Wirtschaft

In der Eurozone herrscht offiziell Stagflation - Ökonom warnt vor weiterer Schwächung des Kapitalstocks

Die Stagflation ist Realität. Der Volkswirt Folker Hellmeyer warnt eindringlich vor einer weiteren Schädigung des Kapitalstocks.
29.04.2022 11:00
Aktualisiert: 29.04.2022 11:44
Lesezeit: 3 min
In der Eurozone herrscht offiziell Stagflation - Ökonom warnt vor weiterer Schwächung des Kapitalstocks
Eine glühende Euro-Münze. (Foto: dpa) Foto: Sven Hoppe

In der Eurozone haben die Verbraucherpreise ihren Höhenflug fortgesetzt. Sie erreichten im April, angetrieben von hohen Energiekosten, ein Rekordhoch. Im Jahresvergleich stiegen die Verbraucherpreise um 7,5 Prozent, wie das Statistikamt Eurostat am Freitag in Luxemburg nach einer ersten Schätzung mitteilte. Derweil ist die Wirtschaft der Eurozone im Winter nur verhalten gewachsen - wenn überhaupt.

Die Inflationsrate im Euroraum war seit Einführung der Gemeinschaftswährung im Jahr 1999 noch nie so hoch. Bereits in den Monaten zuvor hatte die Inflationsrate Rekordwerte erreicht. Im Monatsvergleich stiegen die Verbraucherpreise im April um 0,6 Prozent.

Getrieben wurde die Teuerung einmal mehr durch einen extrem starken Anstieg der Preise für Energie, die sich zum Vorjahresmonat um 38,0 Prozent verteuerte. Lebens- und Genussmittel waren im April 6,4 Prozent teurer als vor einem Jahr.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im ersten Quartal 2022 im Vergleich zum Vorquartal nach Eurostat-Angaben um 0,2 Prozent. Im Schlussquartal 2021 hatte das Wachstum noch bei 0,3 Prozent gelegen. Im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum wuchs die Wirtschaft der 19 Eurostaaten um 5,0 Prozent.

Der Ukraine-Krieg dämpft die wirtschaftliche Erholung. Die weitere Entwicklung ist deshalb kaum abzusehen. Zudem führt auch die harte Corona-Politik in China zu einer Verschärfung der Lieferkettenprobleme und belastet die Weltwirtschaft. Der Dienstleistungssektor der Eurozone profitiert hingegen von der Lockerung der Corona-Maßnahmen.

Aussichten für Deutschland trüb

Omikron-Welle, Energiewende, Ukraine-Krieg, Preis-Schock - in Zeiten wie diesen ist es eine gute Nachricht, dass die deutsche Wirtschaft zu Jahresbeginn mit 0,2 Prozent zum Vorquartal zumindest leicht gewachsen ist. Das befürchtete zweite Minusquartal in Folge und damit eine sogenannte technische Rezession blieb aus. Dennoch: Der Jahresauftakt war schwach, der Krieg im Osten Europas und seine Folgen bremsen den erhofften kräftigen konjunkturellen Aufschwung nach der Erholung vom Pandemietief aus. Volkswirte halten die Gefahr einer Rezession nicht für gebannt.

War die Wirtschaftsleistung im Schlussquartal 2021 noch um 0,3 Prozent gesunken, profitierte das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den ersten drei Monaten des neuen Jahres von der Lockerung der Corona-Beschränkungen und leichten Zuwächsen bei der Industrieproduktion. Vor allem höhere Investitionen sorgten nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes vom Freitag für Wachstum, während der Außenbeitrag das Wirtschaftswachstum bremste.

Im März lagen die Preise für nach Deutschland importierte Waren nach Berechnungen der Wiesbadener Statistiker um 31,2 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Es war der stärkste Anstieg seit September 1974. Aus dem Ausland eingekaufte Energie verteuerte sich binnen Jahresfrist um 160,5 Prozent. Erdgas (plus 304,3 Prozent), Steinkohle (plus 307 Prozent), Strom (plus 440,8 Prozent) - im Vergleich zum März 2021 explodierten die Preise für viele Importwaren geradezu.

Ein weiteres Problem: Die mit zuletzt 7,4 Prozent im April rekordverdächtig hohe Inflation. Viele Verbraucherinnen und Verbraucher schränken ihren Konsum - teils notgedrungen - bereits ein. Die Verbraucherstimmung ist nach jüngsten Erhebungen der Konsumforscher der Nürnberger GfK auf den tiefsten Stand seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1991 abgesackt. Die Chefvolkswirtin der staatlichen Förderbank KfW, Fritzi Köhler-Geib, prognostiziert: «Durch die extrem hohen Energie- und Lebensmittelpreise wird vom einst erwarteten postpandemischen Konsumboom (...) nur wenig übrig bleiben.»

In diesem Umfeld sei es wichtig, «jetzt hierzulande Impulse für mehr Stabilität, Investitionen und Wachstum zu setzten», mahnte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, am Freitag. «Dazu brauchen wir Sicherheit bei der Energieversorgung und eine Beschleunigung bei Planung und Genehmigung von Investitionsprojekten.»

