Politik

Wird die Ukraine den Zugang zum Schwarzen Meer verlieren?

Ein russischer Befehlshaber hat die Kriegsziele seines Landes erklärt. Aber wie stehen die Chancen, dass Russland die Ukraine tatsächlich vom Schwarzen Meer abtrennen kann?
22.04.2022 17:19
Aktualisiert: 22.04.2022 17:19
Lesezeit: 2 min

Die russische Armee will in der zweiten Phase ihres Krieges in der Ukraine nach eigenen Angaben den kompletten Donbass im Osten sowie den Süden des Landes einnehmen. Es gehe bei der in dieser Woche begonnenen Etappe der «militärischen Spezialoperation» darum, einen Landweg zur Schwarzmeer-Halbinsel Krim zu sichern. Das sagte der amtierende Befehlshaber des zentralen Wehrbezirks, Rustam Minnekajew, am Freitag der Agentur Interfax zufolge. Bisher hatte sich niemand aus der Militärführung so konkret zu den Zielen des Krieges geäußert.

Kremlsprecher Dmitri Peskow wollte die Frage, ob die «Operation» nun ausgeweitet werde, nicht kommentieren. Er verwies an das Verteidigungsministerium, das zuvor erklärt hatte, sich auf den Osten der Ukraine zu konzentrieren. Dort sollen die Gebiete Luhansk und Donezk komplett der ukrainischen Kontrolle entrissen werden.

«Die Kontrolle über den Süden der Ukraine, da ist noch ein Zugang zu Transnistrien», sagte Minnekajew. In der von der Republik Moldau abtrünnigen Region Transnistrien sind russische Truppen stationiert. Die Ukraine könnte so im Süden den Zugang zum Schwarzen Meer und damit zu den Weltmeeren insgesamt verlieren. Minnekajew deutete an, dass auch in Transnistrien die Interessen der russischsprachigen Bevölkerung verteidigt werden sollen.

Russland begründet mit dieser Argumentation seinen Angriffskrieg in der Ukraine, der offiziell nur als «Spezialoperation» bezeichnet wird. Die Ukraine hingegen spricht von «Völkermord».

Generalmajor Minnekajew räumte nach Berichten über Chaos in der russischen Truppe ein, dass es in der ersten Phase Verluste gegeben habe. Die Soldaten seien in Hinterhalte ukrainischer Streitkräfte geraten. «Aber die russischen Streitkräfte haben sich schnell angepasst und ihre Taktik geändert», sagte er bei einer Versammlung des Verbandes der Unternehmen der Rüstungsindustrie.

«Wie es aussieht, kämpfen wir jetzt mit der ganzen Welt, wie im Großen Vaterländischen Krieg; ganz Europa, die ganze Welt war damals gegen uns. Heute ist es wieder so, sie haben Russland nie gemocht», sagte Minnekajew. Russland nennt den Überfall Deutschlands 1941 im Zweiten Weltkrieg auf die Sowjetunion den Beginn des Großen Vaterländischen Krieges. Die Sowjetunion kämpfte zusammen mit den Alliierten für die Befreiung Europas vom Faschismus.

Um die ganze Schwarzmeer-Küste einzunehmen, fehlen den russischen Truppen noch rund 300 Kilometer. 250 Kilometer haben sie bereits eingenommen, darunter das Gebiet Cherson. Von dort aus sind es noch etwa 120 Kilometer bis in die Millionenstadt Odessa, wo die russischen Truppen besonders harter ukrainischer Widerstand erwarten dürfte. Das Gebiet ist russischsprachig wie der Donbass. Russland sieht das mit Rückgriff auf die Zarenzeit als seine ursprünglichen Gebiete an.

Unklar ist aber, ob die russischen Streitkräfte angesichts vieler Rückschläge in der Lage sind, solche Gebiete zu erobern. Für den Süden gibt der ukrainische Militärexperte Oleh Schdanow vorerst Entwarnung. «Im Süden gibt es keine Gruppierung, die heute Mykolajiw, danach Wosnessensk einnehmen und danach bis Odessa gelangen könnte», sagte der Militärexperte. «Die Schwarzmeerflotte kann heute faktisch keine Landungsoperation durchführen», meinte er.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Tech-Aktien fallen weiter, da die Angst vor kriegsbedingter Inflation zunimmt
19.05.2026

Düstere Wolken über den Märkten: Erfahren Sie, welche Entwicklungen die Börse heute in Atem halten und worauf Anleger jetzt achten...

DWN
Politik
Politik Bundeswehr-Beförderungsstopp sorgt für massive Kritik
19.05.2026

Mitten in den Reformplänen der Bundeswehr löst der Bundeswehr-Beförderungsstopp heftige Diskussionen aus. Gerichtsurteile erzwingen...

DWN
Politik
Politik Koalition sucht richtigen Zeitpunkt: Bundestag diskutiert Verzicht auf Diätenerhöhung
19.05.2026

Eigentlich war die nächste Diätenerhöhung bereits fest eingeplant. Doch die wirtschaftliche Lage und harte Sparmaßnahmen verändern die...

DWN
Finanzen
Finanzen VW-Aktie: Anleger blicken auf Stellenabbau beim VW-Entwicklungsdienstleister IAV
19.05.2026

Tausende Arbeitsplätze stehen bei IAV auf dem Spiel, die Stimmung unter den Beschäftigten ist angespannt. Während die IG Metall massive...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Varta-Stellenabbau: Produktion in Nördlingen endet, über 300 Arbeitsplätze fallen weg
19.05.2026

Varta verliert einen entscheidenden Kunden und zieht drastische Konsequenzen. Die Produktion im Werk Nördlingen endet, rund 350...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Schutz für Stahlindustrie: EU verschärft Zollregeln für Stahlimporte
19.05.2026

Europas Stahlhersteller kämpfen seit Jahren gegen günstige Importe aus dem Ausland. Nun zieht die EU die Reißleine und verschärft die...

DWN
Finanzen
Finanzen Cerebras-Aktie: Nvidia-Konkurrent startet mit großem Knall an der Börse
19.05.2026

Vor ein paar Tagen ging in den USA ein Chiphersteller an die Börse, der als einer der heißesten Nvidia-Konkurrenten gilt. Die...

DWN
Politik
Politik Straße von Hormus unter Druck: VAE planen Pipeline als Antwort auf den Iran-Krieg
19.05.2026

Die VAE beschleunigen den Bau einer neuen Ölpipeline, die den Export unabhängiger von der Straße von Hormus machen soll. Für Europa und...