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Steht die Atomkraft vor einer Renaissance? Teil 1

Aus der Energiewende resultierende Herausforderungen und die Folgen des Ukraine-Krieges lassen die Atomkraft in neuem Licht erscheinen. Kommt es zum Ausstieg aus dem Ausstieg?
14.05.2022 09:13
Aktualisiert: 14.05.2022 09:13
Lesezeit: 4 min
Steht die Atomkraft vor einer Renaissance? Teil 1
Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace projizieren einen Lichtstrahl mit dem Schriftzug "Platz schaffen für die Energiewende! #keingeldfuergestern" auf einen der beiden Kühltürmen des Atomkraftwerks Philippsburg. (Foto: dpa)

Rund 11 Jahre nach dem endgültigen Entschluss der Bundesregierung, die zivile Nutzung der Atomkraft in Deutschland schrittweise einzustellen, mehren sich Stimmen, welche Laufzeitverlängerungen für die derzeit noch aktiven Atommeiler oder sogar einen kompletten Wiedereinstieg in die Technologie fordern.

Hält Berlin am Ausstieg fest?

Mehrere Faktoren haben dieses Umdenken in Teilen von Politik und Gesellschaft angeregt, wobei insbesondere die zunehmend für breite Bevölkerungsschichten spürbaren negativen Folgen der deutschen Energiepolitik eine zentrale Rolle spielen. Die unter dem Schlagwort der „Energiewende“ vorangetriebene Umstellung der Energieversorgung weg von fossilen Quellen hin zu alternativen Erzeugungsformen hat zwar Emissionen reduziert, die Stromerzeugung dezentralisiert und Deutschland dadurch schrittweise unabhängiger von Energie-Importen aus dem Ausland gemacht, errungen wurden diese Fortschritte aber zu Lasten der Versorgungssicherheit und unter Inkaufnahme extrem hoher Strompreise, die heute zu den höchsten der Welt gehören.

Strukturelle, wirtschaftsschädliche Folgen der Corona-Pandemie sowie die russische Invasion der Ukraine haben die enorme Teuerung bei Strom, Energieprodukten und industriellen Rohstoffen noch weiter angefacht, und es ist abzusehen, dass die Inflation in diesen Bereichen mittelfristig hoch bleiben wird. Die dramatische Eskalation im Verhältnis zu Russland hat eine hektische Suche nach alternativen Bezugsquellen für Erdgas und Erdöl angestoßen und die Rufe nach mehr energiepolitischer Unabhängigkeit haben neben den Erneuerbaren auch wieder die Atomkraft ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.

Nicht zuletzt die Imperative der „Klima-Politik“ haben das neu entstandene Interesse an der Nuklearenergie befördert. Da die Stromerzeugung in Atomkraftwerken nur sehr geringe direkte Kohlenstoffdioxid-Emissionen verursacht, gelten Meiler praktisch als „CO2- beziehungsweise klimaneutral“ und damit als Technologie, die zur Abfederung des Klimawandels in Frage kommt. Ausgeblendet wird bei dieser Betrachtungsweise allerdings, dass Bau und Wartung der Anlagen sowie Sicherheitsvorkehrungen und der Bezug sowie die Endlagerung der Brennstäbe mit extremen Ressourcen- und Energie-Investitionen – auch fossilen – verbunden sind.

Die rot-grün-gelbe Bundesregierung hat Laufzeitverlängerungen zwar vom Tisch genommen. Angesichts der völlig unabsehbaren Entwicklungen, mit denen Deutschland in Zukunft auf den Feldern der Geo- und Energiepolitik konfrontiert sein wird, wird die Kernenergie jedoch höchstwahrscheinlich als Option Bestand haben.

Kurz und bündig: wie funktionieren Atomkraftwerke?

Um die von Atom-Kritikern und Befürwortern ins Feld geführten Vor- und Nachteile möglichst nüchtern beurteilen zu können, muss kurz geschildert werden, wie in Atomkraftwerken überhaupt Strom erzeugt wird.

Der grundlegende Mechanismus läuft – vereinfacht dargestellt – so ab: mithilfe der kontrollierten Kernspaltung extrem erhitztes Wasser wird in Wasserdampf umgewandelt, welcher wiederum Turbinen und daran angeschlossene Stromgeneratoren antreibt. Aufbauend auf diesem Grundmechanismus existieren verschiedene AKW-Typen. In Deutschland am verbreitetsten sind (beziehungsweise waren) Druckwasserreaktoren und Siedewasserreaktoren. Im Gegensatz zu Siedewasserreaktoren, die nur über einen geschlossenen Wasserkreislauf verfügen, kennzeichnet Druckwasserreaktoren ein zweiter Wasserkreislauf, der vom Reaktor entkoppelt ist und die Turbine antreibt.

