 20 Prozent eingebrochen. In Deutschland und bei...