Politik

Existenzängste: Bauernaufstand in den Niederlanden

Nach Beschluss über existenzbedrohende Düngeregeln: Bauern leeren Güllefass vor dem Wohnhaus der niederländischen Umweltministerin. Die dortige Politik zeigt sich schockiert.
01.07.2022 11:31
Aktualisiert: 01.07.2022 11:31
Lesezeit: 2 min
Existenzängste: Bauernaufstand in den Niederlanden
Seit Tagen protestieren Landwirte in den Niederlanden gegen geplante Umweltauflagen. (Foto: dpa) Foto: Lex Van Lieshout Fotografie

Um bis zu 70 Prozent will die niederländische Regierung den Stickstoff-Ausstoß im Land reduzieren. Ein Schritt, der sich bereits 2019 angekündigt hatte, als der Raad van Staate, die oberste Verwaltungsgerichtsinstanz der Niederlande, das bislang geltende – und von Kritikern als unwirksam beschriebene – System zur Vergabe von Stickstoff-Lizenzen verwarf und die Behörden des Landes dazu verpflichtete, die Grenzwerte der EU-Naturschutzrichtlinie künftig einzuhalten. Jetzt kommt die Politik, trotz Warnungen der Bauern vor einer möglichen Eskalation, dem Urteilsspruch nach und verpflichtet die niederländischen Landwirte innerhalb einer Jahresfrist den Stickstoff-Ausstoß massiv zu reduzieren.

Regelung könnte Aus für 30 Prozent der niederländischen Bauernhöfe bedeuten

Gemeinhin ist die Rede dabei von einer Verringerung des Ausstoßes um 50 Prozent, in besonderen Naturschutzgebieten ist jedoch sogar eine Reduktion um 70 Prozent angedacht. Nach Regierungsangaben könne die Regelung das Aus für 30 Prozent der Bauernhöfe des Landes bedeuten. Umweltschützer untermauern die Notwendigkeit der Entscheidung mit dem Verweis auf leidende Naturschutzgebiete und seit Jahrzehnten sinkende Biodiversität, während die niederländische Landwirtschaft ihre Waren größtenteils exportiere. Schon 2019 gingen niederländische Bauern auf die Straße, als ein Politiker infolge des Stickstoff-Urteils forderte, den Viehbestand im Land massiv zu reduzieren.

Dass die Entscheidung der niederländischen Regierung am Dienstag letztlichen heftigen Widerspruch ausgelöst hatte, war nicht nur deshalb zu erwarten. Denn erst vor wenigen Tagen hatte sich Bart Kemp, ein Agraraktivist der sogenannten "Farmers Defence Force" in einer Videobotschaft an die Umweltministerin gewarnt, in der er vor weiterer Eskalation warnte. "Machen Sie einen Rückzieher von diesen desaströsen Plänen, reden Sie mit uns über eine fundamental andere Politik, setzen Sie den eingeschlagenen Weg nicht fort", wird Kemp von der "tagesschau" zitiert. "Lassen Sie die friedlichen Bauern-Aktionen nicht in einen Bauernaufstand eskalieren."

Bauern leerten Güllefass vor Haus der Umweltministerin

Als die Proteste gegen die neuen Düngeregeln am Dienstagabend dann eskalierten, sprach die niederländische Polizei dann von einer bedrohlichen und nicht akzeptablen Lage. Auch der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte verurteilte die Proteste, die letztlich darin gipfelten, dass Bauern sich vor dem Haus der verantwortlichen Umweltministerin Christianne van der Wal versammelten, dort Feuerwerk zündeten und ein Güllefass leerten. "Sie können demonstrieren, aber auf zivilisierte Weise", so Rutte am Mittwoch. Im Haus der Umweltministerin sollen ihre zwei Kinder anwesend gewesen sein, welche die Proteste laut Rutte verschreckt hätten.