Letztendlich wird in Kernkraftwerken mithilfe von Wasserdampf und Turbinen auf die gleiche Weise Elektrizität erzeugt, wie in Kohle- oder Gaskraftwerken – nur mit dem Unterschied, dass keine fossilen Rohstoffe verbrannt werden, um das Wasser zu erhitzen, sondern die Atomkerne verschiedener Isotopen – meist Uran-235 oder Plutonium-239 – gespalten werden.

Große Vorteile

Verglichen mit anderen Energieformen verfügt die Atomkraft über einige Vorteile. Ein Atomkraftwerk liefert im Normalbetrieb verlässlich und planbar rund um die Uhr Strom – was man von Windrädern und Photovoltaikanlagen nicht behaupten kann. Unter Verweis auf den bereits angesprochenen Umstand, dass Atommeiler im Gegensatz zu fossil betriebenen Kraftwerken keine Emissionen verursachen, hat die EU-Kommission die Technologie als „klimaneutral“ eingestuft und wird sie somit künftig im Rahmen ihrer Industriepolitik fördern.

Die Entscheidung der Kommission basiert auf rationalen Gesichtspunkten. Ernstzunehmende Beobachter warnen seit längerem, dass die „Energiewende“ die bislang noch verlässliche Stromversorgung Deutschlands gefährde, schon bald könnten Stromausfälle folgen. Maßgebliche Politiker und Parteien wie etwa die Grünen propagieren aus diesem Grund inzwischen öffentlich die Idee einer „angebotsorientierten Stromversorgung“. Demnach soll nicht mehr wie bisher zu jeder Zeit Strom bereitgestellt werden, sondern die Nachfrage müsste sich künftig an dem zunehmend schwankenden Angebot ausrichten. Eine Rückkehr zur Atomkraft könnte die Verwirklichung solch eher düsterer Szenarien verhindern.

Der Energieexperte Henrik Paulitz etwa stellt den Atom-Ausstieg insgesamt in Frage – und verweist dabei unter anderem auf den parallel verordneten Ausstieg aus der Kohleverstromung: „Ein Großteil derer, die sich im Laufe der Jahrzehnte festgelegt haben, die Atomenergie abzulehnen, kennen die ursprünglichen Bedingungen nicht, unter denen ein Atomausstieg diskutiert wurde. Das Grundlagenwerk der Energiewende des Öko-Instituts von 1980 („Energiewende – Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran“) sah einen Atomausstieg vor, indem man insbesondere auf die vorhandenen Kohlekraftwerks-Kapazitäten verwies. Zahlreiche darauffolgende Studien sicherten ebenfalls stets ab, dass die verbleibenden Kraftwerke Versorgungssicherheit und Wohlstand weiterhin garantieren würden. Später sollten an die Stelle von Kohlekraftwerken verstärkt Langzeitspeicher (z.B. Wasserstoff) für Wind- und Solarstrom den Atomausstieg absichern. Heute müssen wir feststellen, dass Langzeitspeicher nicht vorhanden sind. Das bedeutet nach aller Logik im Umkehrschluss, dass ein gleichzeitiger Atom- und Kohleausstieg selbstverständlich nicht möglich ist, ohne die Versorgungssicherheit grob fahrlässig aufs Spiel zu setzen.“

Die drei heute noch aktiven Kernkraftwerke decken immerhin etwa fünf bis sechs Prozent des deutschen Strombedarfs. Die Bundesregierung will aber nicht nur Elektrifizierung und Digitalisierung von Industrie und Verwaltung vorantreiben, sondern mittelfristig auch den gesamten Verkehr und die Heizungen von Millionen Häusern und Wohnungen elektrifizieren, was auf eine massive Zunahme der Nachfrage hinausläuft. Wie diese von den schwankungsanfälligen alternativen Energiequellen bedient werden soll, bleibt unklar. Gaskraftwerke, die von Berlin als „Übergangstechnologie der Energiewende“ beworben werden und Kohlekraftwerke – die man schrittweise abschaltet – sind aber nur dann eine tragfähige Option, wenn die internationalen Lieferketten reibungslos funktionieren – was zunehmend fraglich ist. Unter diesen Umständen bieten sich Atomkraftwerke als Teil der Lösung an, weil sie nach Lieferung frischer Brennstäbe zumindest einige Jahre autonom operieren können und nicht Brüchen in den Lieferketten oder geopolitischen Sanktionen unterliegen.

LESEN SIE MORGEN IM ZWEITEN TEIL DIESER ANALYSE:

  • was gegen die Rückkehr der Atomkraft spricht
  • welche Risiken mit der Beschaffung der Brennstäbe zusammenhängen
  • wie sicher es ist, dass nuklear erzeugte Energie Teil des deutschen Energiemixes wird


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