Wirtschaft

Blackrock-Chef: Ukraine-Krieg markiert das Ende der Globalisierung

Der Vorstandsvorsitzende des weltgrößten Kapital-Sammelbeckens sieht eine Zeitenwende heraufziehen.
03.04.2022 08:23
Aktualisiert: 03.04.2022 08:23
Lesezeit: 3 min
Blackrock-Chef: Ukraine-Krieg markiert das Ende der Globalisierung
Blackrock-Chef Larry Fink. (Foto: dpa) Foto: Franck Robichon

Der Vorstandsvorsitzende des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, Larry Fink, sieht eine Zeitenwende für Weltwirtschaft und Finanzmärkte heraufziehen. „Der russische Einmarsch in die Ukraine hat zum Ende jener Globalisierung geführt, wie wir sie in den vergangenen drei Jahrzehnten erlebt hatten“, zitiert die Financial Times Fink.

Der Krieg habe jene sich schon zuvor in der Welt abzeichnenden Tendenzen der ökonomischen Abkopplung verstärkt, so Fink. „Insgesamt werden sich Unternehmen und Regierungen verstärkt ihre Abhängigkeiten von anderen Staaten anschauen. Dies könnte dazu führen, dass Firmen ihre Aktivitäten ins eigene Land oder in die Nähe davon zurückholen, was sich in einer beschleunigten Abwanderung aus manchen Ländern niederschlagen könnte.“

Fink rechnet damit, dass die starken inflationären Tendenzen in der Weltwirtschaft andauern werden. „Eine groß angelegte Reorientierung der Lieferketten wird unweigerlich inflationär wirken“, zitiert die FT aus einem zehnseitigen Brief, den Fink kürzlich an die Blackrock-Aktionäre verschickt hatte. Nutznießer dieser Umgestaltung der Lieferketten könnten aus seiner Sicht Länder wie Mexiko, Brasilien, die USA und die Staaten Südostasiens sein.

Deutsche Wirtschaft rechnet mit „harten Zeiten“

Schaut man sich die aktuelle große Befragung des Ifo-Instituts an, dürften sich die Prognosen Finks bewahrheiten. Die deutsche Wirtschaft sieht für das kommende halbe Jahr schwarz: Das Ifo-Geschäftsklima, Deutschlands wichtigstes Konjunkturbarometer, fiel im März von 98,5 auf 90,8 Punkte. Die Geschäftserwartungen der Unternehmen seien noch stärker abgestürzt als beim Ausbruch der Corona-Krise vor zwei Jahren. „Ein historischer Einbruch“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. „Die Unternehmen in Deutschland rechnen mit harten Zeiten.“

Wegen des Krieges in der Ukraine rechnen die Industrie-, Handels-, Bauunternehmen und Dienstleister in den kommenden Monaten mit einem kräftigen Rückgang ihrer Geschäfte. Die Industriebetriebe bewerteten nicht nur ihren Ausblick als „extrem unsicher“, sie bewerteten auch schon ihre aktuelle Geschäftslage schlechter als im Vormonat: Ihr Gesamtindex ist „so stark gefallen wie noch nie“, sagte Fuest Ende März.

In der Autoindustrie führten fehlende Kabelbäume aus der Ukraine und Engpässe bei Rohstoffen und Halbleitern zu Produktionsstopps und Kurzarbeit in deutschen Werken. „Auto ist richtig abgerauscht von plus 14 auf minus 43 Punkte“, sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe. Die Elektrobranche sei nicht so stark betroffen, die Chemieindustrie dagegen schon. Sie leidet nicht nur unter dem extrem gestiegenen Gaspreis und erwartet Produktions- und Umsatzrückgänge in diesem Jahr, sondern sie käme ohne russische Gaslieferungen sofort ins Schleudern - mit Folgen für die Lieferketten in allen Branchen.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck sagte, Deutschland werde Terminals für Flüssig-Erdgas (LNG) aufbauen und wolle in zwei Jahren unabhängig von russischem Gas sein. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Siegfried Russwurm, warnte, dass Unternehmen wegen der Energiepreisexplosion in existenzielle Schwierigkeiten gerieten: „Schon jetzt sind einige energieintensive Unternehmen gezwungen, ihre Produktion wegen überbordender Gas- und Stromkosten zu drosseln.“

Die vom Ifo-Institut befragten Handelsunternehmen schätzten ihre aktuelle Lage fast unverändert gut ein, aber der Index der Geschäftserwartungen „stürzte so stark ab wie nie zuvor“. Die Verbraucherpreise waren schon im Februar um 5,1 Prozent gestiegen. Mit der fortgesetzten Inflation schrumpft die Kaufkraft der Konsumenten. „Die Händler befürchten, dass die Kunden weniger einkaufen, weil sie mehr für Energie ausgeben müssen und vielleicht auch mehr auf die hohe Kante legen“, sagte Wohlrabe. Fast alle befragten Supermärkte planten Preiserhöhungen. Der Handelsverband HDE erwartet dieses Jahr im Online-Handel 13,5 Prozent Wachstum, im stationären Handel nur 1,2 Prozent - nominal, nicht inflationsbereinigt.

