Unternehmen

Studie: Ukraine-Konflikt führt zu steigenden Insolvenzen in Europa

Der Welthandel und die Weltwirtschaft erhalten durch den Ukraine-Konflikt einen erheblichen Dämpfer und Insolvenzen steigen, insbesondere in Europa.
22.03.2022 13:15
Aktualisiert: 22.03.2022 13:15
Lesezeit: 2 min

Der Welthandel und die Weltwirtschaft erhalten durch den Ukraine-Konflikt einen erheblichen Dämpfer und Insolvenzen steigen, insbesondere in Europa. Der weltweit führende Kreditversicherer Euler Hermes rechnet in seiner aktuellen Studie nur noch mit einem Wachstum des Welthandelsvolumens um +4 % für 2022 und damit mit konfliktbedingten Einbußen um mindestens zwei Prozentpunkten (pp). Beim globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) gehen die Volkswirte von einem Zuwachs um +3,3 % für 2022 aus (-0,8 pp weniger als vor Beginn des Konflikts) und um +2,8 % für 2023. Für Deutschland hat der Kreditversicherer seine Prognose beim BIP-Wachstum ebenfalls um -1,4 pp auf +1,8 % gesenkt. Ohne entsprechende Gegenmaßnahmen könnten die Insolvenzen in Europa mit +23 % im Jahr 2022 deutlich stärker steigen als ursprünglich erwartet. Auch in Deutschland erwartet der Kreditversicherer mit +4 % eine Trendwende bei den Pleiten.

„Bei einer weiteren Eskalation des Konflikts droht 2023 eine Rezession für die gesamte Weltwirtschaft, für die Eurozone und auch für Deutschland“, sagt Ludovic Subran, Chefvolkswirt von Allianz und Euler Hermes.

Russland stürzt in Rezession: Schockwellen in Zentral- und Osteuropa deutlich spürbar

Die aktuellen Sanktionen treffen Russlands Wirtschaft hart und das Land fällt mit -8 % beim BIP in eine starke Rezession. Bei einer weiteren Eskalation dürfte die Wirtschaftsleistung sogar um -16 % schrumpfen. Für den Welthandel insgesamt ist Russland zwar nicht systemrelevant, in einigen Bereichen dürften die jüngsten Entwicklungen dennoch spürbare Schockwellen auslösen:

„Insbesondere die stark abhängigen Exporteure in Zentral- und Osteuropa könnten herbe Einbußen erleiden“, sagt Subran. „Zudem geraten Lieferketten in einigen Branchen erneut unter großen Druck, insbesondere in der Halbleiter- und Automobilindustrie. Benötigte Metalle, spezielle Gase und Kabel sind knapp und könnten zu unterbrochenen Lieferketten führen.“

Schifffahrt: Umwege von Containerschiffen setzen Lieferketten aus Fernost unter Druck

Containerschiffe vermeiden zudem konfliktbedingt aktuell das Schwarze Meer und nehmen weniger direkte und deutlich zeitaufwändigere und kostspieligere Routen in Kauf.

„Die Umleitung von Frachtschiffen hat zusammen mit den hohen Energiepreisen Auswirkungen auf Frachtraten und Lieferzeiten – und damit auch auf die Lieferketten aus Fernost“, sagt Milo Bogaerts, CEO von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Hinzu kommen die strikten Covid-Maßnahmen in China, die zu Produktionsunterbrechungen und teilweise zu vorübergehenden Schließungen von einzelnen Häfen führen. Eine Stabilisierung der angespannten Situation in der Logistik liegt dadurch aktuell auf Eis und bringt viele Unsicherheiten mit sich.“

Weltwirtschaft ausgebremst: Risiko von Zahlungsausfällen und Insolvenzen steigt

Durch die ausgebremste Weltwirtschaft steigt vielerorts das Risiko von Zahlungsausfällen und auch Insolvenzen dürften wieder merklich ansteigen, insbesondere in Europa:

„Der potenzielle Anstieg der Insolvenzen in Europa hat sich durch den Konflikt in diesem Jahr um 7 pp auf +23 % erhöht und im kommenden Jahr um 4 pp auf +17 %, sofern keine entsprechenden Gegenmaßnahmen implementiert werden", sagt Bogaerts. "In Deutschland sind die Insolvenzen immer noch auf einem sehr niedrigen Niveau – aber die verlangsamte Konjunktur dürfte 2022 wahrscheinlich eine Trendwende auslösen, mit höheren Risiken in den sensibelsten Sektoren wie Energie, Transport und Automobilzulieferer. Wir gehen derzeit von etwa 4 % mehr Insolvenzen aus als im Jahr 2021."