Darüber hinaus seien ein Polizeiwagen beschädigt und mit Heu vollgestopft, Straßen verbarrikadiert, Strohballen angezündet, und Beamte angegriffen und bedrängt worden sein. Die niederländische Polizei urteilt schließlich, im Zuge der Proteste seien Grenzen überschritten worden. Gegenüber "tagesschau" betont die Politikerin Caroline van der Plas, die mit ihrer Partei "Boer Burger Beweging" die niederländischen Bauern im Parlament vertritt, dass diese sich unter Druck gesetzt fühlten. Ihnen bleibe nur die Wahl, auf Öko-Landbau umzustellen, umzuziehen oder aufzugeben.

Bauernvertreterin: Pläne der Regierung "inhuman" und "unverhältnismäßig"

"Wir stehen kurz davor, dass in den Niederlanden der gesamte Agrarsektor so gut wie weggefegt wird aus diesem Land", warnt sie. Bereits Wochen vor der endgültigen Entscheidung der Regierung bezeichnete sie deren Umweltschutz-Pläne als "inakzeptabel", "inhuman, perspektivlos, juristisch nicht gerechtfertigt" und "unverhältnismäßig". Geert Wilders, Vorsitzender der rechten Partij voor de Vrijheid (PVV) sah neben den niederländischen Bauern auch die niederländische Lebensmittelversorgung gefährdet. Jenseits der lauten Kritik seitens der Bauernvertreter und Rechtsparteien gilt das Vorhaben der Regierung im niederländischen Parlament als breit unterstützt.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gold erlebt ein Comeback: Wie das MTS Money Transfer System Sicherheit und digitale Freiheit verbindet

Steigende Staatsverschuldung, Inflation und geopolitische Spannungen stärken die Bedeutung von Gold als Vermögenswert. Das MTS Money...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Xiaomi-Elektroautos: Warum dieser Milliardär Volkswagen und Tesla gefährlich werden könnte
31.10.2026

Er verkaufte Smartphones, wurde Milliardär und stieg schließlich ins Autogeschäft ein. Mit seinem ersten Elektroauto gelang Xiaomi-Chef...

DWN
Panorama
Panorama Kommunale Schulden wachsen deutlich: Deutschlands Städte unter Druck, die KfW warnt
31.10.2026

Die integrierte Verschuldung der deutschen Kommunen ist 2025 deutlich gestiegen. Ende des Jahres entfielen rechnerisch 4.907 Euro Schulden...

DWN
Unternehmen
Unternehmen 70 Jahre Fernsehwerbung: Das beste Marketing, das Deutschland nie vergessen hat
31.10.2026

Ein Fleck auf der Tischdecke, ein Waschmittel und ein Satz, der hängen blieb: 1956 begann die Fernsehwerbung in Deutschland. Seitdem haben...

DWN
Immobilien
Immobilien Heizungstausch finanzieren: So nutzen Eigentümer Förderung, Kredit und Steuerbonus
31.10.2026

Eine neue Heizung kann langfristig Geld sparen, verlangt zunächst aber eine beträchtliche Investition. Eigentümer müssen deshalb...

DWN
Finanzen
Finanzen Vermögensbarometer 2026: ETF-Boom hält an, Anteil der Privatanleger stagniert
31.10.2026

ETFs werden in Deutschland immer beliebter, doch der Anteil der Menschen mit Wertpapieren stagniert. Das neue Vermögensbarometer des...

DWN
Finanzen
Finanzen KfW-Gründerkredite: 225 Millionen Euro zugesagt – doch Banken werden strenger
31.10.2026

Die staatliche Förderbank KfW hat im ersten Halbjahr 2026 deutlich mehr Gründerkredite zugesagt. Gleichzeitig verschärfen deutsche...

DWN
Immobilien
Immobilien Gebäudetyp E: Weniger Extras sollen den Wohnungsbau günstiger machen
31.10.2026

Weniger Steckdosen, dünnere Decken und niedrigere Baukosten: Der Gebäudetyp E soll den Wohnungsbau in Deutschland erleichtern. Ein neuer...

DWN
Panorama
Panorama Volvo ebenso verdächtig wie BYD: Polnisches Militär verhängt Verbot für Friedhofsparkplätze
31.10.2026

Das Militär führt Einschränkungen für Autofahrer ein, die rund um Allerheiligen den Parkplatz am Osobowicki-Friedhof in Breslau nutzen...