Im Dienstleistungssektor verschlechterte sich das Geschäftsklima, weil die Logistikbranche mit großer Sorge auf die kommenden Monate blickt. Die mittelständischen Betriebe seien im Existenzkampf, der befristete Steuernachlass auf Diesel sei nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“, beklagte der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung am Freitag. Den Transporteuren machen auch hakelnde Lieferketten und der Ausfall osteuropäischer Fahrer zu schaffen.

Dagegen ist die Stimmung bei Gastgewerbe und Touristik gut, sie profitierten von dem Ende vieler Corona-Beschränkungen: „Sie erwarten einen guten Sommer“, sagte Wohlrabe.

Die meisten Baufirmen zeigten sich bei der Ifo-Umfrage zufrieden mit den laufenden Geschäften. Aber auch ihre Erwartungen stürzten ab. Der Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbands, Tim-Oliver Müller, sagte, die Branche schiebe einen historisch hohen Auftragsbestand von 64 Milliarden Euro vor sich her. Aber „wir können heute nicht sicher sagen, ob genügend Material für alle Baustellen in Deutschland vorhanden sein wird“. Es gebe Lieferengpässe, die Preise stiegen, viele Firmen könnten Aufträge nicht mehr seriös kalkulieren: „Die Baubranche schließt Baustopps für eine Vielzahl von Projekten nicht mehr aus“.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Die XRP-Preise stiegen, und XRP-Inhaber verdienten über 10.000 US-Dollar pro Tag durch FORT Miner Hashrate-Verträge.

Mit der jüngsten Erholung der XRP-Preise hat sich die Risikobereitschaft am Markt entsprechend verbessert. Kapital fließt wieder in...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen ETF-Boom unter Kritik: Verzerren passive Investments den Markt?
14.01.2026

ETF gelten manchen Kritikern als Gefahr für den Kapitalismus. Angesichts der wachsenden Dominanz passiver Investments stellt sich die...

DWN
Politik
Politik US-Geldpolitik unter Druck: Strafrechtliche Vorladungen gegen Jerome Powell
14.01.2026

Der Konflikt zwischen politischer Macht und institutioneller Unabhängigkeit in den USA erreicht eine neue Eskalationsstufe. Steht damit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft WEF-Jahrestreffen in Davos: Furcht vor geoökonomischer Konfrontation
14.01.2026

Welche Folgen hat es, wenn Staaten gezielt mit wirtschaftlichen Mitteln Macht ausüben? Im Bericht über globale Risiken der Stiftung World...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bosch-Kooperation mit Neura Robotics: Wie humanoide Roboter schneller lernen sollen
14.01.2026

Humanoide Roboter rücken in den Fokus der Industrie – und eine Bosch-Kooperation mit Neura Robotics soll den nächsten Schritt...

DWN
Politik
Politik Bekämpfung der Inflation: Österreich senkt Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel
14.01.2026

Die Inflation in Österreich ist im Vergleich zum EU-Durchschnitt hoch. Die Koalition aus ÖVP, SPÖ und Neos einigt sich auf eine...

DWN
Politik
Politik Ukraine verlängert Kriegsrecht: Neuer EU-Kredit soll vor allem Militär stärken
14.01.2026

Das neue riesige EU-Darlehen in Höhe von 90 Milliarden Euro soll nach dem Willen der Europäischen Kommission zu einem großen Teil den...

DWN
Immobilien
Immobilien Pflegeimmobilie als Geldanlage: Finanzbranche entdeckt das Pflegeheim
14.01.2026

Die deutsche Bevölkerung altert, und damit steigt der Bedarf an Betreuung. Banken und private Kapitalgeber suchen nach...

DWN
Finanzen
Finanzen Handschriftliches Testament: Wenn eine einfache Quittung über Millionen entscheidet
14.01.2026

Handschriftliches Testament: Wie sicher ist Ihr letzter Wille? Ein aktueller Prozess um eine Darlehensquittung hat die Tücken des...