Zahlreiche weitere Risiken stellen Unternehmen aktuell vor große Herausforderungen: Insbesondere die Entwicklung der Energiepreise, die zu einer deutlich höheren Inflationsrate führen als ursprünglich erwartet. Die Euler Hermes Experten haben die Prognose durch den Konflikt in der Ukraine für Deutschland um 2,2 pp nach oben korrigiert: Sie erwarten für die Bundesrepublik im Jahr 2022 nun eine Teuerung um 6 % im Vergleich zum Vorjahr – bei einer weiteren deutlichen Eskalation des Ukraine-Konflikts sogar um +7 %.

Aber auch weitere potenzielle (geo-)politische Risiken sollten Unternehmen im Auge behalten. Die Spannungen im Handelskonflikt zwischen den USA und China bergen zahlreiche Unsicherheiten. Zudem stehen in Frankreich und Brasilien Wahlen an, die zahlreiche Veränderungen mit sich bringen könnten.

Gewinner gibt es in der aktuellen Situation nur wenige. Lediglich Rohstofflieferanten in Mittelost sowie in einigen lateinamerikanischen Staaten könnten von den Bemühungen einiger europäischer Staaten profitieren, sich unabhängiger von russischen Gas- und Öl-Lieferungen zu machen.

Die deutsche Zusammenfassung der Studie finden Sie hier:

www.eulerhermes.de/wissen/wirtschafts-news/wirtschaftlicher-ausblick-energie-handel-und-finanzielle-schockwellen.html

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis bei 10.000 US-Dollar? Warum Analysten einen historischen Durchbruch erwarten

Gold gilt seit jeher als sicherer Hafen, doch die aktuelle Debatte wirkt anders. Steigende globale Verschuldung, anhaltende Inflation und...

 

 

DWN
Politik
Politik Energieprojekt Bornholm: Dänemark und Deutschland einigen sich auf gemeinsame Finanzierung
28.01.2026

Deutschland und Dänemark rücken bei einem zentralen Energieprojekt enger zusammen. Welche wirtschaftlichen und strategischen Folgen hat...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis-Rekordhoch: Trump treibt Gold-Rallye weiter an – sind bald schon 6.000 Dollar möglich?
28.01.2026

Der Goldmarkt erlebt derzeit eine historische Ausnahmesituation: Ein neues Goldpreis-Rekordhoch folgt dem nächsten. Trumps...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Puma unter chinesischem Großaktionär: Welche europäischen Sportmarken unabhängig bleiben
28.01.2026

Der Einstieg eines chinesischen Großaktionärs bei Puma rückt die Eigentümerstrukturen europäischer Sportmarken in den Fokus. Welche...

DWN
Finanzen
Finanzen Verdacht auf Geldwäsche: BKA durchsucht Deutsche Bank
28.01.2026

Erneut Ärger wegen möglicher Geldwäsche: Justiz und BKA sichern Beweise bei der Deutschen Bank. Die Ermittlungen stehen im Zusammenhang...

DWN
Politik
Politik Haseloff-Nachfolger: Schulze neuer Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt
28.01.2026

Nach 15 Jahren Reiner Haseloff übernimmt Sven Schulze das Amt des Regierungschefs in Sachsen-Anhalt – und muss gleich gegen einen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Stellenabbau: Amazon streicht weltweit 16.000 Arbeitsplätze
28.01.2026

Der weltgrößte Onlinehändler Amazon baut erneut Tausende Stellen ab. Was hinter den Entlassungen steckt und wie der Konzern auf die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Konjunkturausblick für Deutschland: Bundesregierung reduziert Wachstumsprognose
28.01.2026

Die Bundesregierung senkt ihre Wachstumsprognose und passt den wirtschaftspolitischen Kurs an. Welche Folgen hat der Beschluss für...

DWN
Finanzen
Finanzen Gehaltsverhandlung: Tipps für mehr Gehalt in schwierigen Zeiten – der 7-Punkte-Plan zur Gehaltserhöhung
28.01.2026

Inflation, Unsicherheit, Sparkurs: Viele Beschäftigte zögern mit der Gehaltsverhandlung. Doch gerade jetzt kann der richtige Ansatz den...