Wirtschaft

Energiekrise in Europa treibt Preise für LNG-Frachter in die Höhe

Die europäische Energiekrise hat einen Bieterwettkampf um LNG-Tanker ausgelöst - mit weltweit spürbaren Folgen.
Autor
avtor
28.08.2022 09:00
Lesezeit: 4 min
Energiekrise in Europa treibt Preise für LNG-Frachter in die Höhe
Ein LNG-Frachter liegt vor Dakar. Es ist ein Bieterwettlampf zwischen zwei Weltregionen ausgebrochen. (Foto: dpa) Foto: Michael Kappeler

Die europäische Energiekrise hat einen Bieterwettkampf um LNG-Tanker ausgelöst. Die Frachtschiffe, mit denen Flüssiggas um die Welt verschifft wird, sind rar und heiß begehrt. Es mangelt weltweit an Schiffen, um die gestiegene Nachfrage aus Europa und Asien zu decken. Große Reedereien in Südkorea haben bis 2027 keine freien Kapazitäten für den Neubau. Der Anstieg der Frachtraten wiederum erhöht den Gaspreis in Europa weiter – und Entspannung auf dem Markt ist nicht in Sicht.

Die anhaltende Energiekrise in Europa treibt die Preise für LNG-Frachtschiffe auf neue Rekordhöhen. LNG-Tanker sind Spezialschiffe, mit denen verflüssigtes Gas (Liquified Natural Gas, LNG) um die Welt transportiert werden kann. Ohne LNG-Tanker können Länder wie Deutschland kein Flüssiggas beziehen, da es in die Exportländer keine Pipelines gibt. Neben Deutschland bezieht auch eine Reihe asiatischer Staaten große Mengen Flüssiggas, um ihre Energiesicherheit zu gewährleisten. Zwischen Europa und Asien ist nun ein Bieterwettkampf ausgebrochen, der sich nicht nur auf die Flüssiggasvorräte, sondern zunehmend auch auf die LNG-Frachtschiffe ausweitet.

Bieterwettkampf zwischen Europa und Asien um LNG-Frachter

Das durch den Ukraine-Krieg angespannte Verhältnis zu Russland gefährdet aktuell die Energiesicherheit in Europa. Besonders Deutschland hat sich über Jahrzehnte abhängig gemacht von russischen Rohstoffen und versucht nun den Wegfall des russischen Erdgases durch Flüssiggas aus den USA und Katar zu kompensieren. Das amerikanische Flüssiggas ist dabei bis zu sieben Mal teurer als russisches Erdgas. Ein Grund für den hohen Preisunterschied ist das energieintensive Verfahren, mit dem das durch Fracking gewonnene Erdgas zunächst auf minus 260 Grad Celsius abgekühlt und verflüssigt wird, um es anschließend per Schiff zu Terminals in Europa zu transportieren.

Europa hat seine Nachfrage nach LNG-Gas drastisch erhöht und konkurriert dabei mit vielen asiatischen Staaten wie Südkorea, Japan und Indien um ein begrenztes Gasangebot, das mit einer begrenzten Anzahl von Schiffen transportiert wird. Die Hitzewelle in Asien hat auch dort die Nachfrage nach Flüssiggas stark erhöht. Laut einem Bericht des Wall Street Journal hat der Bieterwettkampf zwischen Europa und Asien zu einem Anstieg der Aufträge für neue LNG-Tanker und auch zu einem sprunghaften Anstieg der Charterpreise für die Gastanker geführt. Das wiederum lässt auch den Gaspreis unaufhörlich ansteigen.

Die Gaspreise in Europa stiegen am Montag vergangener Woche um weitere 15 Prozent, nachdem Russland bekannt gegeben hatte, dass es Ende des Monats eine wichtige Pipeline wegen unerwarteter Wartungsarbeiten vorübergehend schließen zu müssen. Der Anstieg in Europa wiederum ließ auch den Erdgasmarkt in den USA um 3,7 Prozent auf den höchsten Stand seit 2008 steigen. Händler gehen davon aus, dass die Gaspreise und Tankerraten noch weiter steigen werden, wenn China vor Winterbeginn wieder auf dem Markt aktiv wird. Dort war die Nachfrage zuletzt als Folge der Lockdowns vorübergehend gesunken.