Hellmeyer: Keine neuen Belastungen für den Kapitalstock

Insbesondere mit Blick auf die hausgemachten Belastungen für die deutsche Wirtschaft (Stichwort: Energiewende) warnt der Volksiwrt Folker Hellmeyer vor weiteren Schwächungen des hiesigen Kapitalstocks. In seinem neuen Hellmeyer-Report warnt er:

Der deutsche Arbeitgeberverband hat sich zu Wort gemeldet. Die von diesem Verband ausgehenden mahnenden Worte, sollten in Berlin, aber auch in Brüssel, sehr ernst genommen werden. Ich habe in den letzten Wochen in diversen Formaten dieses Thema aufgenommen. Wenn wir den Kapitalstock Deutschlands und der EU (Summe aller Unternehmen, die für alle Zahlungsströme für Staat und Haushalte sorgen!), also den „Lebensbaum“ unserer Gesellschaft willentlich zerstören (auch Basis für Sozialstaat), können wir kaum noch dritten Ländern helfen, vielleicht nicht einmal uns selbst.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) warnte gestern vor drastischen Folgen eines russischen Erdgasgas-Lieferstopps für die deutsche Wirtschaft. O-Ton von Präsident Dulger: Bei einem Gas-Embargo, egal welche Seite es losträte, stünde dieses Land still. Eine solche Situation hätte katastrophale Auswirkungen für Unternehmer, Arbeitnehmer und nicht zuletzt den Staatshaushalt. Ein Gas-Stopp würde vor allem unsere chemische Industrie und die Grundstoffindustrie hart treffen. Dadurch wären direkt die Produktion von einem Großteil unserer Industrie-Produkte betroffen. Deswegen solle Deutschland so lange wie möglich ein Gas-Embargo verhindern.

In der Tat ist es so. Insbesondere ohne chemische Produkte, die in allen Produktionszweigen unverzichtbar sind, sind Unternehmen nicht mehr produktionsfähig. Das gilt auch für die Lebensmittelindustrie (Aspekt lebensnotwendige Grundbedürfnisse). Die Komplexität dieser Thematik scheint im intellektuellen Diskurs ein wenig zu kurz zu kommen. Als Fazit lässt sich ziehen, dass die existentiellen Risiken für den „Lebensbaum“ (Kapitalstock, Summe aller Unternehmen) in Deutschland und in Europa in der Nachkriegsphase nie größer war als derzeit. Der Preis, der hinsichtlich der Ukraine-Krise im Raum steht, kann sich am Ende desaströs für die EU und dann in der Folge auch für die Ukraine (ausbleibende Subvention) auswirken.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Unternehmenskrise in Deutschland: Großinsolvenzen erreichen neue Höchststände
11.01.2026

Die wirtschaftliche Lage vieler Unternehmen in Deutschland verschärft sich spürbar und reicht inzwischen über einzelne Branchen hinaus....

DWN
Finanzen
Finanzen D-Mark-Schatz: Menschen machen alte Scheine zu Geld
11.01.2026

Handgeschriebene Botschaften auf alten D-Mark-Scheinen: Was die Bundesbank im vergangenen Jahr zum Umtausch erhielt – und warum ein Teil...

DWN
Finanzen
Finanzen So lief das Börsenjahr 2025: Edelmetalle im Höhenflug und Krypto unter Druck
11.01.2026

Die Finanzmärkte haben sich zuletzt deutlich auseinanderentwickelt und Anleger vor neue Bewertungsfragen gestellt. Welche Anlageklassen...

DWN
Finanzen
Finanzen Anlagestrategie: Falsche Prognosen sind besser als keine Prognosen
11.01.2026

Prognosen sind notorisch unzuverlässig – und dennoch unverzichtbar. Ob Wetter, Kapitalmärkte oder Geschichte: Wir wissen, dass...

DWN
Technologie
Technologie Arbeitswelt 50 plus: Wie die KI ältere Arbeitnehmer benachteiligt
11.01.2026

Die KI ist nicht objektiv, sondern lernt aus dem Internet. Dort grassieren Vorurteile - auch gegenüber Arbeitnehmern über 50. Diese...

DWN
Politik
Politik Bundeswehr in Litauen: Litauens Präsident setzt auf deutsche Brigade ab 2027
11.01.2026

Ab Ende 2027 sollen in Litauen fast 5.000 Bundeswehr-Soldaten die Ostflanke schützen. Für Präsident Nauseda ist das gesetzt, trotz neuer...

DWN
Politik
Politik „America first“: USA steigen aus 66 internationalen Organisationen aus
11.01.2026

Die USA ziehen sich aus 66 internationalen Organisationen zurück. Der Austritt wird damit begründet, dass die Organisationen,...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Wochenrückblick KW 02: Die wichtigsten Analysen der Woche
11.01.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 02 des neuen Jahres fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...