Politik

Russland zielt auf Einkesselung der ukrainischen Truppen in Sjewjerodonezk

Russland führt neue Reserven an Sjewjerodonezk heran. Sie drohen die dort verharrenden ukrainischen Truppen von der Versorgung abzuschneiden und einzukesseln.
04.06.2022 10:34
Aktualisiert: 04.06.2022 10:34
Lesezeit: 2 min
Russland zielt auf Einkesselung der ukrainischen Truppen in Sjewjerodonezk
Ungefährer Frontverlauf um den drohenden Kessel bei Sjewjerodonezk. (Grafik: Google Maps/DWN)

--- UPDATE 10:53 Uhr ---

Russische Soldaten sprengen nach Angaben des Gouverneurs der ostukrainischen Region Luhansk Brücken in der umkämpften Stadt Sjewjerodonezk. Damit solle verhindert werden, dass militärische Ausrüstung und Hilfe für die Zivilisten in die Stadt gebracht werden könne, sagt Gouverneur Serhij Gaidai im Fernsehen. Ukrainische Einheiten hielten weiterhin ihre Stellungen in der Stadt und drängten russische Soldaten an mehreren Stellen zurück, sagt Gaidai. Die Industriestadt Sjewjerodonezk liegt am Siwerskji Donez, auf der anderen Seite des Flusses befindet sich ihre Zwillingsstadt Lyssytschansk.

--- ENDE UPDATE ---

Beim Kampf um die Stadt Sjewjerodonezk im ostukrainischen Gebiet Luhansk hat Russland die Angriffe nach ukrainischen Angaben mit Hilfe frischer Reserven fortgesetzt. «Mit Artillerieunterstützung führt der Feind Sturmhandlungen in der Ortschaft Sjewjerodonezk durch, hat seine Gruppierung mit der mobilen Reserve des 2. Armeekorps verstärkt, die Kämpfe in der Stadt halten an», teilte der ukrainische Generalstab am Samstag in seinem Lagebericht mit.

Russische Angriffe auf den Vorort Ustynowka seien ebenso erfolglos verlaufen wie eine versuchte Bodenoffensive im Raum Bachmut, berichtete der Generalstab. Die russischen Angriffe zielen darauf ab, die ukrainischen Truppen in Sjewjerodonezk von der Versorgung abzuschneiden und sie einzukesseln.

Die Gegend um Sjewjerodonezk und Lyssytschansk ist ein Ballungsraum, in dem vor dem Krieg 380 000 Menschen lebten. Sie ist der letzte Flecken im Gebiet Luhansk, der noch von kiewtreuen Truppen gehalten wird. In der vergangenen Woche sind die russischen Truppen erstmals in Sjewjerodonezk eingedrungen, doch die vollständige Einnahme der früheren Großstadt ist bislang nicht gelungen.

Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs verliefen auch die russischen Angriffe Richtung Slowjansk in der Nacht erfolglos. Erstürmungsversuche seien in den Ortschaften Bogorodytschne und Wirnopillja zurückgeschlagen worden, die Russen hätten Verluste erlitten.

Der Ballungsraum Slowjansk mit etwa einer halben Million Einwohner vor dem Krieg ist ein weiteres wichtiges Ziel der russischen Angriffe im Donbass. Dort liegt das Hauptquartier der ukrainischen Verteidigungskräfte in der Region.

Die Militärexperten des amerikanischen Institute for the Study of the War (ISW) teilten in einer aktuellen Lageeinschätzung mit, die Russen hätten im Raum Isjum etwa 20 taktische Bataillone für einen Vormarsch auf Slowjansk zusammengezogen. Es sei aber unwahrscheinlich, dass die russischen Truppen dort in den nächsten Tagen substanzielle Fortschritte machten.

Auch an anderen Frontabschnitten kaum Bewegung

Auch im Süden der Ukraine setzte das russische Militär seine Angriffe fort. In der Region Odessa habe am Samstagmorgen eine Rakete ein landwirtschaftliches Lager getroffen, schrieb ein Sprecher der Regionalregierung auf Twitter. Zwei Menschen seien verletzt worden.

Zudem wurden bei einem Angriff auf die Region Charkiw im Nordosten am Freitag zwei Menschen getötet. Zwei weitere seien verletzt worden, als ein ziviles Ziel von russischer Seite beschossen worden sei, meldete die ukrainische Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf Rettungskräfte.

Die russische Armee kontrolliert etwa ein Fünftel des ukrainischen Territoriums. Etwa die Hälfte davon - wie die annektierte Halbinsel Krim - geriet bereits 2014 unter Kontrolle Russlands beziehungsweise der von ihm unterstützten Separatisten im Donbass im Osten. Das übrige Gebiet haben die russischen Soldaten seit Beginn ihrer Invasion am 24. Februar eingenommen.

Seit einiger Zeit konzentriert Russland seine Offensive auf den Osten des Nachbarlandes. Seine Truppen rücken langsam, aber stetig vor. Es ist ihnen bislang jedoch nicht gelungen, die beiden Regionen Luhansk und Donezk, die den Donbass bilden, vollständig einzunehmen. Sollte das russische Militär Sjewjerodonezk und seine Zwillingsstadt Lyssytschansk auf der anderen Seite des Flusses Siwerskji Donez einnehmen, hätte es die Region Luhansk vollständig unter Kontrolle. Der russische Präsident Wladimir Putin hätte damit ein wichtiges Ziel erreicht.

Die russischen Truppen haben bereits im Süden der Ukraine Gebiete eingenommen. Sie haben die Kontrolle über die praktisch zerstörte Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer, das über die Straße von Kertsch mit dem Schwarzen Meer verbunden ist, und wollen die Krim über eine Landbrücke mit dem Donbass verbinden. Die Krim liegt zwischen dem nördlichen Schwarzen Meer und dem Asowschen Meer.

Russland bezeichnet sein Vorgehen in der Ukraine als einen militärischen Sondereinsatz zum Schutz der dortigen russischsprachigen Bevölkerung. Die Ukraine und westliche Staaten sprechen dagegen von einem nicht provozierten Angriffskrieg.

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