Charterpreise für LNG-Tanker haben sich in einem Jahr verdoppelt

Laut dem Branchenportal Spark Commodities sind die täglichen Charterraten für bestehende LNG-Tankschiffe, die Händler zwischen Mitte September und Mitte November für die Route von den USA nach Europa zahlen müssen, auf rund 105.000 US-Dollar pro Tag gestiegen. Für die Zeit zwischen Juni bis August lagen sie noch bei etwa 64.000 US-Dollar und etwa vor einem Jahr bei rund 47.000 US-Dollar pro Tag. Zuletzt lagen die Charterpreise für einen einzigen Tag im Juni über 100.000 US-Dollar. Doch nachdem der Betrieb der US-Exportanlage „Freeport“ durch einen Brand eingestellt werden musste, fielen die Charterpreise in der Folge wieder.

Händler gehen davon aus, dass die Charterpreise sogar noch weiter steigen werden. Sobald die Anlage in „Freeport“ wieder ans Netz geht – was voraussichtlich im Oktober geschehen soll – werden die USA ihre LNG-Exporte wieder erhöhen, was zu einer weiteren Verknappung der verfügbaren Tanker führen wird. Zudem sind Gasexporteure angesichts der anhaltenden Energiekrise in Europa darum bemüht, langfristige Verträge für die Tanker abzuschließen, was den verfügbaren Pool an Schiffen weiter senkt.

Laut dem Schiffsmakler Poten & Partners werden die verfügbaren Frachtschiffe zum Gastransport bereits knapp. Demnach steht für eine Fahrt nach Asien in den nächsten zwei Monaten nur ein einziger LNG-Tanker zur Verfügung und im Atlantischen Ozean sei in der nächsten Zeit gar kein Schiff mehr zu bekommen. „Alles, was es da draußen gibt, wird weggeschnappt“, sagte Toby Copson, Leiter der Handels- und Beratungsabteilung bei Trident LNG in Shanghai, gegenüber dem Wall Street Journal. „Im Endeffekt bieten Europa und Asien gegeneinander und befeuern den Markt.“

Nicht genügend LNG-Tanker verfügbar, um russisches Erdgas zu ersetzen

Europa steht vor einem weiteren Problem, denn weltweit gibt es nicht genügend LNG-Tanker, um russisches Erdgas komplett durch Flüssiggas zu ersetzen. 2020 importierte Europa laut dem BP Statistical Review of World Energy rund 168 Milliarden Kubikmeter Erdgas über Pipelines aus Russland. Um die gleiche Menge per Schiff aus anderen Märkten wie den USA oder Katar zu importieren, wären laut dem Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik (ISL) zusätzliche Transportkapazitäten für circa 280 Millionen Kubikmeter Flüssiggas erforderlich. Bei einer Standardgröße der LNG-Tanker von 174.000 Kubikmetern und durchschnittlichen zehn Fahrten pro Jahr, müssten allein für den europäischen Bedarf 160 neue Schiffe bereitstehen.

Der Baupreis für einen LNG-Tanker lag im April laut ISE noch bei etwa 220 Millionen US-Dollar. Inzwischen sind auch diese Preise deutlich gestiegen. Durch steigende Stahlpreise und begrenzte Werftkapazitäten liegen die Neubaupreise nun bei 240 Millionen US-Dollar pro Schiff. Europa müsste also etwa 38 Milliarden US-Dollar in den Aufbau einer LNG-Flotte stecken, um russische Pipeline-Importe komplett ersetzen zu können. Derzeit besteht die weltweite Flotte an LNG-Tankern aus 680 Schiffen. Zudem sind 257 neue Schiffe bestellt und sollen die Flotte bis 2025 ergänzen.

Trotz der gestiegenen Herstellungskosten verzeichnete der Markt für LNG-Tanker in diesem Jahr Rekordgewinne. Laut dem Londoner Schifffahrtsunternehmens Clarkson haben die Kunden im Jahr 2022 bisher 24,1 Milliarden Dollar für neue LNG-Tanker ausgegeben. Damit haben sie bereits den Jahresrekord von 15,6 Milliarden Dollar aus dem Jahr 2021 übertroffen. Die meisten LNG-Schiffe werden in Spezialwerften in Südkorea hergestellt. Die südkoreanischen Reedereien sind bis Ende 2027 ausgebucht. Weitere Werften für die Herstellung befinden sich in Russland und China. Größter Auftraggeber für neue LNG-Schiffe ist derzeit Katar, das selbst auf großen Mengen Gas sitzt, die es auf die Weltmärkte bringen will.

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André Jasch

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André Jasch ist freier Wirtschafts- und Finanzjournalist und lebt in Berlin.  

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